134,5 Millionen vom Gericht, eine Milliarde weniger Prognose: Lululemons Gewinnsprung kam nicht vom Kunden

Lululemon Athletica – Lululemons Gewinnsprung kam vom Zoll

Am Donnerstagabend meldete Lululemon einen Quartalsgewinn von 2,92 Dollar je Aktie. Erwartet worden waren 1,82 Dollar. Das ist eine Übertreffung um 60 Prozent — die Sorte Zahl, die normalerweise eine Aktie zweistellig nach oben trägt. Am Freitag fiel die Aktie um 17,38 Prozent auf 100,61 Dollar, den tiefsten Stand seit acht Jahren. Rund 2,4 Milliarden Dollar Börsenwert waren an einem einzigen Handelstag verschwunden.

Die Auflösung steht in einer einzigen Zeile der Mitteilung: 134,5 Millionen Dollar des Quartalsergebnisses waren eine Zollrückerstattung. 0,86 der 2,92 Dollar je Aktie — knapp 30 Prozent des ausgewiesenen Gewinns — kamen nicht von Kundinnen und Kunden, sondern vom amerikanischen Staat, nachdem ein Gericht die zugrunde liegenden Zölle für ungültig erklärt hatte. Rechnet man diese Position heraus, verdiente Lululemon 2,06 Dollar je Aktie gegenüber 3,11 Dollar im Vorjahresquartal. Das sind nicht plus 60 Prozent. Das sind minus 34 Prozent.

Was tatsächlich in der Quartalszahl steckt

Der Umsatz fiel um 4 Prozent auf 2,415 Milliarden Dollar, währungsbereinigt um 5 Prozent, und lag damit unter dem Konsens von 2,46 Milliarden. Die vergleichbaren Flächenumsätze — die Kennzahl, die bestehende Läden und den bestehenden Onlineshop ohne Neueröffnungen misst — sanken um 9 Prozent, währungsbereinigt um 10 Prozent. In Amerika, dem Heimatmarkt mit dem Großteil des Geschäfts, brach der Vergleichsumsatz um 12 Prozent ein.

Die Bruttomarge stieg ausgewiesen auf 60,5 Prozent, ein Plus von 200 Basispunkten. Auch das ist die Rückerstattung: 134,5 Millionen auf 2,415 Milliarden Umsatz sind rund 557 Basispunkte. Ohne diesen Posten hätte die Bruttomarge bei etwa 54,9 Prozent gelegen — gegenüber 58,5 Prozent im Vorjahr, also minus rund 360 Basispunkte. Der Quervergleich bestätigt es: Im ersten Quartal, in dem keine Rückerstattung gebucht wurde, lag die Bruttomarge bei 54,2 Prozent. Die 60,5 Prozent sind der Ausreißer, nicht die Norm.

Beim operativen Ergebnis wird der Effekt noch deutlicher. Ausgewiesen 453,7 Millionen Dollar, minus 13 Prozent, Marge 18,8 Prozent. Ohne die Rückerstattung bleiben 319,2 Millionen gegenüber 521,5 Millionen im Vorjahr — minus 38,8 Prozent, bei einer operativen Marge von rund 13,2 statt 20,7 Prozent. Ein Unternehmen, dessen Umsatz um 4 Prozent nachgibt und dessen operativer Gewinn um fast 39 Prozent einbricht, hat kein Nachfragedelle-Problem. Es hat ein Struktur-Problem.

Das Geld kam von einem Gericht, nicht aus dem Ladengeschäft

Die Herkunft der 134,5 Millionen ist der interessanteste Teil der Geschichte. Ab Februar 2025 hatte die US-Regierung Zölle auf Grundlage des International Emergency Economic Powers Act erhoben — erst auf chinesische Einfuhren, dann auf Kanada und Mexiko, ab April 2025 auf nahezu alle Handelspartner. Am 20. Februar 2026 erklärte der Supreme Court diese Zölle für unzulässig. Lululemon klagte daraufhin vor dem US-Handelsgericht auf Rückzahlung der geleisteten Abgaben. Die 134,5 Millionen sind das Ergebnis.

