1. Lernpfad
  2. Rendite & Risiko
Modul 3 · Lektion 3/6

Volatilität und Drawdowns

Wie man Risiko misst – mit Standardabweichung, maximalem Verlust und Erholungszeit – und warum ein Crash von 50 % ein Plus von 100 % erfordert.

4 Min. Lesezeit Fortgeschritten 10 Übungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Volatilität misst, wie stark eine Anlage um ihren Durchschnitt schwankt, meist als Standardabweichung der Jahresrenditen.
  • Der Drawdown misst den Verlust vom letzten Höchststand – für Anleger oft die spürbarere Risikokennzahl.
  • Verluste und Gewinne sind asymmetrisch. Nach −50 % braucht es +100 %, nach −80 % sogar +400 %.
  • Breite Aktienmärkte haben in der Geschichte mehrfach 50 % und mehr verloren und teils viele Jahre bis zur Erholung gebraucht.
  • Extreme Ereignisse kommen häufiger vor, als eine Normalverteilung vermuten lässt (Fat Tails).

„Risiko“ ist eines der am häufigsten benutzten und am seltensten definierten Wörter der Finanzwelt. Für die meisten Menschen bedeutet es schlicht: Wie viel kann ich verlieren? Fachleute messen es präziser, aber mit Werkzeugen, die man kennen sollte – samt ihrer Schwächen.

Volatilität: die Schwankungsbreite

Die gebräuchlichste Risikokennzahl ist die Volatilität. Sie misst, wie stark die Renditen einer Anlage um ihren Durchschnitt streuen, statistisch als Standardabweichung. Ein paar typische Werte für die jährliche Volatilität:

Anlage Typische Volatilität pro Jahr
Tagesgeld ~0 %
Kurzlaufende Staatsanleihen 1–3 %
Breiter Anleihemarkt 4–7 %
Weltweiter Aktienindex 14–18 %
Einzelaktie (großes Unternehmen) 20–35 %
Bitcoin 50–80 %

Was bedeutet das konkret? Wenn Renditen ungefähr normalverteilt sind, liegen rund zwei Drittel aller Jahresergebnisse innerhalb einer Standardabweichung um den Durchschnitt, rund 95 % innerhalb von zwei. Ein Aktienmarkt mit 7 % erwarteter Rendite und 16 % Volatilität bringt also in zwei von drei Jahren irgendetwas zwischen −9 % und +23 % – und in jedem zwanzigsten Jahr etwas außerhalb von −25 % bis +39 %.

Mit dem Simulator kannst du sehen, wie unterschiedlich ein einziges Jahr bei gleicher erwarteter Rendite verlaufen kann:

Drawdown: Wie tief kann es gehen?

Volatilität behandelt Ausschläge nach oben und unten gleich. Anleger empfinden das anders: Niemand beschwert sich über überraschende Gewinne. Spürbarer ist der Drawdown – der Verlust vom letzten Höchststand bis zum Tiefpunkt. Der maximale Drawdown ist der größte solche Verlust in einem Zeitraum.

Schema eines Drawdowns mit Erholungszeit Höchststand Tiefpunkt maximaler Drawdown Zeit unter Wasser (bis zum neuen Hoch)
Der Weg nach unten ist oft kürzer als der Weg zurück. Für Anleger zählt nicht nur die Tiefe eines Verlusts, sondern auch, wie lange es dauert, bis der alte Höchststand wieder erreicht ist.

Die Mathematik der Erholung

Verluste und Gewinne sind nicht symmetrisch. Wer 50 % verliert, hat nur noch die Hälfte – und muss diese Hälfte verdoppeln, um wieder auf den Ausgangswert zu kommen:

Deshalb ist es so wichtig, große Verluste zu vermeiden, die man nicht aussitzen kann – durch Streuung, durch eine passende Mischung aus Aktien und Anleihen und durch den Verzicht auf übermäßigen Hebel.

