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BMInsider PRO freischalten →Am Montag, dem 22. Juni 2026, ist Alan Greenspan in seinem Haus in Washington im Alter von 100 Jahren an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung gestorben. Mit ihm geht der einflussreichste Notenbanker der modernen Geschichte – der Mann, der die Federal Reserve fast zwei Jahrzehnte lang führte, vom Markt als „Maestro“ verehrt und nach der Finanzkrise 2008 als Mitverursacher gebrandmarkt wurde. Sein Timing könnte symbolträchtiger kaum sein: Greenspan stirbt in der Woche, in der sein Nachfolger Kevin Warsh bei seinem ersten FOMC-Auftritt genau jenes Kommunikationssystem zerlegt hat, das Greenspan einst begründete.
Für Anleger ist dieser Tag mehr als ein Nachruf. Er ist ein Anlass, zu verstehen, wie tief Greenspans Erbe noch heute jedes Depot prägt – und warum die Ära, die er erfand, gerade endgültig zu Ende geht.
Vom Jazzmusiker zum mächtigsten Mann nach dem Präsidenten
Alan Greenspan wurde am 6. März 1926 in Washington Heights, New York, als Sohn eines Börsenmaklers geboren – mitten in den Vorboten der Großen Depression. Bevor er die Weltwirtschaft steuerte, wollte er Musiker werden: Er studierte Klarinette und Saxophon an der renommierten Juilliard School und spielte in einer Jazzband. Erst danach wandte er sich der Ökonomie zu, mit einem Bachelor (1948) und Master (1950) der New York University und einer späteren Promotion 1977.
Prägend war eine andere Begegnung: Greenspan gehörte zum inneren Kreis der Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand, deren Lehre des radikalen Eigeninteresses und des Laissez-faire-Kapitalismus ihn ein Leben lang formte. Aus dieser Überzeugung speiste sich seine spätere, folgenschwere Haltung: Banken bräuchten keine harte Regulierung, weil ihr Eigeninteresse sie schon vor übermäßigem Risiko bewahre. Dieser Glaube sollte ihn 2008 einholen.
Nach Stationen als Wirtschaftsberater – unter anderem als Vorsitzender des Council of Economic Advisers unter Präsident Gerald Ford – ernannte ihn Ronald Reagan im August 1987 zum Vorsitzenden der Federal Reserve. Er blieb es bis Januar 2006, über fünf Amtszeiten und vier Präsidenten hinweg (Reagan, Bush senior, Clinton, Bush junior). Es ist die zweitlängste Amtszeit der Fed-Geschichte.
Die Feuertaufe: Black Monday, zwei Monate im Amt
Greenspans Legende begann mit einer Katastrophe. Nur rund zwei Monate nach seinem Amtsantritt stürzte der Dow Jones am 19. Oktober 1987 um 22,6 Prozent ab – bis heute der größte prozentuale Tagesverlust der Geschichte. Greenspans Reaktion wurde zur Blaupause für jede spätere Krise: Er stellte am Folgetag klar, die Fed stehe als Liquiditätsquelle bereit, um das Finanzsystem zu stützen. Der Markt erholte sich vergleichsweise schnell.
Damit war ein Muster gesetzt, das später einen eigenen Namen bekam: der „Greenspan-Put“. Gemeint ist die feste Markterwartung, dass die Notenbank im Ernstfall die Zinsen senkt und die Kurse rettet. Diese implizite Versicherung – dass die Fed unter dem Markt ein Sicherheitsnetz spannt – prägt das Verhalten von Anlegern bis heute. Wer je gedacht hat „die Notenbank wird es schon richten“, denkt in Greenspans Erbe.
Die goldenen Neunziger – und „irrational exuberance“
Greenspans Hochphase fiel in einen der längsten Aufschwünge der US-Geschichte, der von 1991 bis 2001 reichte. Die Arbeitslosigkeit fiel unter vier Prozent, der Aktienmarkt erklomm Rekord um Rekord, und der US-Haushalt erwirtschaftete zeitweise sogar Überschüsse. In dieser Ära wurde Greenspan zum Popstar unter den Zentralbankern – in einer Zeit, in der scheinbar jeder Friseursalon einen Börsensender laufen hatte, hingen normale Amerikaner an seinen Lippen.
Berühmt wurde sein Begriff der „irrational exuberance“ – der irrationalen Überschwänglichkeit –, mit dem er am 5. Dezember 1996 vor überzogenen Aktienbewertungen warnte. Die Märkte zuckten kurz zusammen, doch die Dotcom-Blase platzte erst Jahre später, im Jahr 2000. Die Episode wurde zum Sinnbild eines Notenbankers, dessen kleinste Wortwahl Milliarden bewegte.
Genau das kultivierte Greenspan bewusst. Sein berüchtigtes „Fedspeak“ – absichtlich verschachtelte, mehrdeutige Sätze – diente dazu, die Märkte nicht vorzeitig zu bewegen oder die Hand der Fed zu früh zu zeigen. Er gab später selbst zu, seine Syntax gezielt zu verklausulieren. Diese Undurchsichtigkeit war kein Versehen, sondern Strategie.
