Aktien-Depot der Eltern erben: Die 12-Schritte-Checkliste, die nichts vergisst
Ein Aktien-Depot zu erben ist anders als ein Bank-Konto: Steuer-Fristen laufen, der Broker fordert Erbschein-Originale, und ohne Wissen über Anschaffungskosten-Übernahme kannst du eine 5-stellige Steuer-Falle auslösen. Diese Checkliste führt dich Schritt für Schritt durch die ersten 12 Wochen — von der Sterbeurkunde bis zur strategischen Entscheidung „behalten, umschichten oder verkaufen?“.
Anders als in den USA (stepped-up basis) übernimmst du in Deutschland die ursprünglichen Anschaffungskosten der Eltern. Hat dein Vater 1995 Apple-Aktien für 5.000 € gekauft und sie sind heute 250.000 € wert: Beim Verkauf zahlst du Abgeltungssteuer auf 245.000 € Gewinn — das sind ~64.000 € Steuer. Wer das nicht weiß, plant falsch.
Phase 1: Erste 4 Wochen — Sofortmaßnahmen
- Sterbeurkunde besorgen (Standesamt, 10–15 €/Original). Du brauchst 5–10 Originale — Bank, Versicherung, Broker, Grundbuch, Finanzamt, Notar wollen alle eines.
- Broker informieren: Schriftlich Sterbeurkunde + Erbschein/Testament einreichen. Bis dahin friert das Depot ein — keine Trades möglich.
- Erbschein beantragen beim Nachlassgericht (Amtsgericht). Kosten: ca. 1 % des Nachlasswerts. Bei notariellem Testament oft entbehrlich.
- Bestandsaufnahme: Alle Depots, Konten, Bausparverträge dokumentieren. Bei mehreren Brokern: jede Bank separat anschreiben.
- Anschaffungskosten beim Broker anfragen — Stichtag: Original-Kauftag der Eltern. Wichtig: Bei alten Beständen vor 2009 (Vor-Abgeltungssteuer-Ära) gelten Sonderregeln.
Phase 2: Wochen 5–8 — Steuerliche Klarheit
- Erbschaftsteuer anzeigen binnen 3 Monaten beim zuständigen Finanzamt. Auch wenn keine Steuer anfällt — Anzeigepflicht besteht.
- Freibeträge prüfen: Kinder 400.000 € pro Elternteil, Enkel 200.000 €. Bei normalen Depots meist kein Steuerproblem.
- „Vor 2009“-Aktien identifizieren: Bestände, die deine Eltern vor 1.1.2009 gekauft haben, sind nach 1 Jahr Haltedauer beim Verkauf komplett steuerfrei — eine Goldgrube, die viele Erben verschenken.
- Verlustverrechnungstöpfe: Übernimmst du nicht — sie verfallen mit Tod. Verlustbescheinigung bis 15.12. anfordern, in deine Steuererklärung übertragen.
Phase 3: Wochen 9–12 — Strategische Entscheidung
| Situation | Empfehlung | Warum |
|---|---|---|
| Welt-ETF im Depot | Behalten | Schon optimal diversifiziert |
| Einzelaktien (10–20 Werte) | Stufenweise umschichten in ETFs | Klumpenrisiko reduzieren |
| 1–3 Klumpen-Aktien (z. B. Daimler, Allianz) | Über 3–5 Jahre verkaufen | Steuer optimal verteilen |
| Vor-2009-Bestände mit hohem Gewinn | Halten oder gezielt verkaufen | Steuerfreier Gewinn, Vorteil voll mitnehmen |
| Aktive Fonds mit hohen Kosten | Sofort umschichten | 1–2 % Gebühren p. a. fressen Rendite |
Pro & Contra: Behalten vs. Verkaufen
- Latente Steuerlast vermeiden — Verkauf realisiert Gewinne und löst Abgeltungssteuer aus.
- Vor-2009-Aktien sind Steuer-Geschenk — niemals leichtfertig verkaufen.
- Emotional: „Aktie meines Vaters“ — manche Erben halten aus persönlichen Gründen.
