Cum-Ex und Cum-Cum: Der größte Steuerraub Deutschlands erklärt (2026)
Es ist der größte Steuerraub der deutschen Geschichte — und gleichzeitig einer der am wenigsten verstandenen. Banken, Anwälte und Hedgefonds haben dem deutschen Staat zwischen 2001 und 2012 schätzungsweise 36 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen. Nicht über klassische Steuerhinterziehung, sondern über einen Trick, der Kapitalertragsteuer mehrfach erstatten ließ — auf Aktien, die an mehrere Käufer gleichzeitig “verkauft” wurden. Das ist der Cum-Ex-Skandal. Sein kleinerer Bruder Cum-Cum war im Volumen sogar noch größer. 2026 stehen Verfahren immer noch an Karlsruher Gerichten — und die Politik ringt mit den Konsequenzen. Hier ist der vollständige Guide zum größten Steuerraub Deutschlands, was er für Anleger heute bedeutet, und warum die USA mit Section 1058 ein eigenes Pendant haben.
1. Cum-Ex in einer Minute
Cum-Ex (“mit-ohne”) ist ein Steuertrick rund um den Dividendenstichtag. Der Name kommt aus dem Latein: Eine Aktie wird gekauft cum (mit) Dividendenanspruch und kurz darauf wieder verkauft ex (ohne) — exakt um die Dividendenausschüttung herum. Klingt harmlos. Wird kriminell, sobald drei oder mehr Parteien sich gegenseitig die gleichen Aktien zuschieben und am Ende zwei oder mehr Steuerbescheinigungen für ein und dieselbe Steuer ausstellen.
Das deutsche Finanzamt kennt nur ein Stück Aktie und die einmal abgeführte Kapitalertragsteuer (KESt) — erstattet aber an Bank A und an Bank B und an Bank C die Steuer, weil jede Bank glaubhaft eine Bescheinigung vorlegen kann. Aus 25 % Kapitalertragsteuer auf 1 € Dividende werden so flugs 50 oder 75 Cent an Steuererstattung. Der Staat zahlt mehr aus, als er jemals eingenommen hat. Die Beteiligten teilen sich die Differenz.
Der Skandal wurde 2017 mit einem internationalen Recherche-Konsortium (“CumEx Files”) publik, die ersten Verurteilungen kamen 2018, der Bundesgerichtshof (BGH) erklärte das Modell 2021 endgültig für strafbar. Trotzdem laufen die juristischen Aufarbeitungen 2026 weiterhin auf vollen Touren — gegen die Hauptakteure ebenso wie gegen die mitverantwortlichen Bankvorstände.
2. Der Mechanismus — wie wurden 36 Milliarden gestohlen
Um zu verstehen, wie das funktionierte, muss man drei Bausteine kennen: Kapitalertragsteuer, Leerverkäufe und Steuerbescheinigung.
Schritt 1 — Die Kapitalertragsteuer (KESt). Wenn ein deutsches DAX-Unternehmen Dividende zahlt, behält es 25 % als Kapitalertragsteuer (plus Soli) ein und überweist sie direkt ans Finanzamt. Der inländische Aktionär bekommt die nettogekürzte Dividende und eine Steuerbescheinigung, mit der er die einbehaltene Steuer auf seine eigene Steuererklärung anrechnen oder zurückfordern kann.
Schritt 2 — Der Leerverkauf um den Dividendenstichtag. Hier kommt die Kreativität ins Spiel. Investor A besitzt 100.000 Aktien Volkswagen, kurz vor der Hauptversammlung. Investor B (oder ein Hedgefonds) verkauft “leer” — also Aktien, die er gar nicht besitzt — an Investor C, mit Lieferdatum kurz nach der Dividendenausschüttung. Bis zum Stichtag hält B keine Aktien, kann sie aber liefern, indem er sie sich von A leiht oder am Markt nachkauft.
Schritt 3 — Die doppelte Bescheinigung. Genau hier kommt der Kniff. Sowohl A als auch C glauben, die Aktie über den Dividendenstichtag gehalten zu haben. Beide bekommen von ihrer Bank eine Steuerbescheinigung — obwohl die KESt nur einmal vom Emittenten ans Finanzamt geflossen ist. Wird mit drei oder vier verschachtelten Investorenkreisen gearbeitet, verdoppelt oder verdreifacht sich die Erstattung.
Eingenommen vom Staat: 25 € KESt auf 100 € Dividende.
