Entnahmeplan: 4-%-Regel, Sequenzrisiko und Monte-Carlo
Wie viel kann man jedes Jahr aus einem Depot entnehmen, ohne dass das Geld ausgeht? Die 4-%-Regel, ihre Grenzen, das Sequenzrisiko in Zahlen, Monte-Carlo-Simulationen und flexible Entnahmestrategien.
Das Wichtigste in Kürze
- Beim Entnehmen gelten andere Regeln als beim Ansparen. Nicht nur die Durchschnittsrendite zählt, sondern auch die Reihenfolge der Renditen (Sequenzrisiko).
- Die 4-%-Regel stammt aus US-Daten – 4 % des Startkapitals, jährlich an die Inflation angepasst, reichten historisch für 30 Jahre. Für längere Zeiträume und andere Märkte ist sie eher zu optimistisch.
- Eine Monte-Carlo-Simulation spielt Tausende zufällige Börsenverläufe durch und schätzt, wie oft das Geld reicht. Sie ist nur so gut wie ihre Annahmen.
- Flexible Entnahmen – etwas weniger nach schlechten Jahren – erhöhen die Erfolgschance deutlich stärker als jede Optimierung der Anlage.
- Gesetzliche Rente, Leibrenten und ein Bargeldpuffer für ein bis zwei Jahre machen den Plan robuster.
Beim Vermögensaufbau sind die Regeln einfach: regelmäßig sparen, breit streuen, Kosten niedrig halten und Geduld haben. Schwankungen sind dabei sogar ein Vorteil – mit dem Sparplan kaufst du in schwachen Phasen billig nach. In der Entnahmephase dreht sich das um. Jetzt verkaufst du regelmäßig, und Schwankungen arbeiten gegen dich. Die Frage „Wie viel darf ich jedes Jahr entnehmen, ohne dass das Geld zu früh ausgeht?“ gilt als eines der schwierigsten Probleme der privaten Finanzplanung. William Sharpe, Nobelpreisträger, nannte es „das kniffligste und schwierigste Problem“, mit dem er sich beschäftigt habe.
Die 4-%-Regel
1994 untersuchte der US-Finanzberater William Bengen alle historischen 30-Jahres-Zeiträume seit 1926. Seine Frage: Welche Entnahme hätte in jedem dieser Zeiträume gereicht? Das Ergebnis: Wer im ersten Jahr 4 % seines Startvermögens entnahm und diesen Betrag danach jedes Jahr an die Inflation anpasste, wäre mit einem Depot aus 50 bis 75 % Aktien und dem Rest in Anleihen nie vor Ablauf von 30 Jahren pleite gewesen – auch nicht beim Start kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Die sogenannte Trinity-Studie bestätigte das 1998 mit ähnlichen Daten.
Bei 1.000.000 € Startvermögen entnimmst du im ersten Jahr 40.000 €. Bei 2 % Inflation sind es im zweiten Jahr 40.800 €, im dritten 41.616 € – egal, ob die Börse gerade steigt oder fällt.
Die 4-%-Regel ist also kein Naturgesetz, sondern ein nützlicher Startpunkt. Ihre wichtigste Aussage ist eine andere: Selbst ein großes Depot trägt nur eine überraschend kleine sichere Entnahme. Wer 30.000 € pro Jahr aus seinem Depot braucht, sollte mit grob 750.000 € bis 1.000.000 € rechnen.
Sequenzrisiko in Zahlen
Warum ist die sichere Rate so niedrig, obwohl Aktien langfristig rund 5 % pro Jahr über der Inflation brachten? Der Grund ist das Sequenzrisiko: Beim Entnehmen zählt nicht nur die Durchschnittsrendite, sondern die Reihenfolge, in der gute und schlechte Jahre kommen.
Daraus folgt: Die ersten fünf bis zehn Jahre der Entnahmephase sind die gefährlichsten. Ein schwerer Bärenmarkt in dieser Zeit kann einen Plan scheitern lassen, der im Durchschnitt locker aufgegangen wäre.
Monte-Carlo-Simulation
Historische Daten liefern nur wenige unabhängige 30-Jahres-Zeiträume. Eine Monte-Carlo-Simulation geht deshalb anders vor: Sie würfelt Tausende mögliche Zukünfte aus. Für jedes Jahr wird eine zufällige Rendite gezogen – passend zu einer angenommenen Durchschnittsrendite und Schwankung –, dann wird die Entnahme abgezogen. Am Ende zählt man, in wie vielen Verläufen das Geld bis zum Schluss gereicht hat.
