Long-Term Capital Management
Zwei Nobelpreis-Träger und 100:1 Hebel — Russlands Default räumte alles ab.
Timeline der Pleite
Was wirklich passierte
Long-Term Capital Management war 1994 der prestigeträchtigste Hedge-Fonds-Start in der Wall-Street-Geschichte. Gründer John Meriwether — Bondtrading-Legende von Salomon Brothers — versammelte ein Team aus den besten Quants und zwei Nobelpreis-Trägern: Myron Scholes (Black-Scholes-Optionspreis-Modell) und Robert Merton. Die Strategie: relative Value Trades in Anleihen-Märkten — kaufen, was unterbewertet erschien, gegenshorten, was überbewertet erschien, dann auf Konvergenz warten.
Die ersten Jahre waren spektakulär: 1994-1997 erzielte LTCM 40% Rendite nach Gebühren — Mitte 1998 hatte der Fonds 4,7 Milliarden Dollar Eigenkapital. Aber die Trades waren oft mikroskopisch (Spread-Differenzen von Cents pro Anleihe-Punkt). Um damit Geld zu verdienen, brauchte man Hebel. LTCM operierte mit 25:1 Bilanz-Hebel — und zusätzlich Off-Balance-Sheet-Derivaten, die den effektiven Hebel auf rund 100:1 hoben. Auf jeden Dollar Eigenkapital kamen 100 Dollar Marktrisiko.
Am 17. August 1998 erklärte Russland einseitig den Default auf seine Rubel-Anleihen. Globale Anleihen-Spreads explodierten. „Convergence Trades” gingen massiv divergent. LTCM verlor in 4 Wochen 1,85 Milliarden Dollar — fast die Hälfte des Eigenkapitals. Die Banken, die LTCM finanzierten, riefen Margin Calls aus. Eine Pleite hätte vermutlich systemische Folgen gehabt — LTCM’s Positionen waren so groß, dass deren Auflösung den Markt destabilisiert hätte. Die NY Fed organisierte am 23. September einen privat finanzierten Bailout: 14 Banken legten 3,6 Milliarden Dollar zusammen, übernahmen LTCM und liquidierten die Positionen geordnet.
Die Warnsignale die alle ignorierten
Der Hebel war öffentlich bekannt — LTCM hatte ihn bei Banken-Verhandlungen offengelegt. Aber die meisten Geldgeber gingen davon aus, dass die Quantitative Modelle der Nobelpreis-Träger das Risiko ausreichend kontrollierten. Das fundamentale Problem: Die Modelle basierten auf historischen Volatilitäts-Daten der vergangenen 20 Jahre. Dieses Sample enthielt aber keine Krise vom Russland-1998-Niveau. Die Modelle berechneten ein „6-Sigma-Ereignis” als unmöglich — und genau das geschah.
Die Kombination aus 100:1-Hebel und „Modelle als Risiko-Schutz” ist gefährlich. Quantitatives Risk Management funktioniert nur in Stress-Szenarien, die das Modell kennt. Bei wirklich neuen Krisen — sogenannten Tail-Events — versagen alle Modelle. LTCM operierte unter der Annahme, dass historische Korrelationen stabil bleiben. Sobald globale Liquidität verschwindet, korrelieren alle Risiko-Assets — und Diversifikations-Vorteile verschwinden genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht.
Was Anleger heute daraus lernen können
Erstens: Hebel-Optimierung ist ein Tail-Risk. Eine Strategie, die mit 100:1-Hebel 20% Rendite macht, braucht nur ein 1%-Marktbewegung, um den ganzen Kapitalstock zu vernichten. Zweitens: Quantitative Modelle haben blinde Flecken bei Tail-Events. Was nie passiert ist, wird im Backtest übersehen — und ist genau das, was wirklich schmerzt. Drittens: Diversifikation funktioniert nicht in der Krise. Wenn alle nur noch verkaufen wollen, korrelieren alle Asset-Klassen. Echte Krisen-Diversifikation ist Liquidität (Cash, US-Treasuries) — nicht Komplexität.
Quellen
- Wikipedia: Long-Term Capital Management
- Roger Lowenstein — When Genius Failed (Buchquelle)
- Federal Reserve LTCM Hearings 1998
- NY Fed Working Paper on LTCM
- Wall Street Journal LTCM Coverage Sept 1998

