Wie entsteht ein Börsenkurs?
Angebot und Nachfrage, Orderbuch, Geld- und Briefkurs, Spread und Auktion – wie aus Tausenden Aufträgen ein einziger Preis wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Börsenkurs ist der Preis, zu dem zuletzt tatsächlich jemand gekauft und jemand anderes verkauft hat – nicht mehr und nicht weniger.
- Im Orderbuch stehen alle offenen Kauf- und Verkaufsaufträge. Der höchste Kaufpreis heißt Geldkurs, der niedrigste Verkaufspreis Briefkurs.
- Die Lücke zwischen beiden ist der Spread – er ist ein Kostenfaktor für dich und bei liquiden Aktien winzig.
- Eine Market-Order wird sofort zum besten verfügbaren Preis ausgeführt, eine Limit-Order nur zu deinem Wunschpreis oder besser.
- Kurse bewegen sich, weil sich Erwartungen ändern – Nachrichten verschieben, wie viel Käufer zu zahlen und Verkäufer zu verlangen bereit sind.
Auf jedem Kurszettel, in jeder App und im Fernsehen siehst du Zahlen wie „Siemens 182,40 €“. Aber wer hat diese Zahl eigentlich festgelegt? Die Antwort ist überraschend einfach – und gleichzeitig der Schlüssel zu fast allem, was an der Börse passiert: niemand. Ein Kurs ist kein Preisschild, das irgendwer an eine Aktie klebt. Er ist das Ergebnis von Tausenden Entscheidungen, die in jeder Sekunde aufeinandertreffen.
Der Kurs ist ein Treffpunkt
Stell dir einen Wochenmarkt vor, auf dem nur ein einziges Produkt gehandelt wird: Äpfel. Einige Leute wollen Äpfel kaufen, jeder hat einen Höchstpreis im Kopf. Andere wollen Äpfel verkaufen, jeder mit einem Mindestpreis. Ein Geschäft kommt nur zustande, wenn ein Käufer mindestens so viel zu zahlen bereit ist, wie ein Verkäufer verlangt.
Genau so funktioniert die Börse. Ein Börsenkurs ist schlicht der Preis, zu dem zuletzt ein Käufer und ein Verkäufer zusammengefunden haben. Wenn du also liest „Siemens 182,40 €“, heißt das: Gerade eben hat jemand eine Siemens-Aktie für 182,40 € gekauft – und jemand anderes hat sie für genau diesen Preis verkauft.
Das Orderbuch: alle Wünsche auf einen Blick
Damit Käufer und Verkäufer sich finden, sammelt die Börse alle offenen Aufträge in einem Orderbuch. Für jede Aktie gibt es ein eigenes. Auf der einen Seite stehen die Kaufaufträge, sortiert vom höchsten Preis abwärts. Auf der anderen Seite die Verkaufsaufträge, sortiert vom niedrigsten Preis aufwärts.
Zwei Preise sind dabei besonders wichtig:
- Der Geldkurs (englisch Bid) ist das höchste Gebot eines Käufers. Wenn du sofort verkaufen willst, bekommst du diesen Preis.
- Der Briefkurs (englisch Ask oder Offer) ist die niedrigste Forderung eines Verkäufers. Wenn du sofort kaufen willst, zahlst du diesen Preis.
Die Begriffe stammen aus der Zeit, als Händler noch mit Briefen handelten: Wer „Geld“ bot, wollte kaufen; wer einen „Brief“ (das Wertpapier) anbot, wollte verkaufen.
Der Spread – die unsichtbare Gebühr
Der Briefkurs liegt immer über dem Geldkurs, sonst wären die beiden Aufträge längst gegeneinander ausgeführt worden. Die Differenz heißt Spread. Wer eine Aktie kauft und sofort wieder verkauft, verliert genau diesen Spread – ohne dass sich der Kurs bewegt hat.
Bei großen, viel gehandelten Aktien ist der Spread winzig: oft nur ein Cent oder weniger als 0,05 % des Preises. Bei kleinen Unternehmen, exotischen Anleihen oder außerhalb der Haupthandelszeiten kann er dagegen ein Prozent und mehr betragen. Wie leicht sich etwas ohne Preisabschlag handeln lässt, nennt man Liquidität.
Wie ein Auftrag ausgeführt wird
Jetzt wird es spannend: Was passiert, wenn du einen Auftrag erteilst? Das hängt von der Auftragsart ab. Die beiden wichtigsten sind:
Die Market-Order (in Deutschland auch „Bestens“ beim Kauf und „Billigst“ beim Verkauf genannt) sagt: Führe mich sofort aus, zum besten verfügbaren Preis. Eine Kauf-Market-Order nimmt das günstigste Angebot auf der Briefseite. Reicht die Stückzahl dort nicht, geht es zur nächsten Preisstufe – und so weiter.
Die Limit-Order sagt: Kaufe nur, wenn der Preis höchstens X beträgt (bzw. verkaufe nur ab mindestens X). Liegt dein Limit nicht im Bereich der vorhandenen Gegenaufträge, wird dein Auftrag nicht ausgeführt, sondern ins Orderbuch eingetragen – und wartet dort auf einen passenden Partner.
Probier es selbst aus. Kauf mit einer großen Market-Order und beobachte, wie sie sich durch mehrere Preisstufen „frisst“:
Wenn du 1.500 Stück per Market-Order kaufst, reichen die 300 Stück zu 100,10 € nicht. Die Order nimmt sie alle, dann die 500 zu 100,20 €, dann 700 der 800 zu 100,30 €. Dein Durchschnittspreis liegt bei rund 100,23 €, und der letzte Kurs springt auf 100,30 €. Diesen Effekt nennt man Market Impact oder Slippage: Große Aufträge bewegen den Preis gegen sich selbst.
