1. Lernpfad
  2. Expertenwissen
Modul 8 · Lektion 1/6

Die Griechen: Delta, Gamma, Theta und Vega

Wie stark reagiert eine Option auf Kurs, Zeit und Volatilität? Delta, Gamma, Theta und Vega Schritt für Schritt erklärt – mit Rechenbeispielen und einem Options-Labor zum Ausprobieren.

7 Min. Lesezeit Experte 13 Übungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Die „Griechen“ messen, wie empfindlich ein Optionspreis auf einzelne Einflussgrößen reagiert – sie sind das Armaturenbrett jeder Optionsposition.
  • Delta zeigt, um wie viel sich der Optionspreis ändert, wenn der Basiswert um 1 € steigt. Ein Call am Geld hat ein Delta von etwa 0,5.
  • Gamma misst, wie schnell sich das Delta ändert. Es ist am Geld und kurz vor Verfall am größten.
  • Theta ist der tägliche Zeitwertverlust. Er beschleunigt sich, je näher der Verfall rückt.
  • Vega zeigt die Reaktion auf die implizite Volatilität. Nach Unternehmenszahlen kann ein Volatilitätsrückgang eine Option entwerten, selbst wenn die Richtung stimmt.

In der Lektion zu den Optionsgrundlagen hast du gesehen: Der Preis einer Option hängt vom Kurs des Basiswerts, vom Basispreis, von der Restlaufzeit, von der erwarteten Schwankung und vom Zinsniveau ab. Das reicht, um Optionen zu verstehen. Um mit ihnen zu arbeiten, braucht man mehr: Man muss wissen, wie stark sich der Preis ändert, wenn sich einer dieser Faktoren bewegt.

Genau das messen die sogenannten Griechen – Kennzahlen, die nach griechischen Buchstaben benannt sind. Sie sind das Armaturenbrett jeder Optionsposition: Delta ist der Tacho, Gamma die Beschleunigung, Theta der Tankverbrauch und Vega das Wetter. Wer sie lesen kann, versteht, warum eine Option an einem Tag 30 % gewinnt und am nächsten trotz steigender Aktie verliert.

Delta: Wie stark folgt die Option der Aktie?

Das Delta gibt an, um wie viel sich der Optionspreis ungefähr ändert, wenn der Basiswert um 1 € steigt. Bei unserem Call mit Delta 0,55 heißt das: Steigt die Aktie von 100 € auf 101 €, steigt der Call von 5,31 € auf etwa 5,86 €.

  • Ein Call hat ein Delta zwischen 0 und 1. Weit aus dem Geld liegt es nahe 0 (die Option reagiert kaum), tief im Geld nahe 1 (sie bewegt sich fast wie die Aktie selbst).
  • Ein Put hat ein Delta zwischen −1 und 0. Er gewinnt, wenn die Aktie fällt.
  • Am Geld, also wenn Kurs und Basispreis gleich sind, liegt das Delta eines Calls bei etwa 0,5 – etwas darüber, weil Zinsen und die Schiefe der Kursverteilung mitwirken.

Delta hat noch zwei weitere, sehr praktische Bedeutungen:

Delta als Aktienäquivalent. Wer 10 Calls auf je 100 Aktien mit Delta 0,55 hält, reagiert kurzfristig wie jemand, der 550 Aktien besitzt. Profis rechnen ihre gesamte Position so in „Delta-Aktien“ um und wissen dadurch, wie viel Kursrisiko sie wirklich tragen.

Delta-Hedging. Market Maker, die dir einen Call verkaufen, wollen nicht auf die Richtung wetten. Sie kaufen deshalb so viele Aktien, wie das Delta vorgibt – bei Delta 0,55 also 55 Aktien je Kontrakt über 100 Stück. Steigt die Aktie und mit ihr das Delta, kaufen sie nach. Fällt sie, verkaufen sie. Diese Absicherungsgeschäfte bewegen die Märkte spürbar mit.

Probier es aus: Verändere Kurs, Laufzeit und Volatilität und beobachte, wie sich Preis und Griechen verschieben. Die goldene Linie ist die Tangente an die Preiskurve – ihre Steigung ist das Delta.

Gamma: Wie schnell ändert sich Delta?

Das Delta ist nicht konstant. Steigt die Aktie, rutscht ein Call tiefer ins Geld, und sein Delta wächst. Wie schnell das geschieht, misst Gamma: die Änderung des Deltas pro 1 € Kursbewegung.

Unser Call hat ein Gamma von 0,032. Steigt die Aktie um 1 €, steigt das Delta von 0,55 auf etwa 0,58. Bei 10 € Anstieg läge es schon deutlich über 0,8. Deshalb ist die Delta-Rechnung nur für kleine Bewegungen genau – bei großen Bewegungen gewinnt der Call-Käufer mehr, als das Delta verspricht, und verliert weniger.

Gamma ist am Geld und kurz vor Verfall am größten Aktienkurs Gamma Basispreis 10 Tage bis Verfall 1 Jahr bis Verfall
Kurz vor Verfall wird Gamma spitz. Mit langer Laufzeit ändert sich das Delta gemächlich. In den letzten Tagen entscheidet sich am Basispreis auf wenigen Euro, ob die Option wertlos verfällt oder Wert hat – das Delta springt dann schnell zwischen 0 und 1.

