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Modul 2 · Lektion 1/6

Anleihen: Wie Zinsen und Kurse zusammenhängen

Kupon, Laufzeit, Rendite, Rating und Duration – wie Anleihen funktionieren, warum ihre Kurse fallen, wenn Zinsen steigen, und welche Risiken in vermeintlich sicheren Papieren stecken.

5 Min. Lesezeit Einsteiger 13 Übungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Anleihe ist ein handelbarer Kredit. Du leihst einem Staat oder Unternehmen Geld und bekommst dafür Zinsen (Kupon) und am Ende den Nennwert zurück.
  • Kurse und Renditen bewegen sich gegenläufig. Steigen die Marktzinsen, fallen die Kurse bestehender Anleihen – und umgekehrt.
  • Wie stark eine Anleihe auf Zinsänderungen reagiert, zeigt die Duration. Lange Laufzeiten bedeuten großes Zinsänderungsrisiko.
  • Das Rating beschreibt das Ausfallrisiko. Schlechtere Bonität wird mit höheren Zinsen bezahlt.
  • Relevant ist die Rendite bis zur Fälligkeit, nicht der Kupon allein.

Aktien bekommen die Schlagzeilen, doch der Anleihemarkt ist größer. Staaten finanzieren über Anleihen ihre Haushalte, Unternehmen ihre Fabriken, Banken ihre Kredite. Für Anleger sind Anleihen der klassische Gegenpol zu Aktien: weniger Rendite, weniger Schwankung – zumindest meistens. Das Jahr 2022 hat gezeigt, dass „sicher“ ein sehr relativer Begriff ist.

Ein Kredit, der gehandelt wird

Eine Anleihe (auch Rentenpapier, Obligation oder Bond) ist ein verbriefter Kredit. Der Herausgeber – der Emittent – leiht sich Geld von vielen Anlegern gleichzeitig und verspricht:

  • regelmäßige Zinszahlungen, den Kupon, etwa 3 % pro Jahr,
  • und die Rückzahlung des Nennwerts am Ende der Laufzeit, dem Fälligkeitstag.

Anleihen werden in Prozent des Nennwerts notiert. Ein Kurs von 100 bedeutet „zum Nennwert“, ein Kurs von 95 heißt, du zahlst 950 € für eine Anleihe, die am Ende 1.000 € zurückzahlt.

Merkmal Beispiel
Emittent Republik Österreich
Nennwert 1.000 €
Kupon 3,0 % pro Jahr (30 € jährlich)
Laufzeit 10 Jahre
Kurs heute 97,50 %

Im Unterschied zur Aktie bist du als Anleihegläubiger nicht Eigentümer, sondern Kreditgeber. Du bekommst nicht mehr, wenn es dem Unternehmen besser geht – aber du wirst vor den Aktionären bedient, wenn es schlecht läuft.

Kupon ist nicht gleich Rendite

Der Kupon steht fest. Der Kurs nicht. Deshalb unterscheidet sich die Rendite, die du tatsächlich erzielst, fast immer vom Kupon.

Die wichtigste Kennzahl ist die Rendite bis zur Fälligkeit (Yield to Maturity). Sie beantwortet die Frage: Welchen jährlichen Ertrag erziele ich, wenn ich die Anleihe heute zum aktuellen Kurs kaufe, alle Kupons kassiere und sie bis zum Ende halte?

Das wichtigste Gesetz: Zinsen hoch, Kurse runter

Stell dir vor, du hast für 1.000 € eine Anleihe mit 2 % Kupon gekauft. Kurz darauf steigen die Marktzinsen, und neue Anleihen desselben Emittenten zahlen 4 %. Wer würde dir jetzt 1.000 € für deine 2-%-Anleihe zahlen, wenn er für dasselbe Geld 4 % bekommen kann? Niemand. Deine Anleihe ist nur noch so viel wert, dass ein Käufer insgesamt ebenfalls auf rund 4 % kommt – ihr Kurs fällt.

Umgekehrt gilt: Fallen die Marktzinsen, wird deine höher verzinste Anleihe begehrter, und ihr Kurs steigt.

Spiel mit dem Rechner: Setze den Marktzins über den Kupon, und der Kurs fällt unter 100. Verlängere die Restlaufzeit, und die Kurve wird steiler – die Anleihe reagiert stärker.

Duration: Wie empfindlich ist meine Anleihe?

Wie stark der Kurs auf Zinsänderungen reagiert, misst die Duration. Die modifizierte Duration gibt näherungsweise an, um wie viel Prozent der Kurs fällt, wenn die Rendite um einen Prozentpunkt steigt.

  • Eine Anleihe mit einer Duration von 2 verliert bei +1 Prozentpunkt Zins etwa 2 %.
  • Eine Anleihe mit einer Duration von 20 verliert etwa 20 %.

Die Duration ist umso höher, je länger die Restlaufzeit und je niedriger der Kupon ist. Bei langen Laufzeiten liegt das meiste Geld weit in der Zukunft – und genau diese weit entfernten Zahlungen verlieren am meisten an Wert, wenn Zinsen steigen.

Kreditrisiko: Zahlt der Schuldner?

