FTX
Crypto-Wunderkind Sam Bankman-Fried verbrannte $8 Mrd. Kundengelder in 9 Tagen.
Timeline der Pleite
Was wirklich passierte
FTX war innerhalb von vier Jahren von einer Hongkonger Garage zur drittgrößten Krypto-Börse der Welt aufgestiegen. Gründer Sam Bankman-Fried (SBF) — Sohn zweier Stanford-Juraprofessoren, MIT-Absolvent — wurde zum Krypto-Industrie-Aushängeschild. Auf Reuters-Konferenzen, in Vogue-Interviews und Senate-Hearings predigte er „effective altruism”: Geld verdienen, um es für globale Probleme einzusetzen. Bewertung 2021: $32 Milliarden. Vorstand und Berater: Tom Brady, Larry David als Werbeträger, Ex-SEC-Chairs als Berater.
Im Hintergrund existierte ein zweites Unternehmen: Alameda Research, SBFs Krypto-Hedgefonds, formal von SBFs damaliger Freundin Caroline Ellison geführt. FTX und Alameda waren rechtlich getrennt — operativ aber tief verflochten. Customer-Deposits auf FTX wurden über eine geheime Hintertür-Funktion namens „allow_negative” an Alameda geleitet, das damit riskante Trades und Investitionen tätigte. Insgesamt nutzte Alameda etwa $8 Milliarden Kundengelder — ohne Wissen oder Zustimmung der FTX-User.
Am 2. November 2022 publizierte CoinDesk einen Bericht: Alamedas Bilanz bestand zu 40% aus FTX’s eigenem Token FTT. Das war wirtschaftlich vergleichbar damit, dass eine Bank ihr eigenes Aktien-Vermögen als Kollateral für Kredite einsetzt — wenn das Vertrauen einbricht, kollabiert beides parallel. Binance-CEO Changpeng Zhao kündigte am 6. November den Verkauf seiner FTT-Position an. Innerhalb von 72 Stunden zogen FTX-Kunden $6 Milliarden ab. Am 8. November stoppte FTX die Auszahlungen. Am 11. November meldete der Konzern Chapter-11-Insolvenz an. SBF wurde im Dezember auf den Bahamas verhaftet, im März 2024 zu 25 Jahren Haft verurteilt.
Die Warnsignale die alle ignorierten
SBFs öffentliches Auftreten war eine Warnung an sich: ungewaschenes Haar, schlafen auf Bohnensäcken im Büro, FTX-Hauptquartier in einem Bahamas-Strandkomplex statt einer regulierten Finanzjurisdiktion. Krypto-Veteranen wie Coinbase-CEO Brian Armstrong äußerten 2022 öffentliche Skepsis gegenüber der Größenordnung. Sequoia Capital — einer der größten FTX-Investoren — publizierte einen Hagiographie-Artikel über SBF, der mit „SBF is an FTX-er, but he’s also a saver-of-the-world type” begann; die Sequoia-Partner schrieben die $214 Mio. Investition später vollständig ab.
Strukturelle Warnungen: FTX hatte keinen CFO und keine ordentlichen Audit-Prozesse. John Ray III, der nach der Insolvenz als Sanierer eingesetzt wurde (zuvor hatte er Enron abgewickelt), beschrieb die Situation als „den schlechtesten Corporate-Governance-Fall den ich in 40 Jahren gesehen habe”. Es gab kein Buchhaltungssystem, keine internen Kontrollen, keine Trennung von Kunden- und Firmen-Geldern. Bilanzen wurden in Quickbooks geführt — nicht in einem Enterprise-System.
Was Anleger heute daraus lernen können
Erstens: Krypto-Börsen sind keine Banken. Sie unterliegen meist nicht der Einlagensicherung. „Not your keys, not your coins” gilt — wer Krypto bei einer zentralen Börse hält, übernimmt deren Insolvenzrisiko. Zweitens: Eigene Token als Kollateral sind ein zirkuläres Risiko. Wenn die Solvenz eines Unternehmens vom Preis seines eigenen Tokens abhängt, ist die Insolvenz reflexiv. Drittens: Effective Altruism, große Spender und Sportler-Werbeverträge ersetzen keine Audits. Tom Brady und Larry David hatten keine Ahnung, was bei FTX intern passierte. Glamour ist keine Due Diligence.
Quellen
- Wikipedia: FTX
- Michael Lewis — Going Infinite (Buchquelle)
- CoinDesk Alameda Balance Sheet Article (Nov 2022)
- SDNY US v. SBF Indictment
- FTX Bankruptcy Filings (John Ray III Reports)