Erstattet an Investor A: 25 €.
Erstattet an Investor C: ebenfalls 25 €.
Resultat: Der Staat zahlt 50 € aus, hat aber nur 25 € eingenommen. Differenz von 25 € teilen sich Banken, Anwälte und Investoren.
Skaliert auf eine Volkswagen-Hauptversammlung mit 1 Mrd € Dividendenzahlung und einem Volumen von 30 % über Cum-Ex — sind das 75 Mio € pro Aktie und Jahr. Bei 30 DAX-Unternehmen über 12 Jahre kommen schnell zweistellige Milliarden-Beträge zusammen. Der frühere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bezifferte den Schaden 2017 zunächst auf 5,3 Mrd €, das renommierte Frankfurter Mannheim Research Institut korrigierte 2020 auf mindestens 12 Mrd € allein für Deutschland. Inkludiert man Cum-Cum und ähnliche Modelle, wird die Schätzung auf über 36 Mrd € erweitert. Manche Strafverfolger, darunter die Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker, sprechen sogar von “deutlich über 30 Mrd €” allein für die KESt-Doppelerstattung.
3. Hauptakteure — die involvierten Banken
Cum-Ex war kein Einzelfall, sondern ein industrialisiertes Geschäftsmodell. Mindestens zehn der größten deutschen und internationalen Banken haben über mehr als ein Jahrzehnt aktiv mitgemacht. Die wichtigsten Player im Überblick:
| Bank | Geschätzter Schaden | Status (2026) |
|---|---|---|
| Maple Bank (DE-Tochter Frankfurt) | ~450 Mio € | Insolvenz 2016, Vermögen abgeschöpft |
| HypoVereinsbank (HVB / UniCredit) | ~300 Mio € | Vergleich 360 Mio € + Geständnis 2018 |
| M.M. Warburg (HH) | ~280 Mio € | Verurteilt 2020, Olearius-Akte Hamburg |
| Sarasin (CH-Privatbank) | ~170 Mio € | Vergleich + Rückzahlung 2017 |
| Macquarie (AU/UK) | ~110 Mio € | Anklage Köln läuft (Stand 2026) |
| Deutsche Bank | unbestätigt, vermutlich >300 Mio € | Strafzahlung an US-Justiz, in DE Verfahren laufend |
| Société Générale, Barclays, BNP Paribas | je 50–200 Mio € | Verfahren Frankfurt + Köln laufen 2026 |
Maple Bank, eine kleine kanadisch-deutsche Tochterbank, ist nur wegen Cum-Ex 2016 in die Insolvenz gegangen, nachdem das Bundesfinanzministerium 450 Mio € zurückforderte und das Eigenkapital nicht reichte. Sie ist der erste — und bisher einzige — Bankenkollaps direkt aufgrund des Skandals. Die Insolvenzmasse war so eng gestrickt, dass selbst die Banklizenz erlosch. Maple Bank ist zur Mahnung geworden, dass dieses Geschäft existenzgefährdend war.
M.M. Warburg ist ein eigenes Kapitel: Die Hamburger Privatbank wurde 2020 wegen 280 Mio € Steuerschaden verurteilt. Brisant: Damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz traf sich 2016 dreimal mit Bankchef Christian Olearius — ohne dass die Stadt Hamburg die Steuerschuld zurückforderte (sie verjährte deshalb fast). Die Causa beschäftigt seit Jahren den Cum-Ex-Untersuchungsausschuss und prägt bis heute die politische Debatte um den Skandal.
4. Anne Brorhilker und Hanno Berger — die Akteure auf beiden Seiten
Kein Skandal lebt ohne Personen. Auf der Aufklärerseite steht Anne Brorhilker, Kölner Oberstaatsanwältin und Leiterin der Cum-Ex-Hauptabteilung. Sie hat seit 2013 mehr als 1.700 Beschuldigte ermittelt, hunderte Razzien geleitet und gilt als unbestechliche Aufklärerin. 2024 trat sie überraschend vom Posten zurück, weil sie sich politisch ausgebremst sah — die NRW-Landesregierung weigerte sich, ihr ausreichend Personal zur Verfügung zu stellen, und sie sah die Aufarbeitung gefährdet. Ihr Wechsel zur Bürgerinitiative “Finanzwende” im Mai 2024 war eine politische Bombe.
