Wirecard

AKTIEN-FRIEDHOF

Wirecard

Der größte Bilanzbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte.

2020
€199 (Sept 2018)
Höchstkurs
€0,33 (Aug 2020)
Tiefstkurs
~$25B
Schaden
25.06.2020
Insolvenz

Timeline der Pleite

2002
Wirecard übernimmt InfoGenie und tritt mit Zahlungsabwicklung in den Markt ein.
2014
Erste Short-Seller-Reports von Zatarra Research werfen Bilanzunregelmäßigkeiten vor.
2018
Wirecard ersetzt Commerzbank im DAX. Aktie erreicht Allzeithoch €199.
Jan 2019
Financial Times beginnt Serie über Bilanzfälschungen in Singapur. BaFin verbietet Short Selling der Aktie.
Apr 2020
KPMG-Sondergutachten kann Existenz von €1,9 Mrd. nicht bestätigen.
18. Juni 2020
EY verweigert das Testat. Vorstandschef Markus Braun tritt zurück.
19. Juni 2020
Aktie stürzt 60% ab. Wirecard räumt ein, dass €1,9 Mrd. „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existieren".
25. Juni 2020
Wirecard meldet Insolvenz an. Erstes DAX-Mitglied das je insolvent wurde.
2024
Markus Braun zu mehrjähriger Haft verurteilt; Jan Marsalek bleibt flüchtig in Russland.

Was wirklich passierte

Wirecard war über zwei Jahrzehnte hinweg die deutsche Tech-Erfolgsgeschichte schlechthin. Der Aschheimer Zahlungsdienstleister wuchs aus einem Online-Bezahldienst für Glücksspiel- und Pornoseiten zu einem globalen FinTech mit DAX-Mitgliedschaft. 2018 ersetzte Wirecard die Commerzbank im deutschen Leitindex — ein Symbol für „die digitale Wirtschaft schlägt die alte”. Die Aktie stand bei knapp 200 Euro, die Marktkapitalisierung über 24 Milliarden Euro.

Doch die Story war zu einem Großteil erfunden. Im Kern des Geschäftsmodells gab es drei „Third Party Acquirer” in Asien — Partner, die nominell die Zahlungsabwicklung in Ländern stemmten, in denen Wirecard selbst keine Lizenz hatte. Auf Bilanzbasis machten diese Partner über die Hälfte des Konzern-EBITDAs aus. Es zeigte sich später: Die Umsätze waren in großen Teilen erfunden, die €1,9 Milliarden auf philippinischen Treuhandkonten existierten nicht.

Die Financial Times deckte den Skandal ab Januar 2019 in einer mehrteiligen Recherche-Serie auf. Wirecard wehrte sich aggressiv: BaFin verbot Short Selling der Aktie und leitete Ermittlungen gegen FT-Journalisten ein — nicht gegen Wirecard. Erst die KPMG-Sonderprüfung im April 2020 bestätigte, dass die Bilanz nicht prüffähig war. Im Juni 2020 platzte die Bombe: EY verweigerte das Testat, CEO Markus Braun trat zurück, COO Jan Marsalek tauchte ab. Am 25. Juni 2020 meldete Wirecard Insolvenz an — als erstes DAX-Unternehmen jemals.

Die Warnsignale die alle ignorierten

Schon 2014 warnten anonyme Short-Seller-Reports vor unklaren Bilanzpositionen. 2016 publizierten Zatarra Research Berichte über mutmaßlichen Geldwäsche-Verdacht. 2019 lieferte die FT mit hartem Recherche-Material — Whistleblower-Aussagen, gefälschte Dokumente, Deals die nicht stattgefunden hatten. Jede dieser Warnungen wurde von Wirecard mit Klagen, juristischem Druck und Lobby-Arbeit bei BaFin abgeblockt. BaFin selbst konzentrierte sich auf die Verfolgung der Short-Seller statt der Firma — ein Versagen, das später zur Neuaufstellung der deutschen Finanzaufsicht führte.

Strukturelle rote Flaggen waren reichlich da: drei Drittpartner in Asien sollten den Großteil des Gewinns erwirtschaften, ohne dass Wirecard direkten Zugriff auf deren Systeme hatte. Die operativen Cashflows passten nie zu den Gewinnen. Der COO Jan Marsalek pflegte enge Kontakte zu russischen und libyschen Kreisen — eine ungewöhnliche Mischung für einen DAX-COO. Trotzdem hielten Sell-Side-Analysten ihre Kaufempfehlungen aufrecht und institutionelle deutsche Fonds hielten die Aktie als „Tech-Vorzeige-Position”.

Was Anleger heute daraus lernen können

Drei Lehren bleiben. Erstens: Bilanzqualität schlägt Wachstum. Wer Geschäft macht, das auf nicht prüfbaren Drittpartnern beruht, sollte misstrauisch machen — egal wie schön die GuV aussieht. Zweitens: Wenn Short-Seller systematisch Druck bekommen, ist das ein Signal, kein Schutz. Eine gesunde Firma ignoriert Shorts oder lässt Audits sprechen. Drittens: Die Krone gibt nicht Sicherheit. Eine DAX-Mitgliedschaft, BaFin-Aufsicht und Big-4-Auditing reichten nicht, um Anleger zu schützen. Wer 2020 alles hielt, weil „in Deutschland passiert sowas nicht”, verlor 99,8% seines Kapitals binnen Tagen.

Quellen

  1. Wikipedia: Wirecard AG
  2. BaFin Bericht zum Wirecard-Skandal (2021)
  3. Süddeutsche Zeitung — Wirecard-Akte
  4. Financial Times Wirecard Investigations Series (Dan McCrum)
  5. Manager Magazin Wirecard-Hintergründe
Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich der historischen und edukativen Aufarbeitung. Er stellt keine Anlageberatung dar. Trading und Investitionen bergen Risiken.
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