Preis-Zeit-Priorität
Was, wenn mehrere Käufer denselben Preis bieten? Börsen arbeiten nach der Preis-Zeit-Priorität: Zuerst kommt der bessere Preis zum Zug, bei gleichem Preis der Auftrag, der früher eingegangen ist. Wer also beim Kauf ein höheres Limit setzt, steht in der Schlange weiter vorne.
Die Auktion: Ein Preis für alle
Neben dem fortlaufenden Handel, bei dem jede passende Order sofort ausgeführt wird, gibt es Auktionen. Die großen europäischen Börsen wie Xetra in Frankfurt oder die Wiener Börse beginnen und beenden jeden Handelstag mit einer Auktion. Dabei sammelt die Börse für einige Minuten alle Aufträge, ohne sie auszuführen. Dann berechnet sie den einen Preis, zu dem die größte Stückzahl gehandelt werden kann.
Das ist das klassische Bild aus dem Volkswirtschaftsunterricht – und an der Börse wird es jeden Tag ganz konkret berechnet. Auktionen sind besonders fair, weil alle Teilnehmer denselben Preis bekommen und große Aufträge den Kurs weniger verzerren. Die Schlussauktion liefert außerdem den offiziellen Schlusskurs, an dem sich viele Fonds und Indizes orientieren.
Vertiefung · Warum gibt es so viele verschiedene Kurse für dieselbe Aktie?
Eine Siemens-Aktie wird auf Xetra, in Frankfurt, Stuttgart, München, Wien, an Handelsplätzen wie Tradegate oder Lang & Schwarz und außerbörslich gehandelt. Jeder dieser Plätze hat ein eigenes Orderbuch oder einen eigenen Market Maker. Die Kurse unterscheiden sich meist nur um Cent-Bruchteile, weil sogenannte Arbitrageure sofort eingreifen, wenn irgendwo ein Preis aus der Reihe tanzt: Sie kaufen dort, wo es billig ist, und verkaufen gleichzeitig dort, wo es teuer ist. Dadurch gleichen sich die Kurse wieder an.
Wer sorgt dafür, dass immer jemand da ist?
Bei sehr beliebten Aktien finden sich zu fast jedem Zeitpunkt Käufer und Verkäufer. Bei kleineren Werten wäre das Orderbuch dagegen oft leer. Hier kommen Market Maker ins Spiel: Das sind Banken oder spezialisierte Handelshäuser, die sich verpflichten, ständig sowohl einen Kauf- als auch einen Verkaufspreis zu stellen. Sie verdienen am Spread und sorgen im Gegenzug dafür, dass du jederzeit handeln kannst.
Viele Neobroker in Europa leiten deine Aufträge an einen einzigen Market Maker weiter statt an eine klassische Börse. Das ist bequem und oft günstig, hat aber einen Haken: Es gibt dann kein offenes Orderbuch, in dem viele Teilnehmer konkurrieren. Wie das genau funktioniert, behandeln wir in der Lektion zur Marktmechanik im Profi-Modul.
Warum Kurse sich überhaupt bewegen
Wenn ein Kurs nur ein Treffpunkt ist – warum verschiebt er sich dann ständig? Weil sich die Bereitschaft der Teilnehmer ändert, zu bestimmten Preisen zu kaufen oder zu verkaufen. Und das wiederum hängt an Erwartungen:
- Ein Unternehmen meldet bessere Gewinne als erwartet. Viele halten die Aktie nun für mehr wert. Käufer erhöhen ihre Gebote, Verkäufer verlangen mehr – der Kurs steigt.
- Die Zentralbank erhöht überraschend die Zinsen. Anleihen werden attraktiver, Aktien relativ weniger. Einige Anleger verkaufen – der Kurs fällt.
- Ein großer Fonds muss eine Position auflösen. Er verkauft über Tage hinweg große Stückzahlen und drückt den Kurs, obwohl sich am Unternehmen nichts geändert hat.
Zusammenfassung
Ein Börsenkurs ist kein fester Wert, sondern ein Momentaufnahme-Preis: der letzte Punkt, an dem Angebot und Nachfrage zusammenkamen. Hinter jeder Zahl auf dem Bildschirm steht ein Orderbuch voller Wünsche, ein Spread als kleine Hürde und eine Menge Menschen und Maschinen, die ihre Erwartungen in Aufträge übersetzen. Wer das versteht, versteht auch, warum Kurse manchmal springen, warum große Aufträge teuer sein können und warum eine Limit-Order oft die klügere Wahl ist.
In der nächsten Lektion schauen wir uns an, wo all das passiert: welche Börsen es gibt, wann sie geöffnet haben und was „außerbörslicher Handel“ bedeutet.
Jetzt üben
13 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.
Teste dein Wissen
0/401Im Orderbuch liegt der beste Geldkurs bei 49,90 € und der beste Briefkurs bei 50,00 €. Du schickst eine Market-Order zum Kauf. Zu welchem Preis wirst du (mindestens für die ersten Stücke) ausgeführt?
02Was passiert mit einer Limit-Order zum Kauf bei 48 €, wenn die Aktie gerade bei 50 € gehandelt wird?
03Warum ist der Spread bei einer großen Aktie wie Apple meist viel kleiner als bei einem kleinen Nebenwert?
04Ein Unternehmen meldet überraschend schlechte Zahlen. Was passiert typischerweise zuerst?