Das zweite große Risiko ist der Zahlungsausfall. Ein Unternehmen kann pleitegehen, ein Staat kann seine Schulden nicht mehr bedienen. Ratingagenturen wie S&P, Moody’s und Fitch bewerten die Bonität von Emittenten mit Ratings:

Ratingskala von AAA bis D AAAAAABBBBBBCCC–CD Investment Grade geringes bis moderates Ausfallrisiko High Yield („Junk“) spekulativ, höhere Zinsen Deutschland: AAA · Österreich: AA+ (S&P) · USA: AA+ (S&P) bzw. Aa1 (Moody's)
Die Ratingskala. Die Trennlinie liegt zwischen BBB− und BB+. Viele institutionelle Anleger dürfen nur Investment-Grade-Anleihen halten – fällt ein Emittent darunter, müssen sie oft verkaufen.

Je schlechter das Rating, desto höher der Zins, den ein Emittent zahlen muss. Die Differenz zur Rendite einer sicheren Staatsanleihe heißt Risikoaufschlag (Credit Spread). In Krisen weiten sich diese Aufschläge aus, weil Anleger mehr Sicherheit verlangen.

Die wichtigsten Anleihearten

Art Emittent Typische Eigenschaften
Staatsanleihen Bund, Republik Österreich, US-Schatzamt Sehr liquide, als sicherste Anlage ihrer Währung angesehen
Unternehmensanleihen Siemens, Apple, Mittelständler Höhere Zinsen, Ausfallrisiko je nach Rating
Pfandbriefe Banken, besichert durch Immobilienkredite Sehr sicher, etwas mehr Zins als Staatsanleihen
Inflationsindexierte Anleihen Staaten Nennwert wächst mit der Inflation, schützt Kaufkraft
Nullkuponanleihen verschiedene Kein laufender Kupon, Kauf deutlich unter 100

Wozu Anleihen im Depot?

Anleihen erfüllen im Portfolio vor allem drei Aufgaben:

  1. Stabilität: Hochwertige Anleihen schwanken deutlich weniger als Aktien.
  2. Ausgleich: In vielen Aktienkrisen – etwa 2008 oder im März 2020 – stiegen sichere Staatsanleihen, während Aktien fielen. Diese Gegenbewegung ist aber nicht garantiert. 2022 fielen beide gleichzeitig, weil der Auslöser steigende Zinsen waren.
  3. Planbare Erträge: Wer eine Anleihe bis zur Fälligkeit hält, kennt seine Rendite im Voraus – vorausgesetzt, der Schuldner zahlt.

Für Privatanleger ist der einfachste Zugang ein Anleihe-ETF, der Hunderte Anleihen bündelt. Wichtig dabei: Ein ETF hat keine feste Fälligkeit. Er verhält sich wie eine Anleihe mit konstanter Duration und schwankt entsprechend. Wer Zinsrisiko vermeiden will, wählt kurze Laufzeiten oder Geldmarktfonds.

Zusammenfassung

Anleihen sind handelbare Kredite mit festem Kupon und Rückzahlung zum Nennwert. Ihr Kurs schwankt gegenläufig zu den Marktzinsen, und zwar umso stärker, je länger die Laufzeit ist. Das Rating zeigt das Ausfallrisiko, der Risikoaufschlag den Preis dafür. Richtig eingesetzt stabilisieren Anleihen ein Depot – blind „sicher“ sind sie aber nicht.

In der nächsten Lektion geht es um den Baustein, mit dem die meisten Privatanleger heute investieren: Fonds und ETFs.

Jetzt üben

13 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.

Teste dein Wissen

0/4

01Du besitzt eine Anleihe mit 2 % Kupon. Neue, vergleichbare Anleihen bieten plötzlich 4 %. Was passiert mit dem Kurs deiner Anleihe?

Niemand zahlt 100 für 2 % Zinsen, wenn er für 100 auch 4 % bekommt. Der Kurs deiner Anleihe muss so weit fallen, dass ein Käufer insgesamt auf etwa 4 % Rendite kommt.

02Welche Anleihe verliert bei einem Zinsanstieg um einen Prozentpunkt am meisten an Wert?

Je länger die Laufzeit und je niedriger der Kupon, desto höher die Duration – und desto stärker reagiert der Kurs auf Zinsänderungen. Die 30-jährige Niedrigkupon-Anleihe hat mit Abstand die höchste Duration.

03Eine Anleihe notiert bei 90 % und läuft in einem Jahr aus. Sie zahlt 2 % Kupon. Ungefähr welche Rendite erzielst du, wenn du sie bis zur Fälligkeit hältst und der Schuldner zahlt?

Du zahlst 90 und bekommst in einem Jahr 100 plus 2 Kupon, also 102. Gewinn 12 auf 90 Einsatz = rund 13 %. Eine so hohe Rendite deutet allerdings meist auf ein erhebliches Ausfallrisiko hin.

04Was bedeutet ein Rating von „BB“?

Ab BBB− abwärts beginnt der spekulative Bereich (High Yield). BB liegt eine Stufe darunter und gilt als spekulativ, ist aber noch kein Ausfall.