Es ist eine der wichtigsten Marktaussagen der Woche, und sie kommt von einem Mann, der den 1987er-Crash vorhergesagt hat. Paul Tudor Jones, Milliardär und Hedgefonds-Legende, gab am Donnerstagmorgen ein Interview im CNBC Squawk Box. Seine Botschaft: Die KI-getriebene Hausse hat noch ein bis zwei Jahre vor sich. Aktuell befänden wir uns im “1999-Modus” — etwa ein Jahr bevor die Dotcom-Aktien Anfang 2000 ihren Höhepunkt erreichten. Wenn die Rally endet, so Jones, könnte der Drawdown signifikant sein. “Stell dir vor, der Aktienmarkt steigt nochmal um 40 Prozent. Die Aktienmarkt-Bewertung im Verhältnis zum BIP wäre dann bei 300 bis 350 Prozent. Du weißt einfach, dass es dann irgendeinen Auslöser geben wird.” Diese Worte landen in einem Markt, der gerade wieder Rekordhochs gemacht hat — der S&P 500 schloss am Mittwoch mit 7.365 Punkten erstmals über 7.300, der Nasdaq über 25.838.
Was Jones wirklich sagt
Hinter der “1999”-Metapher steckt eine konkrete Analyse historischer Tech-Booms. Jones verweist auf zwei Parallelen: die Dominanz von Microsoft in den 1980er Jahren und die Kommerzialisierung des Internets Mitte der 1990er. Beide Phasen brachten Jahre an Produktivitätsgewinnen und Markt-Aufwärtsbewegungen. KI sei aktuell in einer ähnlich frühen Phase — die Technologie sei noch nicht reif, aber der Markt preise sie bereits aggressiv. Wenn der KI-Boom dem Internet-Boom folgt, sind 1-2 Jahre weitere Hausse denkbar bevor die Bewertungs-Realität greift.
Diese Aussage hat zwei Lesarten. Die bullishe: Jones bestätigt den Trade — wer KI-Aktien hält, kann weitere 1-2 Jahre starke Performance erwarten. Die bearishe: Wenn ein Investor seines Kalibers schon den Vergleich mit 1999 zieht, sollten Anleger ab jetzt mit erhöhter Vorsicht Position-Sizing betreiben. Ein Drawdown nach 1-2 Jahren auf einem 40-Prozent-Aufschlag wäre rechnerisch ein 30-50-Prozent-Sturz vom dann erreichten Hoch. Das ist nicht trivial.
Der AMD-Datenpunkt der die Story trägt
AMDs Q1-Earnings vom Dienstagabend lieferten gestern ein wichtiges Detail das die Bullen-These stützt. AMD-Bestände von 8,045 Milliarden Dollar zum Quartalsende. Davon waren 31,6 Prozent fertige Ware (gegenüber 21,1 Prozent vor einem Jahr). Nur 9,3 Prozent waren Rohmaterialien (gegenüber 8,7 Prozent vor einem Jahr). Diese Verschiebung zeigt: AMD produziert massiv mehr fertige Chips als zuvor und plant offenbar keine Verlangsamung. Lisa Su, AMDs CEO, würde nicht 32 Prozent ihrer Bestände als fertige Produkte halten, wenn die Nachfrage seitens Hyperscaler nachließe.
Su revidierte gestern die Wachstumserwartungen für AMD nach oben: über 35 Prozent jährliches Wachstum, ein adressierbarer Markt von 120 Milliarden Dollar bis Ende des Jahrzehnts. Goldman Sachs hob das Kursziel auf 250 Dollar an. AMDs Aktie hatte am Mittwoch 18,6 Prozent zugelegt — der größte Single-Day-Gewinn einer Mag-7-Aktie seit Jahren.
Microsoft erhöht Capex um 25 Milliarden
Die Capex-Eskalation der Hyperscaler hat sich gestern weiter verschärft. Microsoft hob seine Capex-Prognose für das Jahr um 25 Milliarden Dollar an. Meta um 10 Milliarden. Beide Konzerne nannten “höhere Komponentenkosten” als Begründung — eine Sprache die zeigt, dass selbst die Hyperscaler nicht mehr so kaufen können wie sie wollen. Sie müssen mehr zahlen pro Chip-Einheit. Das ist gut für AMD und Nvidia, aber es zeigt auch dass die Capex-Welle nicht aus Strategie-Wahl, sondern aus Notwendigkeit eskaliert.
Eine Random-Walk-Beobachtung: Micron wird laut Wall-Street-Schätzungen 2026 80 Cents Bruttogewinn pro Dollar Umsatz generieren. Halbleiter-Hersteller haben aktuell Pricing Power die seit den 90er Jahren nicht mehr gesehen wurde. Das bestätigt Jones’ 1999-Vergleich auf einer technischen Ebene: damals wie heute sind die Picks-and-Shovels-Anbieter (Cisco/Intel damals, Nvidia/AMD/Micron heute) die größten Gewinner der frühen Phase einer Technologie-Welle.
Der Iran-Friedensplan rückt näher
Geopolitisch hat sich die Lage von Montag dramatisch entspannt. Iran prüft aktuell einen 14-Punkte-Vorschlag der USA zur Beendigung des Konflikts. Pakistan vermittelt zwischen den Parteien. Donald Trump erklärte am Donnerstagvormittag, dass er “sehr gute Gespräche” mit Iran geführt habe und dass “es sehr gut möglich ist, dass wir einen Deal machen”. Iran wird seine Antwort auf den 14-Punkte-Plan noch heute via Pakistan zurückspielen.