Es handelt sich damit um einen Posten, der drei Eigenschaften auf einmal hat, die ihn als Gewinnquelle disqualifizieren: Er ist einmalig, er ist politisch und er ist umstritten. Umstritten deshalb, weil eine im Juni 2026 eingereichte Sammelklage dem Unternehmen vorwirft, rund 240 Millionen Dollar dieser Zollkosten über Preiserhöhungen an die Endkundschaft weitergegeben und gleichzeitig die volle Rückerstattung vom Staat verlangt zu haben — ohne Zusage, etwas davon an die Käuferinnen und Käufer zurückzugeben. Nike sieht sich einer vergleichbaren Klage über rund eine Milliarde Dollar an Rückerstattungen gegenüber. Insgesamt stehen in den USA Zolleinnahmen von mehr als 133 Milliarden Dollar unter gerichtlichem Rückerstattungsrisiko.

Der Umfang erklärt, warum die Position so groß ausfällt: Für das laufende Jahr rechnete das Unternehmen im Frühjahr mit rund 380 Millionen Dollar Zollkosten. Ein Teil davon wurde über Preiserhöhungen weitergereicht — und genau dort setzt die Klage an: Die Preise blieben oben, als die Zölle fielen. Für die Ergebnisqualität bedeutet das, dass die 134,5 Millionen nicht nur einmalig, sondern womöglich auch noch nicht endgültig sind. Ein Teilerfolg der Kläger würde einen Rückstellungsbedarf erzeugen, der die Rückerstattung nachträglich wieder anknabbert — und zwar in einem Geschäftsjahr, in dem das operative Ergebnis diesen Puffer nicht mehr hergibt.

Für Anlegerinnen und Anleger ist die Lehre allgemeiner als der Einzelfall: Wenn in einem Quartal die einzige kräftig wachsende Ergebniszeile aus einem Rechtsstreit stammt, misst die Kennzahl Gewinn je Aktie in diesem Quartal nicht mehr das operative Geschäft. Der Markt hat exakt einen Handelstag gebraucht, um das durchzurechnen — und dann 17,8 Mal so viel Börsenwert vernichtet, wie die Rückerstattung wert war.

Die eigentliche Nachricht war die Prognose

Wer nur auf die Quartalszahl schaut, übersieht den Grund für den Kurssturz. Lululemon hat die Jahresprognose zum dritten Mal in sechs Monaten gesenkt, und zwar in einem Ausmaß, das den Charakter der Anpassung verändert.

Im März, zur Vorlage des Geschäftsjahres 2025, stellte das Unternehmen für 2026 einen Umsatz von 11,35 bis 11,50 Milliarden Dollar in Aussicht — ein Wachstum von 2 bis 4 Prozent — bei einem Gewinn je Aktie von 12,10 bis 12,30 Dollar. Im Juni wurde daraus ein Umsatz von 11,00 bis 11,15 Milliarden und ein Gewinn von 10,95 bis 11,15 Dollar. Jetzt lautet die Prognose 10,35 bis 10,50 Milliarden Dollar Umsatz — ein Rückgang von 5 bis 7 Prozent — bei 9,48 bis 9,73 Dollar Gewinn je Aktie.

In der Mitte gerechnet: Der Umsatzausblick ist von 11,425 auf 10,425 Milliarden Dollar gefallen. Das ist exakt eine Milliarde Dollar, gestrichen in zwei Quartalen, das 7,4-Fache der gefeierten Rückerstattung. Der Gewinnausblick sank von 12,20 auf 9,605 Dollar, ein Minus von 21 Prozent gegenüber der eigenen Prognose vom März und von 27,6 Prozent gegenüber den tatsächlich erzielten 13,26 Dollar des Vorjahres. Der Analystenkonsens hatte zuletzt noch 11,03 Milliarden Umsatz erwartet; die neue Mitte liegt 605 Millionen darunter.

Entscheidender als die Höhe ist die Richtung innerhalb des Jahres. Für das laufende dritte Quartal stellt das Unternehmen 2,29 bis 2,32 Milliarden Dollar in Aussicht — ein Rückgang von 10 bis 11 Prozent. Im zweiten Quartal waren es minus 4 Prozent. Aus der Jahresprognose lässt sich für das vierte, weihnachtsstarke Quartal ein Umsatz von rund 3,2 Milliarden ableiten, gegenüber 3,6 Milliarden im Vorjahr, also ebenfalls rund minus 10 Prozent. Das Unternehmen selbst rechnet also nicht damit, dass sich der Rückgang im zweiten Halbjahr abflacht. Es rechnet damit, dass er sich auf dem verschlechterten Niveau hält.

