Diversifikation
Warum man nicht alle Eier in einen Korb legen sollte – wie Streuung Risiko senkt, was Korrelation bedeutet und welche Risiken sich nicht wegdiversifizieren lassen.
Das Wichtigste in Kürze
- Diversifikation verteilt Geld auf viele Anlagen, deren Wert sich nicht im Gleichschritt bewegt – so sinkt das Risiko, ohne dass die erwartete Rendite gleich mitsinkt.
- Entscheidend ist die Korrelation. Je unabhängiger sich Anlagen entwickeln, desto stärker wirkt Streuung.
- Das Risiko einzelner Unternehmen lässt sich fast vollständig wegdiversifizieren, das Risiko des Gesamtmarkts nicht.
- Wenige Aktien sorgen langfristig für den Großteil der Börsengewinne. Wer breit streut, hat sie sicher dabei.
- In Crashs steigen Korrelationen oft, Streuung innerhalb von Aktien hilft dann weniger. Streuung über Anlageklassen bleibt wichtig.
„Leg nicht alle Eier in einen Korb“ – die Großmutterweisheit ist der Kern der modernen Portfoliotheorie. Harry Markowitz bekam für ihre mathematische Ausarbeitung 1990 den Nobelpreis und nannte Diversifikation den einzigen „Free Lunch“ der Finanzwelt: das Einzige, was Risiko senkt, ohne zwangsläufig die erwartete Rendite zu senken.
Wie Streuung wirkt
Stell dir vor, du besitzt nur eine einzige Aktie. Ihr Schicksal hängt an einem Unternehmen: an seinem Management, seinen Produkten, seinen Konkurrenten, an einem einzigen Skandal. Besitzt du zwei Aktien aus unterschiedlichen Branchen, gleichen sich ihre individuellen Pechsträhnen teilweise aus. Bei zwanzig Aktien fällt ein einzelner Totalausfall kaum noch ins Gewicht.
Probier aus, wie schnell das Risiko sinkt, wenn du mehr Aktien in dein Depot nimmst:
Zwei Dinge fallen auf:
- Die ersten paar Aktien bringen am meisten. Schon mit 10 bis 20 Aktien aus verschiedenen Branchen sinkt die Schwankung deutlich.
- Es bleibt ein Sockel, der sich nicht wegstreuen lässt – egal wie viele Aktien du kaufst. Das ist das Risiko des Gesamtmarkts.
Zwei Arten von Risiko
| Unsystematisches Risiko | Systematisches Risiko | |
|---|---|---|
| Was es ist | Risiko einzelner Unternehmen oder Branchen | Risiko, das den ganzen Markt trifft |
| Beispiele | Produktflop, Betrug, Managementfehler, Patentablauf | Rezession, Zinsschock, Pandemie, Krieg |
| Durch Streuung vermeidbar? | ja, fast vollständig | nein |
| Wird mit höherer Rendite belohnt? | nein | ja (Risikoprämie) |
Der letzte Punkt ist entscheidend: Märkte belohnen nur das Risiko, das sich nicht wegstreuen lässt. Wer freiwillig unsystematisches Risiko trägt – etwa durch ein Depot aus drei Lieblingsaktien –, hat mehr Risiko, aber im Erwartungswert keine höhere Rendite dafür.
Korrelation: der Schlüssel
Wie stark Streuung wirkt, hängt davon ab, wie ähnlich sich Anlagen bewegen. Das misst die Korrelation, eine Zahl zwischen −1 und +1:
- +1: Beide bewegen sich immer exakt gleich. Mischen bringt nichts.
- 0: Kein Zusammenhang. Mischen senkt das Risiko deutlich.
- −1: Sie bewegen sich immer genau entgegengesetzt. Theoretisch lässt sich das Risiko komplett eliminieren.
In der Realität sind die meisten Aktien positiv korreliert, weil sie alle von der Konjunktur abhängen. Zwischen Aktien und hochwertigen Staatsanleihen war die Korrelation in den letzten Jahrzehnten oft niedrig oder sogar negativ – deshalb ist die Kombination beider Anlageklassen so beliebt.
Warum Streuung so wichtig ist: die Gewinner sind selten
Ein überraschender Befund der Finanzforschung: Die meisten Einzelaktien schneiden schlecht ab. Der Ökonom Hendrik Bessembinder hat alle US-Aktien seit 1926 untersucht. Ergebnis: Mehr als die Hälfte brachte über ihre gesamte Börsenzeit weniger als sichere Geldmarktanlagen. Der gesamte Vermögenszuwachs des US-Aktienmarkts gegenüber solchen Anlagen ging auf nur rund 4 % der Aktien zurück.
Streuung auf mehreren Ebenen
Gute Diversifikation hat mehrere Dimensionen:
- Über Unternehmen und Branchen: nicht nur Technologie, nicht nur Banken.
- Über Länder und Regionen: Kein Land war in jedem Jahrzehnt vorne. Japan war in den 1980ern der Star, die USA nach 2010.
- Über Anlageklassen: Aktien, Anleihen, eventuell Immobilien und Gold reagieren unterschiedlich auf Wachstum, Zinsen und Inflation.
- Über die Zeit: Wer regelmäßig investiert, kauft zu vielen verschiedenen Kursen.
Home Bias
Anleger fast aller Länder investieren übermäßig in ihr Heimatland. Deutsche Aktien machen nur rund 2 % des weltweiten Aktienmarkts aus, österreichische deutlich weniger als 0,5 %. Trotzdem ist der Anteil heimischer Aktien in vielen Privatdepots um ein Vielfaches höher. Dieser Home Bias fühlt sich vertraut an, bündelt aber das Risiko: Arbeitsplatz, Immobilie und Depot hängen dann alle an derselben Volkswirtschaft.
Diworsification: zu viel des Guten?
Der legendäre Fondsmanager Peter Lynch prägte den Begriff „Diworsification“ für Streuung, die nur Kosten und Komplexität erhöht. Zehn verschiedene Welt-ETFs zu besitzen, die alle dieselben Aktien halten, ist keine Streuung, sondern Unordnung. Gute Diversifikation heißt nicht „möglichst viele Produkte“, sondern „möglichst unterschiedliche Risikoquellen“.
Zusammenfassung
Diversifikation senkt Risiko, indem sie die individuellen Schicksale einzelner Anlagen ausgleicht. Wie gut das funktioniert, hängt von der Korrelation ab. Unternehmensrisiken lassen sich fast vollständig wegstreuen, Marktrisiken nicht – und nur Letztere werden mit höheren erwarteten Renditen belohnt. Weil wenige Aktien den Großteil der Gewinne bringen, ist breite Streuung die beste Versicherung, sie nicht zu verpassen.
Jetzt üben
11 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.
Teste dein Wissen
0/301Welches Risiko lässt sich durch Streuung über viele Aktien weitgehend beseitigen?
02Zwei Anlagen haben eine Korrelation von +1. Was bringt es, sie zu mischen?
03Was ist „Home Bias“?