Der Bruch: 2008 und das „state of shocked disbelief“
Greenspans Ruf zerbrach an einer Krise, die zwei Jahre nach seinem Abschied ausbrach. Während seiner letzten Amtsjahre hielt er die Zinsen lange niedrig und verfolgte eine bewusst lockere Hand bei der Regulierung – er weigerte sich, die Aufsichtsbefugnisse der Fed gegen riskante Kreditvergabe einzusetzen. Eine landesweite Immobilienblase wischte er im Amt beiseite: Einzelne Märkte mögen überteuert sein, eine nationale Blase sehe er nicht.
Als 2008 die Hauspreise einbrachen, Zwangsversteigerungen explodierten und Banken kollabierten, musste er vor dem US-Kongress einräumen, in einem „Zustand fassungslosen Unglaubens“ zu sein. Er gestand ein, dass ein Grundpfeiler seiner Weltanschauung – dass das Eigeninteresse der Banken sie selbst schütze – einen Fehler enthielt. Es war das seltene Schauspiel eines Mannes, der öffentlich die Lücke in seiner Lebensphilosophie zugab. Später relativierte er, die niedrigen Zinsen seien nicht die Ursache gewesen, und reklamierte, in rund 70 Prozent seiner Entscheidungen richtig gelegen zu haben.
Hier liegt die bleibende Lehre für jeden Anleger: Die billige Liquidität und die Deregulierung, die Greenspans Ära so glänzend erscheinen ließen, legten zugleich den Grundstein für den größten Crash seit der Weltwirtschaftskrise. Boom und Bust trugen dieselbe Unterschrift.
Die Saga-Pointe: Warsh zitiert Greenspan – und beerdigt seine Ära
Und hier schließt sich der Kreis auf eine fast unheimliche Weise. Bei seiner Vereidigung im Mai 2026 berief sich der neue Fed-Chef Kevin Warsh ausdrücklich auf Greenspan und nannte ihn den Ersten, der ihm gezeigt habe, was dieses Amt verlangt. Warsh versprach, die Rolle mit derselben Energie und Entschlossenheit auszufüllen wie einst der Maestro.
Doch nur wenige Wochen später, bei seinem ersten FOMC am 17. Juni 2026, riss Warsh genau das ein, was Greenspans Nachfolger Jerome Powell zur zentralen Waffe ausgebaut hatte: die Forward Guidance. Warsh reichte keinen eigenen Punkt im Dot Plot ein, kürzte das Statement auf rund 114 Wörter und stellte das gesamte Kommunikationssystem offen infrage. Die Ära der vorhersehbaren, marktlenkenden Notenbank-Rhetorik – begründet in Greenspans „Fedspeak“, perfektioniert unter Powell – endet ausgerechnet in der Woche, in der ihr Erfinder stirbt.
Ein letztes Detail rundet das Bild: Im Januar 2026 unterzeichnete Greenspan gemeinsam mit anderen ehemaligen Fed- und Treasury-Vertretern eine Erklärung gegen ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen Powell – eine Verteidigung der Unabhängigkeit der Notenbank. Es war einer seiner letzten öffentlichen Akte. Dass nun ein von Donald Trump installierter Nachfolger das Ruder übernimmt, während der politische Druck auf die Fed wächst, gibt Greenspans Tod eine bittere Aktualität.
Was das für deutschsprachige Anleger bedeutet
Greenspans Tod ist kein Tageskursereignis – aber seine Lehren sind für jedes DACH-Depot praktisch relevant:
- Verlass dich nicht auf den „Notenbank-Put“. Die Erwartung, dass die Fed jeden Crash auffängt, war Greenspans Erbe. Unter einem hawkischen Warsh, der die Forward Guidance kappt, ist dieses Sicherheitsnetz dünner geworden. Wer Tech- und Wachstumswerte hält, sollte nicht mehr fest mit einer schnellen Rettung rechnen.
- Billiges Geld erzeugt Blasen mit Zeitverzögerung. Greenspans niedrige Zinsen sahen jahrelang gut aus, bis 2008 die Rechnung kam. Die Lehre für heute: Bewertungen prüfen, gerade bei der KI-Euphorie, statt blind dem Aufwärtstrend zu folgen.
- Diversifikation schlägt Heldenverehrung. Kein einzelner Notenbanker, kein einzelner CEO „rettet“ ein Portfolio. Ein breit gestreuter Welt-ETF übersteht jede Ära – die von Greenspan, Powell und Warsh gleichermaßen.
- Steuerlich unverändert: Bei realisierten Kursgewinnen gilt in Österreich die KESt von 27,5 %, in Deutschland die Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer – unabhängig davon, wer gerade die Fed führt.
Die ehrliche Bilanz
Alan Greenspan war beides: der Mann, der mit ruhiger Hand durch Black Monday, die Asienkrise und den 11. September steuerte – und der Mann, dessen Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Märkte mit zum Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems beitrug. Seine Frau Andrea Mitchell würdigte ihn als einen Mann, der die US-Wirtschaft über Jahrzehnte prägte, aber stets ehrlich genug war, seine Fehler einzugestehen.
Für Anleger bleibt eine paradoxe Wahrheit: Greenspan lehrte die Welt, der Notenbank zu vertrauen – und seine größte Krise lehrte sie, diesem Vertrauen Grenzen zu setzen. Dass sein Erbe nun unter Kevin Warsh demontiert wird, ist kein Zufall der Geschichte, sondern ihr logischer nächster Akt. Die Ära des Maestros ist zu Ende. Was an ihre Stelle tritt, schreibt gerade ein anderer.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung und stellt keine Anlageberatung dar. Investitionen in Wertpapiere sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden.