Auf der Täterseite steht Hanno Berger, Steueranwalt aus Frankfurt, der Cum-Ex maßgeblich industrialisiert hat. Berger arbeitete bis 2009 bei der Hessischen Finanzverwaltung und wechselte dann auf die Gegenseite — er beriet die Banken und Hedgefonds, die das Modell systematisch umsetzten. Aus seinen Schulungen und seiner Praxis stammt ein großer Teil der dokumentierten Cum-Ex-Strukturen. Er flüchtete 2012 in die Schweiz, wurde 2021 ausgeliefert und 2022 vom Landgericht Wiesbaden zu 10 Jahren Haft verurteilt — der bisher höchsten Cum-Ex-Strafe. Eine zweite Verurteilung in Bonn brachte 2023 weitere 8 Jahre, die parallel laufen. Berger sitzt seither in der JVA Frankfurt-Preungesheim.
Daneben wurden zahlreiche weitere Akteure verurteilt: Ex-HVB-Banker Martin Shields (Bewährung, Kronzeuge der Anklage), Nicholas Diable (Bewährung, Kronzeuge), Christian Olearius (Verfahren wegen schwerer Krankheit ausgesetzt), und über 30 weitere Anwälte und Bank-Mitarbeiter. Die Zahl der Verurteilungen liegt 2026 bei über 80, viele davon mit Bewährung — weil Kronzeugen-Status oder Geständnisse die Strafen reduzierten.
5. Cum-Cum — der größere unbekanntere Bruder
Während Cum-Ex die Schlagzeilen dominiert, war sein “Schwester-Geschäft” Cum-Cum im Volumen noch erheblich größer. Schätzungen der Mannheim-Studie 2020: Cum-Cum hat dem deutschen Staat zwischen 2000 und 2018 etwa 24,6 Mrd € gekostet — fast doppelt so viel wie Cum-Ex (geschätzte 12 Mrd €).
Der Mechanismus ist subtiler. Bei Cum-Cum tauschen ausländische Aktionäre ihre Aktien vorübergehend mit einem deutschen Inländer kurz vor dem Dividendenstichtag. Hintergrund: Ausländische Aktionäre dürfen die KESt nicht voll zurückfordern, deutsche Inländer schon (oder als Banken: gar nicht erst zahlen, wegen Privilegs für Eigenhandel). Der Inländer bekommt die volle Erstattung, gibt die Aktie nach der Dividende wieder zurück, und teilt die Differenz (typischerweise 50/50) mit dem ausländischen Eigner.
Das Modell ist deutlich legaler aussehend als Cum-Ex — formal werden Aktien nur ausgeliehen — aber materiell trickst es dieselbe Steuerlogik aus. Der Bundesfinanzhof (BFH) hat es 2018 in einem Urteil als “missbräuchlich” gebrandmarkt, was einer Steuerumgehung gleichkommt. Seit 2016 hat das deutsche Steuerrecht (§ 36a EStG) eine Mindesthaltefrist von 45 Tagen rund um den Dividendenstichtag eingeführt, womit Cum-Cum praktisch unrentabel wurde. Aber: Die Vergangenheit liegt im Schatten. Allein die HVB hat im Cum-Cum-Komplex über 100 Mio € zurückgezahlt; bei Deutscher Bank, Commerzbank und vielen anderen laufen die Forderungen 2026 weiter.
6. Wie der Skandal entdeckt wurde
Cum-Ex wäre vielleicht heute noch nicht aufgeflogen, hätte es nicht eine Reihe von Whistleblowern und Recherche-Journalisten gegeben. Die Schlüsselfiguren:
- Eckart Seith, Stuttgarter Anwalt, der 2011 als einer der Ersten den systematischen Charakter erkannte und einen seiner Mandanten (eine Privatbank) zur Selbstanzeige bewegte.
- Anonyme Insider aus der Sarasin-Bank, die ab 2015 begannen, Dokumente an die Schweizer Bundesanwaltschaft zu übermitteln — die ersten harten Beweise für die kriminelle Absicht der Banken.
- Das CORRECTIV-Recherche-Team (Berlin) und das internationale Konsortium CumEx Files: 19 Medien aus 12 Ländern, darunter ARD, ZDF, Le Monde und La Repubblica. Die erste große Veröffentlichung im Oktober 2018 zeigte, dass auch Frankreich, Belgien, Dänemark, Italien und Norwegen betroffen waren — Gesamtschaden europaweit über 150 Mrd €.