Crashs in der Geschichte

Große Aktienmärkte sind im Lauf der Geschichte mehrfach tief gefallen:

Ereignis Markt Verlust vom Hoch Zeit bis zum neuen Hoch (Kurs, nominal)
Weltwirtschaftskrise 1929–1932 Dow Jones −89 % rund 25 Jahre (1954)
Ölkrise 1973–1974 S&P 500 −48 % rund 6 Jahre
Dotcom-Crash 2000–2002 Nasdaq −78 % rund 15 Jahre (2015)
Dotcom-Crash 2000–2002 S&P 500 −49 % rund 7 Jahre
Finanzkrise 2007–2009 S&P 500 −57 % rund 5½ Jahre (2013)
Corona-Crash 2020 S&P 500 −34 % rund 5 Monate
Japan-Blase ab 1990 Nikkei 225 −80 % rund 34 Jahre (2024)

Mit Dividenden und bei breiterer Streuung waren die Erholungszeiten oft kürzer – nach 1929 etwa dauerte es mit reinvestierten Dividenden und unter Berücksichtigung der damals fallenden Preise deutlich weniger als 25 Jahre. Trotzdem zeigt die Tabelle: Wer Aktien besitzt, muss damit rechnen, irgendwann einmal die Hälfte des Depotwerts auf dem Papier zu verlieren.

Fat Tails: Wenn das Unwahrscheinliche passiert

Viele Risikomodelle unterstellen, dass Renditen normalverteilt sind – also der bekannten Glockenkurve folgen. Die Wirklichkeit hat aber dickere Ränder: Extreme Tage kommen viel häufiger vor, als die Glockenkurve vorhersagt.

Am 19. Oktober 1987, dem „Schwarzen Montag“, fiel der Dow Jones an einem einzigen Tag um 22,6 %. Bei normalverteilten Renditen mit der damaligen Volatilität wäre ein solcher Tag so unwahrscheinlich gewesen, dass er im Lauf der Geschichte des Universums nicht hätte vorkommen dürfen. Er kam trotzdem.

Die Lehre: Volatilität ist ein nützliches Maß für normale Zeiten. Für Krisen sind Szenarien und historische Drawdowns oft die ehrlicheren Werkzeuge.

Zeit verändert das Risiko – aber nicht so, wie viele denken

Über einen Tag ist ein Aktienmarkt fast ein Münzwurf. Über ein Jahr hat der US-Markt in rund drei von vier Jahren zugelegt. Über 20 Jahre gab es historisch nur wenige Zeiträume, in denen breit gestreute Aktien real verloren haben. Längere Haltedauern verringern also die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts.

Gleichzeitig wächst aber die Spannweite möglicher Endergebnisse. Und es gibt Märkte wie Japan nach 1990, in denen auch 20 Jahre nicht gereicht haben. „Langfristig kann nichts passieren“ ist deshalb zu einfach. Richtig ist: Zeit ist ein mächtiger Verbündeter, besonders zusammen mit breiter internationaler Streuung.

Zusammenfassung

Volatilität misst die übliche Schwankung, der Drawdown den schmerzhaften Verlust vom Hoch. Gewinne und Verluste sind asymmetrisch, weshalb große Verluste so gefährlich sind. Historisch haben selbst breite Aktienmärkte die Hälfte ihres Wertes verloren, und extreme Ereignisse sind häufiger, als einfache Modelle annehmen. Risiko lässt sich nicht abschaffen – aber man kann es messen, streuen und so dosieren, dass man es auch in schweren Zeiten aushält.

Jetzt üben

10 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.

Teste dein Wissen

0/3

01Ein Aktien-ETF hat eine jährliche Volatilität von 16 % und eine erwartete Rendite von 7 %. In welcher Spanne landen grob zwei von drei Jahresrenditen?

Bei annähernd normalverteilten Renditen liegen rund zwei Drittel der Ergebnisse innerhalb einer Standardabweichung um den Mittelwert – also 7 % ± 16 %.

02Dein Depot verliert 60 %. Welches Plus brauchst du, um wieder auf den alten Stand zu kommen?

Von 100 auf 40 gefallen, musst du von 40 wieder auf 100 kommen. Das sind 60 ÷ 40 = 150 % Plus.

03Was beschreibt der Begriff „Fat Tails“?

Die Ränder („Tails“) der tatsächlichen Renditeverteilung sind dicker als bei einer Normalverteilung. Crashs wie 1987 oder 2008 dürften nach der Normalverteilung praktisch nie vorkommen – sie passieren trotzdem.