Käufer von Optionen sind „long Gamma“: Große Bewegungen – egal in welche Richtung – arbeiten für sie. Verkäufer sind „short Gamma“: Für sie ist eine heftige Bewegung gefährlich, weil sich ihre Verluste beschleunigen.

Vertiefung · Gamma Squeeze

Haben Market Maker viele Calls verkauft, müssen sie bei steigenden Kursen Aktien nachkaufen, um ihr Delta auszugleichen. Diese Käufe treiben den Kurs weiter, was das Delta weiter erhöht und neue Käufe erzwingt. 2021 verstärkte genau dieser Mechanismus – zusammen mit einem Short Squeeze – den Anstieg der GameStop-Aktie um weit über 1.000 %.

Theta: Der Preis der Zeit

Eine Option ist ein Recht mit Ablaufdatum. Je weniger Zeit bleibt, desto geringer die Chance auf eine große Bewegung – und desto weniger ist der Zeitwert wert. Theta misst diesen Verlust pro Tag, wenn sich sonst nichts ändert.

Unser Call verliert bei 90 Tagen Restlaufzeit etwa 3 Cent am Tag. Das klingt wenig, sind aber bei 5,31 € Preis über 0,5 % täglich. Und der Verfall beschleunigt sich: Mit nur noch 10 Tagen Restlaufzeit kostet derselbe Call am Geld nur noch rund 1,70 €, verliert aber fast 9 Cent pro Tag.

Theta und Gamma sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Käufer zahlt jeden Tag Theta, um long Gamma zu sein – also um von großen Bewegungen zu profitieren. Der Verkäufer kassiert Theta als Belohnung dafür, das Risiko großer Bewegungen zu tragen. Ob sich eine Option „gelohnt“ hat, hängt am Ende davon ab, ob die tatsächliche Schwankung größer oder kleiner war als die eingepreiste.

Vega: Die Wette auf Schwankung

Vega misst, wie stark der Optionspreis auf eine Änderung der impliziten Volatilität reagiert – pro Prozentpunkt. Unser Call hat ein Vega von 0,20 €. Steigt die implizite Volatilität von 25 % auf 30 %, gewinnt er rund 1 €, ohne dass sich die Aktie bewegt hat.

Calls und Puts haben beide ein positives Vega: Mehr erwartete Schwankung macht jede gekaufte Option wertvoller. Optionen mit langer Laufzeit reagieren dabei stärker als kurzlaufende.

Alle Griechen auf einen Blick

Position Delta Gamma Theta Vega
Call kaufen positiv positiv negativ positiv
Put kaufen negativ positiv negativ positiv
Call verkaufen negativ negativ positiv negativ
Put verkaufen positiv negativ positiv negativ

Die Tabelle zeigt ein Grundmuster: Käufer haben positives Gamma und Vega und zahlen dafür Theta. Verkäufer haben es genau umgekehrt. Es gibt noch weitere Griechen – etwa Rho für die Zinsempfindlichkeit oder Vanna und Charm für Wechselwirkungen –, für das Verständnis reichen aber die vier großen.

Zusammenfassung

Delta sagt dir, wie viel Kursrisiko in deiner Option steckt, Gamma, wie schnell sich das ändert. Theta ist der tägliche Preis, den der Käufer für sein Recht zahlt, Vega die Wette auf künftige Schwankung. Jede Optionsposition ist damit eine Kombination aus Wetten auf Richtung, Ausmaß, Zeit und Volatilität. In der nächsten Lektion schauen wir, woher die Preise selbst kommen – vom einfachen Binomialbaum bis zur Formel von Black und Scholes.

Jetzt üben

13 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.

Teste dein Wissen

0/4

01Ein Call kostet 4,00 € und hat ein Delta von 0,6. Die Aktie steigt um 2 €. Welcher Optionspreis ist ungefähr zu erwarten?

Kursänderung × Delta = 2 € × 0,6 = 1,20 €. Der Call steigt also ungefähr auf 5,20 €. Weil sich das Delta mit dem Kurs ändert (Gamma), ist es nur eine Näherung.

02Wann ist das Gamma einer Option typischerweise am größten?

Kurz vor Verfall entscheidet sich bei einer Option am Geld in wenigen Euro, ob sie wertlos verfällt oder Wert hat – das Delta springt dann sehr schnell zwischen 0 und 1.

03Du hast einen Call gekauft. Die Aktie bewegt sich drei Wochen lang kaum. Welcher Grieche arbeitet gegen dich?

Theta ist der Zeitwertverlust. Jeder Tag ohne Bewegung kostet den Käufer Geld – der Verkäufer verdient genau diesen Betrag.

04Vor den Quartalszahlen liegt die implizite Volatilität bei 60 %, danach bei 30 %. Die Aktie steigt leicht. Was kann mit einem gekauften Call passieren?

Das ist der „IV Crush“. Der Volatilitätsaufschlag vor den Zahlen verschwindet schlagartig. Über Vega kann das mehr kosten, als der kleine Kursgewinn über Delta einbringt.