Ein Marken-Problem, kein Konsumproblem

Es wäre bequem, das der Konjunktur anzulasten. Genau das verbietet der Kalender. Am selben Freitag meldete das US-Arbeitsministerium für August 162.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft — erwartet worden waren 55.000. Die Arbeitslosenquote blieb bei 4,1 Prozent, die Zahlen für Juni und Juli wurden zusammen um 55.000 nach oben revidiert, und in der Haushaltsbefragung strömten 683.000 Menschen zusätzlich in den Arbeitsmarkt. Der amerikanische Konsument hat einen Job. Er kauft nur diese Marke nicht mehr.

Die Detailzahlen zeigen dasselbe Bild. Der Bestand an Ware ist diszipliniert: minus 1 Prozent in Dollar, minus 7 Prozent in Stückzahlen. Es liegt also keine Halde herum, die über Rabatte abverkauft werden müsste — die Marge leidet nicht am Preis, sondern an fehlender Menge. Die Interims-Doppelspitze nannte als Ursache ausdrücklich den Kundenverkehr, dazu negative Kommentare in Medien und sozialen Kanälen, die den Traffic beeinträchtigt haben, sowie eine schwächer als geplante Resonanz auf Produktneuheiten. Der Verkauf von Leggings, dem Fundament der Marke, sank um rund 20 Prozent, weil sich die Nachfrage zu weiter geschnittenen Silhouetten verschiebt.

Das ist die unangenehmste Diagnose, die eine Konsummarke bekommen kann. Ein Preisproblem löst man mit Preisen, ein Kostenproblem mit Kosten, ein Lagerproblem mit Rabatten. Ein Traffic- und Geschmacksproblem löst man nur mit einem Sortiment, das erst in zwei bis vier Quartalen in den Läden liegt. Immerhin: Außerhalb Amerikas funktioniert die Marke weiter. Der Umsatz in Festlandchina stieg ausgewiesen um 4 Prozent, währungsbereinigt allerdings minus 2 Prozent, das übrige Auslandsgeschäft legte um 5 Prozent zu, währungsbereinigt um 6 Prozent.

Was der Aktienrückkauf über die Einschätzung des Managements sagt

Ein Detail aus der Kapitalflussrechnung verdient mehr Aufmerksamkeit, als es bekommt. Im zweiten Quartal kaufte Lululemon eigene Aktien für 330 Millionen Dollar zurück — 2,7 Millionen Stück, macht einen Durchschnittspreis von rund 122 Dollar. Am Freitag schloss die Aktie bei 100,61 Dollar. Das im Quartal zurückgekaufte Kapital steht damit rund 17,7 Prozent im Minus, praktisch deckungsgleich mit dem Tagesverlust.

Das ist kein Vorwurf im Nachhinein, sondern eine Information über den Informationsstand: Dieselbe Führung, die im Quartal für 330 Millionen Dollar eigene Aktien kaufte, senkte wenige Wochen später die Jahresprognose zum dritten Mal. Rückkäufe sind eine Aussage über den inneren Wert. Wenn dieselbe Bilanzperiode beides enthält — den Rückkauf und die Senkung —, dann war der innere Wert im Moment des Kaufs noch nicht bekannt. Für die Beurteilung künftiger Kapitalallokation ist das relevanter als jede Guidance-Zeile.

Was das für europäische Anleger bedeutet

Lululemon ist in Deutschland und Österreich über jeden Broker mit US-Zugang handelbar, zahlt aber keine Dividende — der Fall ist damit eine reine Kursgeschichte, Quellensteuerfragen entfallen. Realisierte Kursgewinne unterliegen in Deutschland der Abgeltungsteuer von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag, in Summe 26,375 Prozent, gegebenenfalls plus Kirchensteuer; der Sparer-Pauschbetrag liegt bei 1.000 Euro. In Österreich beträgt die Kapitalertragsteuer 27,5 Prozent. Wer die Position mit Verlust auflöst, sollte den deutschen Verlustverrechnungstopf für Aktien im Blick behalten, der nur mit Gewinnen aus Aktienverkäufen verrechnet werden kann.