- Anne Brorhilker, die ab 2013 in Köln eine Spezialeinheit aufbaute und konsequent Razzien anordnete. Erst durch sie kamen die ersten Geständnisse (Shields, Diable) und damit die ersten Verurteilungen 2018 ins Rollen.
Im Mai 2014 brachte das Magazin Spiegel die erste umfassende Berichterstattung. Die Reaktion der Banken: Verharmlosung. Der Steuertrick sei “gängige Praxis”, politisch geduldet, eine Grauzone. Erst der BGH 2021 schuf endgültig Klarheit: Cum-Ex ist und war Steuerhinterziehung, nicht Lückenausnutzung.
7. Stand 2026 — Verfahren, Verurteilungen, offene Forderungen
Nach mehr als zwölf Jahren strafrechtlicher Aufarbeitung sieht die Lage 2026 so aus:
- Verurteilte Beteiligte: über 80, davon rund die Hälfte zu Haftstrafen ohne Bewährung. Höchststrafe: 10 Jahre (Berger).
- Aktive Verfahren: rund 1.700 Beschuldigte, 130 Strafverfahren bei den Staatsanwaltschaften Köln, Frankfurt, München, Hamburg.
- Rückgeforderte Steuern: ca. 5,8 Mrd € (Stand Q1 2026). Davon eingetrieben rund 3,2 Mrd €. Der Rest droht wegen Verjährung verloren zu gehen.
- Politische Aufarbeitung: Der Cum-Ex-Untersuchungsausschuss in Hamburg und der Bundestags-Finanzausschuss laufen weiter. Der Bundeskanzler steht weiterhin unter Druck wegen seiner Treffen mit Olearius.
- Verjährungsproblem: Steueransprüche aus den Jahren 2007–2010 verjährten teilweise zum 31.12.2024 — die Bundesregierung hat Anfang 2025 die Verjährung für besonders schwere Steuerhinterziehung von 10 auf 15 Jahre verlängert, aber zu spät für viele Fälle.
Wichtigste neue Entscheidung 2025: Der BGH hat im Juli das Maple-Bank-Urteil gegen den ehemaligen CEO bestätigt. Das ist die letzte Berufungsinstanz — Maple Bank ist damit endgültig der “Lehrbuch-Fall” für Cum-Ex.
8. Auswirkungen für Privatanleger
Sind Privatanleger Cum-Ex-Geschädigte? Direkt nein — du als Aktionär bekommst deine Dividende und deine 25 % KESt regulär abgezogen. Indirekt aber massiv: jeder deutsche Steuerzahler hat über 400 € Schaden. Und die regulatorische Reaktion auf den Skandal hat dein Investorenleben verändert.
- § 36a EStG (seit 2016): 45-Tage-Mindesthaltefrist rund um Dividendenstichtage. Wer nicht 45 Tage hält, bekommt nur einen Teil der KESt erstattet. Betrifft Trader, die kurzfristig Dividendenstrategien fahren.
- Verschärfte KAP-Anlage: Anlage KAP der Steuererklärung verlangt seit 2018 detaillierte Angaben zu Aktien-Kauf/Verkaufs-Zeitpunkten rund um Dividenden.
- Erweiterte Bescheinigungspflicht der Banken: Banken müssen heute Steuerbescheinigungen mit höherer Detailtiefe erstellen, was den Verwaltungsaufwand erhöht und teilweise zu kleineren Erstattungsverzögerungen führt.
- Deutlich strengere AML-Prüfungen bei Brokern: Wer als Privatanleger größere Beträge bewegt, wird aufwändiger geprüft — eine direkte Folge des Vertrauensverlusts in das Banksystem.
- Pauschalbesteuerung bei Investmentfonds (seit 2018): Reform vor allem getrieben durch die Cum-Ex-Erkenntnis, dass die alte Vorabpauschale Manipulation begünstigte.
Praktischer Tipp: Wenn du eine deutsche Aktie um den Dividendenstichtag verkaufst und neue Aktien kaufst, beachte die 45-Tage-Frist — sonst kassierst du die KESt nicht voll zurück. Plus: Halte Steuerbescheinigungen 10 Jahre auf, weil Cum-Ex zeigte, wie wichtig die Belege im Streitfall sind.
