Greensill Capital
Lieferketten-Finanzierung mit Credit-Suisse-Beteiligung — verbrannt in einer Woche.
Timeline der Pleite
Was wirklich passierte
Greensill Capital war ein Pionier des „Supply Chain Financing” (SCF) — einer Methode, mit der große Konzerne ihre Lieferanten schneller bezahlen lassen, gegen einen Zins-Aufschlag, der von Greensill als kurzfristige Forderungen verbrieft wurde. SoftBank investierte 2018 1,5 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 7 Milliarden. David Cameron, ehemaliger britischer Premierminister, wurde 2018 als Lobbyist mit Aktienoption angeheuert. Die Wachstumszahlen sahen exzellent aus: 2020 verwaltete Greensill etwa 143 Milliarden Dollar an SCF-Volumen.
Die Risiko-Konzentration war dramatisch. Greensill’s größter Kunde war GFG Alliance, das Stahl-Imperium des Inders Sanjeev Gupta. GFG zahlte Greensill 5 Milliarden Dollar an Forderungen, die von Greensill als „Asset-Backed Securities” verbrieft wurden — und die letzten Endes in einem Credit-Suisse-Fonds landeten, der an Schweizer Privat-Anleger verkauft wurde. Das Problem: GFG war strukturell schwach, viele der „Forderungen” waren auf prognostizierten zukünftigen Verträgen basiert — nicht auf real existierenden Lieferungen.
Das Ende kam plötzlich. Am 1. März 2021 kündigte Versicherer Tokio Marine die Greensill-Versicherung über 4,6 Milliarden Dollar. Greensill’s gesamtes Geschäftsmodell hing daran, dass die Forderungen versichert waren — Investoren glaubten, das Risiko sei gering, weil eine A-Rated-Versicherung dahinter stand. Ohne Versicherung war das ABS-Modell tot. Am 4. März stoppte Credit Suisse seinen 10-Milliarden-Greensill-Fonds. Am 8. März meldete Greensill Capital UK Insolvenz an. BaFin schloss die deutsche Greensill Bank in Bremen — Privatanleger waren bis 75.000 Euro pro Konto über die Einlagensicherung geschützt. Größere Vermögen waren weg.
Die Warnsignale die alle ignorierten
Die Konzentration auf einen einzigen Kunden (GFG, ~50% des Buchs) war ein klares Risiko, das Greensill nie öffentlich offenlegte. SCF generell ist ein opakes Geschäftsmodell — die Bewertung von Forderungen hängt davon ab, ob die zugrunde liegenden Verträge real sind. Die FT publizierte ab 2020 mehrere Recherchen, die zeigten, dass viele „Forderungen” auf zukünftigen, hypothetischen Lieferketten-Beziehungen basierten — eine Form von „prospective receivables” die rechtlich grenzwertig ist.
Politische Verflechtungen waren verdächtig. David Cameron lobbyierte aktiv beim UK Treasury, um Greensill in COVID-Hilfsprogramme einzubeziehen. Mehrere SMS-Nachrichten — später öffentlich — zeigten direkten Druck auf Minister. Diese Art von politischem Lobbying ist kein direkter Bilanz-Indikator, aber ein Hinweis auf eine Firma, die regulatorische Erleichterungen über Marktqualität priorisiert.
Was Anleger heute daraus lernen können
Erstens: Versicherte Risiken sind nur so gut wie die Versicherung. Wenn die Versicherung gekündigt wird, ist das nicht eine Reduktion — es ist ein Total-Verlust der Risiko-Mitigation. Zweitens: Konzentrations-Risiko in obscuren Asset-Klassen ist tödlich. Greensill’s 50% Konzentration auf GFG bedeutete: GFG-Probleme = Greensill-Insolvenz. Drittens: „Innovative Finanz-Produkte” sind oft nur alte Risiken in neuen Verpackungen. SCF ist Forderungs-Verbriefung, das es seit den 1980ern gibt. Greensill verkaufte es als Tech-Innovation — der Risikogehalt blieb gleich.