Probier es selbst. Verändere Entnahmerate, Dauer, Rendite und Schwankung und beobachte die Erfolgsquote:
Ein paar Beobachtungen, die du in der Simulation nachvollziehen kannst:
- Eine Erhöhung der Entnahme von 4 % auf 5 % kostet mehr Erfolgswahrscheinlichkeit, als man intuitiv erwartet.
- Höhere Schwankung senkt die Erfolgsquote, selbst wenn die Durchschnittsrendite gleich bleibt – das ist Sequenzrisiko in Reinform.
- Das Band der möglichen Ergebnisse ist riesig. Je nach Annahmen bleibt das Vermögen im Median erhalten oder wächst sogar, während es in den schlechtesten Verläufen nach 20 Jahren aufgebraucht ist.
Flexible Entnahmestrategien
Die 4-%-Regel geht davon aus, dass du stur jedes Jahr denselben inflationsbereinigten Betrag entnimmst – auch mitten im Crash. In der Realität passt kaum jemand sein Leben so an. Schon kleine Anpassungen verbessern die Ergebnisse deutlich:
- Guardrails (Leitplanken): Nach einer Methode von Jonathan Guyton und William Klinger kürzt man die Entnahme um 10 %, wenn die aktuelle Entnahmequote um mehr als 20 % über der Startquote liegt – und erhöht sie um 10 %, wenn sie mehr als 20 % darunter liegt. Damit sind anfangs oft höhere Entnahmen von 5 % und mehr möglich.
- Prozentuale Entnahme: Jedes Jahr ein fester Prozentsatz des aktuellen Depotwerts. Das Geld geht nie ganz aus, das Einkommen schwankt aber mit der Börse.
- Keine Inflationsanpassung nach Verlustjahren: Eine sehr einfache Regel, die das Sequenzrisiko spürbar dämpft.
Bargeldpuffer und Bucket-Strategie
Viele Ruheständler halten ein bis zwei Jahresentnahmen auf dem Tagesgeldkonto oder in kurzen Anleihen. Im Crash entnehmen sie aus diesem Puffer, statt Aktien zu Tiefstkursen zu verkaufen, und füllen ihn in guten Jahren wieder auf. Mathematisch ist der Effekt kleiner, als oft behauptet – das Bargeld bringt weniger Rendite. Psychologisch hilft er aber sehr, den Plan in schlechten Zeiten durchzuhalten. Und ein Plan, den man durchhält, schlägt jeden optimalen Plan, den man in Panik verwirft.
Weitere Stellschrauben
- Gesetzliche Rente und andere sichere Einkommen: Je mehr deines Grundbedarfs aus lebenslangen Zahlungen gedeckt ist, desto mehr Schwankung verträgt das Depot.
- Leibrenten: Eine private Rentenversicherung wandelt Kapital in eine lebenslange Zahlung um und versichert damit das Risiko, sehr alt zu werden. Der Preis: Das Kapital ist weg, und Kosten sowie niedrige Garantiezinsen schmälern die Rendite.
- Aktienquote: Zu wenig Aktien sind gefährlich, weil das Vermögen gegen Inflation kaum wächst. Viele Studien finden für 30 Jahre die besten Ergebnisse mit 40 bis 75 % Aktien.
- Kosten und Steuern: Jeder gesparte Zehntelprozentpunkt erhöht die tragbare Entnahme.
Zusammenfassung
In der Entnahmephase entscheidet nicht nur die Rendite, sondern ihre Reihenfolge. Die 4-%-Regel ist ein guter Anhaltspunkt aus US-Daten, für lange Zeiträume und andere Märkte aber eher optimistisch. Monte-Carlo-Simulationen zeigen die Bandbreite möglicher Ergebnisse, aber keine Gewissheit. Am wirksamsten sind Flexibilität, ein Puffer für schlechte Jahre und ein sicheres Grundeinkommen. Damit endet dieser Lernpfad: Du kennst jetzt die Werkzeuge, mit denen auch Profis planen. Wiederhole regelmäßig – und baue dir deinen eigenen Anlageplan.
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14 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.
Teste dein Wissen
0/401Du hast 800.000 € und folgst der 4-%-Regel. Wie viel entnimmst du im ersten Jahr?
02Zwei Anleger erleben dieselben zehn Jahresrenditen, nur in umgekehrter Reihenfolge, und entnehmen jedes Jahr gleich viel. Wer steht am Ende schlechter da?
03Eine Monte-Carlo-Simulation ergibt eine Erfolgsquote von 90 %. Was bedeutet das?
04Was ist die Idee von „Guardrails“ bei Entnahmen?