9. International — die USA und ihr eigenes Cum-Ex (Section 1058)
Cum-Ex ist kein deutsches Phänomen. Die Recherche der CumEx Files hat gezeigt, dass mindestens elf europäische Länder betroffen sind, mit einem geschätzten Gesamtschaden von 150+ Mrd €. Frankreich verlor rund 33 Mrd €, Italien 22 Mrd €, Dänemark 12 Mrd € (Stadtstaat-Steuerverwaltung Skat war einer der größten Einzelopfer). Belgien, Schweiz, Österreich und die Niederlande haben jeweils eigene Verfahren laufen.
Auch die USA kennen ein ähnliches Konstrukt — bekannt als “Section 1058 Securities Lending”. Hier nutzen Hedgefonds die US-Wertpapierleihe: Sie leihen sich Aktien kurz vor dem Dividendenstichtag, lassen sich die “Substitute Payment” anstelle der Dividende auszahlen (steuerlich anders behandelt), und vermeiden dadurch die 30 % US-Quellensteuer für ausländische Investoren. Die SEC und der IRS haben seit 2016 in mehreren Fällen Maßnahmen gegen “Dividend Arbitrage” ergriffen, mit Strafen über 800 Mio USD insgesamt. Aber: Im Gegensatz zur deutschen Cum-Ex-Variante ist das US-Modell formal weitgehend legal — der “Trick” liegt im Vertragstyp, nicht in einer Mehrfacherstattung. Er kostet dem US-Fiskus jährlich geschätzt 1 bis 4 Mrd USD.
Großbritannien und Australien haben ähnliche Systeme. Die OECD hat 2023 in einem koordinierten Bericht erstmals eine länderübergreifende Schätzung versucht: weltweit 200 bis 400 Mrd USD pro Jahrzehnt an Steuerausfällen durch dividenden-getriebene Steuermodelle. Die Reform-Diskussion läuft 2026 in der EU mit der “FASTER”-Richtlinie, die ab 2030 ein gemeinsames Quellensteuer-Verfahren mit Echtzeit-Abgleich vorsieht.
10. Timeline — von 1990 bis heute
- Frühe 1990er: Erste Cum-Ex-ähnliche Konstrukte tauchen im US-Markt auf, sickern nach Europa ein.
- 2002: Bundesfinanzministerium ändert die KESt-Regel — versucht, das Schlupfloch zu schließen, schafft aber unbeabsichtigt erst die “Drei-Banken-Variante”.
- 2007–2011: Hochzeit der Cum-Ex-Geschäfte, jährliche Schäden im einstelligen Milliardenbereich.
- Mai 2012: Schäuble-Reform. Cum-Ex per Gesetz unmöglich gemacht. Banken stellen das Geschäft offiziell ein.
- 2013: Anne Brorhilker übernimmt die Cum-Ex-Hauptabteilung in Köln. Erste Razzien.
- 2014: Spiegel-Recherche bringt den Skandal erstmals an die Öffentlichkeit.
- 2016: Maple Bank insolvent. § 36a EStG mit 45-Tage-Haltefrist tritt in Kraft. Cum-Cum effektiv tot.
- Oktober 2018: CumEx Files. Internationale Veröffentlichung. Erstes Urteil in Bonn (Shields, Diable) — bestätigt Strafbarkeit.
- 2020: M.M. Warburg verurteilt. Olearius-Affäre eskaliert mit Olaf Scholz.
- Juli 2021: BGH-Urteil. Cum-Ex offiziell und endgültig als Steuerhinterziehung klassifiziert.
- Dezember 2022: Hanno Berger zu 10 Jahren Haft verurteilt — Höchststrafe.
- Mai 2024: Anne Brorhilker tritt aus Protest zurück, geht zur Bürgerinitiative Finanzwende.
- 2026: Bundestag verlängert Verjährung auf 15 Jahre. Großverfahren gegen Macquarie und Société Générale laufen in Köln. EU-FASTER-Richtlinie in Vorbereitung für 2030.
11. FAQ — die häufigsten Fragen
Was bedeutet Cum-Ex genau übersetzt?
“Cum-Ex” ist Latein für “mit-ohne”. Eine Aktie wird mit Dividendenanspruch (cum) gehandelt und kurz darauf ohne (ex) — der Wechsel passiert um den Stichtag herum, was in Kombination mit Leerverkäufen die Doppelerstattung der Kapitalertragsteuer erzeugt.
War Cum-Ex jemals legal?