Die Marktreaktion ist eindeutig: Brent fiel um 3,8 Prozent auf 97,38 Dollar — von über 115 Dollar zu Wochenanfang. WTI fiel auf 91 Dollar. Wenn der Konflikt diese Woche tatsächlich beendet wird, wäre das einer der stärksten makroökonomischen Bullish-Trigger seit der COVID-Wiedereröffnung. Niedrigere Ölpreise bedeuten niedrigere Inflation, niedrigere Fed-Zinsen, höhere Aktien-Bewertungen.
Fortinet 22 Prozent höher
Außerhalb der Schlagzeilen hat Fortinet gestern eine Story gemacht die weniger Aufmerksamkeit bekommen hat als sie verdient. Q1-Earnings über alle Erwartungen, OT-Security-Billings (Operational Technology) plus 70 Prozent, eine Milliarde Dollar Free Cash Flow in einem Quartal. Aktie plus 22 Prozent in den After-Hours, weitere Gewinne am Donnerstag. Cybersecurity ist eine Sub-Story der KI-Welle: mehr KI bedeutet mehr Angriffsflächen, mehr KI-gestützte Angriffe, mehr Bedarf an KI-gestützter Verteidigung. Fortinet, Palo Alto Networks und CrowdStrike sind die Hauptprofiteure.
DoorDash hat zudem starke Q2-Guidance gegeben und legte plus 1 Prozent zu. Datadog und Vistra trugen ebenfalls zur breiten Earnings-Stärke bei. Whirlpool hingegen verlor nach schwachen Zahlen — ein Hinweis dass die Konsumenten bei Großgeräten zurückhaltender werden. Mehr dazu wenn die Mai-Konsumdaten kommen.
Was Jones-Wahrheit für Retail-Investoren bedeutet
Jones’ 1999-Vergleich ist keine Verkaufsempfehlung — er ist eine Position-Sizing-Empfehlung. Drei konkrete Folgen für Retail-Investoren. Erstens: Wer aktuell stark in Mag-7-Konzentriertes Portfolio investiert ist, sollte über die nächsten 6-12 Monate diversifizieren. Picks-and-Shovels (Vertiv, Constellation Energy, Quanta Services) bieten weniger Bewertungs-Risiko als Nvidia oder Palantir. Internationale Märkte (Nikkei +5% gestern) sind weniger gepreist als US-Mag-7.
Zweitens: Sparpläne nicht stoppen. Wenn Jones’ Vergleich stimmt und wir noch 1-2 Jahre Hausse haben, sind die nächsten 12-24 Monate Sparplan-Beträge im Schnitt unter den Höchstständen, sobald die Korrektur kommt. Das ist gut für Long-Term-Investoren.
Drittens: Cash-Position erhöhen. Berkshire hält 400 Milliarden Cash. Kleinere Investoren sollten 10-20 Prozent ihres Portfolios in Cash oder Geldmarkt-ETFs (FTSE Money Market) halten. Wenn die Korrektur kommt, willst du Pulver trocken haben.
Der Nasdaq-Backtest macht Mut und Sorge
Der Nasdaq-100 hat in den letzten 10 Jahren 540 Prozent zugelegt — fast doppelt so viel wie der S&P 500. Der Invesco QQQ Trust ist ein zentrales Investment-Vehikel. Die Top-Holdings — Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft — machen fast die Hälfte des ETFs aus. Nvidia allein 8,4 Prozent. Diese Konzentration ist gleichzeitig die Stärke und die Schwäche. Stärke: in einem Bullenmarkt outperformt der QQQ den breiten Markt deutlich. Schwäche: bei einer Mag-7-Korrektur überproportional Verlust.
Wer langfristig glaubt dass KI weiter wächst, kauft QQQ und hält. Wer glaubt dass Jones recht hat und wir in 1-2 Jahren einen 30-50%-Drawdown sehen, kauft entweder VOO (S&P 500, weniger konzentriert) oder hält mehr Cash bis zur Korrektur. Beides sind valide Ansätze — der schlimmste Fehler wäre, voll im QQQ zu sein und in der Korrektur zu panikverkaufen.
Bottom Line
Paul Tudor Jones hat den S&P 500 nicht abverkauft. Er hat einen historischen Vergleich gezogen der zwei Botschaften gleichzeitig sendet: Die Hausse läuft weiter (1-2 Jahre), aber die Endphase wird brutal. Anleger die das verstehen, positionieren sich jetzt anders als noch vor 6 Monaten. Sie diversifizieren, halten mehr Cash, vermeiden über-konzentrierte Mag-7-Positionen. Die Iran-Friedens-Hoffnung am Donnerstag und Microsoft/Meta-Capex-Erhöhungen liefern kurzfristig Rückenwind. Aber wer Jones gestern aufmerksam zugehört hat, weiß: das hier ist nicht die Phase um aggressiv zu kaufen. Es ist die Phase um zu halten was man hat, defensiv aufzustellen, und wann immer möglich Gewinne nach unten zu sichern.
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