Interessanter als die Aktie selbst ist die Lehre für die europäischen Markenwerte im Depot. Adidas hat den Zyklus in beide Richtungen vorgeführt: Als Samba und Gazelle liefen, trug ein einzelnes Schuhprofil ganze Quartale; als die Nachfrage weiterzog, half kein Kostenprogramm. Puma ist der Fall, bei dem die Prognosesenkungen wie bei Lululemon in Serie kamen. Hugo Boss und Zalando zeigen dieselbe Mechanik in Bekleidung und Handel. Die gemeinsame Kennzahl ist nie der Gewinn je Aktie, sondern der vergleichbare Flächenumsatz und die Frequenz dahinter. Wer bei Lululemon vier Quartale lang nur auf die Ergebnisübertreffungen geschaut hat, hat minus 12 Prozent Vergleichsumsatz in Amerika übersehen.

Die Gegenargumente, die man kennen sollte

Der Fall ist nicht so eindeutig, wie ein Kursminus von 17 Prozent nahelegt. Erstens ist die Bilanz sauber: 1,39 Milliarden Dollar liquide Mittel, keine nennenswerte Nettoverschuldung, ein Warenbestand, der in Stückzahlen schneller schrumpft als der Umsatz. Zweitens ist eine operative Marge von 18,8 Prozent — selbst die um die Rückerstattung bereinigten 13,2 Prozent — in der Bekleidungsbranche kein Krisenwert, sondern liegt über dem, was die meisten Wettbewerber in guten Jahren erreichen. Drittens wächst das Geschäft außerhalb Amerikas weiter, und 825 Filialen sind ein Vertriebsnetz, das sich nicht ohne Weiteres nachbauen lässt.

Viertens die Bewertung: Bei 100,61 Dollar und einem prognostizierten Gewinn von 9,605 Dollar handelt die Aktie zum rund 10,5-Fachen des laufenden Jahresgewinns — für eine Marke mit dieser Marge ein Vielfaches, das bereits einen erheblichen Teil des Rückgangs einpreist. Und fünftens ist die Rückerstattung echtes Geld, das tatsächlich auf dem Konto liegt, unabhängig davon, wie man sie im Ergebnis verbucht.

Ausblick: der Test steht in der eigenen Prognose

Am 8. September, drei Tage nach diesem Kurssturz, übernimmt Heidi O’Neill die Führung. Sie kommt von Nike, wo sie 26 Jahre lang zuletzt als Präsidentin für Konsument, Produkt und Marke arbeitete, und übernimmt von der Interimsdoppelspitze aus Finanzchefin und Vertriebschef. Neue Vorstände, die in einen laufenden Abschwung eintreten, haben strukturell einen Anreiz, die Erwartungen früh und gründlich zu bereinigen — was bedeutet, dass eine vierte Prognosesenkung nicht das Ende der These wäre, sondern ein üblicher Teil des Ablaufs.

Der prüfbare Test steht in der Prognose des Unternehmens selbst. Sie unterstellt für das dritte Quartal minus 10 bis 11 Prozent und für das Weihnachtsquartal rund minus 10 Prozent, also eine Stabilisierung des Rückgangs auf verschlechtertem Niveau. Fällt der Vergleichsumsatz im dritten Quartal deutlicher als die ausgewiesenen minus 10 Prozent des zweiten, ist die Jahreszahl erneut nicht haltbar. Bleibt er stehen, greift zum ersten Mal seit einem Jahr die Annahme, dass es sich um einen Sortimentszyklus handelt und nicht um einen Substanzverlust der Marke. Beobachten sollte man dabei nicht den Gewinn je Aktie — der wird im dritten Quartal ohne Zollposten mit 0,93 bis 0,98 Dollar ohnehin niedrig ausfallen —, sondern die Frequenz. Und den bisherigen Tiefstkurs von 97,99 Dollar, der nach diesem Freitag nur noch knapp unter dem Schlusskurs liegt.

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Daniel Herzog
AUTOR

Daniel Herzog

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