Banken und Anwälte argumentierten lange, es sei nur eine “Lücke im Steuerrecht”. Der BGH hat im Juli 2021 endgültig festgestellt: Cum-Ex war von Anfang an Steuerhinterziehung — und alle Beteiligten hätten erkennen müssen, dass eine doppelte Erstattung einer einmal gezahlten Steuer rechtswidrig ist. Selbst die “Beratergutachten” werden heute als Schutzbehauptung gewertet.
Wie viel hat der deutsche Staat zurückgeholt?
Stand Q1 2026: rund 5,8 Mrd € rückforderbar bestätigt, davon ca. 3,2 Mrd € tatsächlich eingetrieben. Bei einem geschätzten Gesamtschaden von 36 Mrd € sind das rund 9 Prozent. Die Verjährung droht weiteren Verlust — ein massives Rückforderungsproblem trotz aller Aufarbeitung.
Bin ich als Anleger irgendwie betroffen?
Nicht direkt, aber doppelt indirekt: erstens als Steuerzahler (rund 400 € Schaden pro Bundesbürger), zweitens über die regulatorische Reaktion. Die 45-Tage-Mindesthaltefrist (§ 36a EStG) und die strengeren Steuerbescheinigungen sind direkte Folgen — sie kosten dich Verwaltungsaufwand, schützen aber die Allgemeinheit.
Was ist der Unterschied zwischen Cum-Ex und Cum-Cum?
Cum-Ex erzeugt durch verschachtelte Leerverkäufe rund um den Dividendenstichtag eine doppelte oder mehrfache Steuerbescheinigung — der Staat erstattet mehr, als er eingenommen hat. Cum-Cum nutzt die Verleihung von Aktien zwischen Ausländer und Inländer kurz vor dem Stichtag, damit der Inländer die KESt voll zurückfordern kann (was dem Ausländer nicht zustünde). Cum-Cum ist subtiler, aber im Volumen erheblich größer (24,6 Mrd € vs. 12 Mrd €).
Können Cum-Ex-Geschäfte heute noch gemacht werden?
In der ursprünglichen Form: nein. Die Schäuble-Reform von 2012 hat das Schlupfloch endgültig geschlossen. Aber neue Formen “Cum-Fake” (mit Phantom-Aktien) sind seit 2018 in Deutschland aufgetaucht und werden derzeit untersucht. Steuerstrukturierung um Dividenden bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel.
Sind die USA auch betroffen — was ist Section 1058?
Ja, in eigener Form. Section 1058 IRC regelt die US-Wertpapierleihe und ermöglicht “Dividend Arbitrage” — ausländische Hedgefonds vermeiden die 30 % US-Quellensteuer, indem sie Aktien kurz vor der Dividende verleihen und stattdessen “Substitute Payments” erhalten. SEC und IRS haben seit 2016 mehrere große Verfahren angestrengt. Schaden geschätzt: 1 bis 4 Mrd USD pro Jahr.
Bottom Line
Cum-Ex und Cum-Cum sind der größte Steuerraub der deutschen Geschichte — 36 Milliarden Euro, ausgeführt von Banken, Anwälten und Hedgefonds, mit einer dreckigen Choreographie aus Leerverkäufen und Steuerbescheinigungen. Der Skandal ist 2026 weiterhin in der juristischen Aufarbeitung, mit Hanno Berger als bisheriger Höchstbestrafter und Anne Brorhilker als Symbolfigur des langsamen Sieges.
Für Privatanleger ist die zentrale Lehre nicht “Vorsicht vor Cum-Ex” (das ist heute praktisch unmöglich), sondern Vorsicht vor scheinbar harmlosen Steuerstrukturierungen, die zu schön sind, um wahr zu sein. Wenn ein Berater dir eine Strategie verkauft, die “den Staat einfach nicht weiß”, solltest du davon ausgehen, dass entweder du oder der Berater am Ende vor Gericht steht. Das deutsche Steuerrecht ist viele Dinge, aber selten dauerhaft naiv.
Die 45-Tage-Mindesthaltefrist um Dividendenstichtage ist die wichtigste Konsequenz für deine Steuerpraxis. Wenn du Aktien kurz vor der Dividende kaufst und kurz danach verkaufst, prüfe sorgfältig, ob du die KESt voll zurückbekommst — sonst ist die Dividendenrendite um bis zu 25 % geringer, als du dachtest. Das ist Cum-Ex-Erbe, mitten in deiner Steuererklärung.
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