- Dividendenstrom oft solide bei Old-Economy-Aktien.
- Klumpenrisiko in 1–5 Aktien ist real — Diversifikation rettet vor Einzelaktien-Crashes.
- Aktive Fonds raus: 1–2 % Gebühren p. a. sind Rentensparbuch der Bank, nicht von dir.
- Gestaffelt: Über 3–5 Jahre verkaufen, Sparerpauschbetrag (1.000 €) jährlich nutzen.
- Mental Reset: Du bist nicht dein Vater — eigene Strategie passt besser zu deinem Alter.
Beispielrechnung: 200.000 € Erbe-Depot
Du erbst ein Depot mit 100.000 € Einzelaktien (Allianz, Daimler) + 70.000 € aktivem Aktienfonds + 30.000 € Welt-ETF. Mutter kaufte 1998. Was bringt Umschichtung?
Pro-Tipp: Vor-2009-Aktien sofort verkaufen und in Welt-ETF umschichten — Steuerfreiheit wird genutzt, Diversifikation hergestellt. Aktiver Fonds rauf-jahresweise verkaufen.
Häufige Fehler von Erben
- Aus emotionalen Gründen alles halten — und 5 Jahre später bei Crash zwangsweise verkaufen müssen.
- Sofort alles verkaufen — und Vor-2009-Steuerfreiheit verschenken (Zehntausende €).
- Anschaffungskosten nicht dokumentiert — Broker-Daten gehen verloren, Finanzamt setzt 30 % Pauschale (sehr ungünstig).
- In den ersten Wochen Investment-Berater anhören — die wittern Provision und drücken Riester/Lebensversicherung an.
- Bafög oder Familienversicherung vergessen: Erbe zählt als Vermögen/Einkommen — kann beim Studium Bafög killen.
Häufige Fragen
Wie lange friert der Broker das Depot ein?
Bis Sterbeurkunde + Erbschein vorliegen — typisch 6–12 Wochen. In dieser Zeit keine Trades möglich, aber Dividenden laufen normal aufs Verrechnungskonto. Bei längerer Markt-Schwäche kannst du nichts tun, das ist die größte Sorge vieler Erben.
Was, wenn die Eltern bei mehreren Brokern Depots hatten?
Jeder Broker einzeln anschreiben, alle wollen separate Erbschein-Kopien. Mit dem Erbschein-Original hast du quasi „Generalvollmacht“ und kannst alles konsolidieren — typisch in einem Depot bei deiner Hausbank.
Kann ich das geerbte Depot in mein bestehendes Depot übertragen?
Ja, kostenlos via „Depot-Übertrag“ (in DE gesetzlich kostenfrei, §134 InvG). Anschaffungskosten und Spekulationsfristen werden dabei mitgenommen. Wichtig: nicht an einen Discount-Broker im EU-Ausland übertragen, falls Vor-2009-Steuerfreiheit-Bestände dabei sind — die ist an deutsche Broker-Dokumentation gebunden.
Wie wird der Erbschaftsteuer-Wert ermittelt?
Stichtagswert am Todestag — Schlusskurs der Aktie. Bei volatilen Aktien (z. B. Tesla nach Crash) kann der Bewertungs-Stichtag um Tage zu hoch oder niedrig liegen. Mehr Spielraum gibt es bei Immobilien, weniger bei Aktien.
Was ist mit Krypto im Erbe?
Krypto wird wie Aktien behandelt — Anschaffungskosten der Eltern übernommen, Steuer-Spekulationsfrist 1 Jahr. Aber: Wenn die Eltern keine Wallet-Zugangsdaten hinterlegt haben, ist das Krypto faktisch verloren. Wichtige Vorsorge-Diskussion mit Eltern!
Lohnt sich ein Steuerberater?
Bei Depots > 100.000 € ja — 200–500 € Pauschale für eine Erst-Beratung sparen oft 5-stellige Summen. Spezialist „Erbschaftsteuer/Wertpapier“ ist ideal — nicht jeder Steuerberater hat darin Erfahrung.
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