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Im Sommer 2024 war Novo Nordisk das wertvollste Unternehmen Europas. Zwei Jahre später ist von rund 640 Milliarden Dollar Börsenwert noch etwa ein Viertel übrig. Das eigentlich Verstörende an diesem Absturz ist nicht seine Wucht – sondern was zur selben Zeit mit dem Markt geschah, auf dem das Unternehmen sein Geld verdient: Er wuchs schneller, als irgendjemand versprochen hatte. Genau diese Kombination macht den Fall zur teuersten und lehrreichsten Fallstudie dieses Jahrzehnts.
Wer 2023 in Abnehmmedikamente investierte, kaufte eine Geschichte über einen Markt, der von null auf über hundert Milliarden Dollar wachsen würde. Diese Geschichte hat sich als richtig erwiesen – die Prognosen wurden 2026 sogar noch einmal angehoben. Trotzdem hat einer der beiden Marktführer drei Viertel seines Wertes verloren, während der andere zur Billionen-Dollar-Firma aufstieg. Diese Analyse zerlegt, warum das kein Widerspruch ist, sondern die Regel – und was Anlegerinnen und Anleger daraus für jede Wachstumsstory mitnehmen sollten.
Die Prognosen wurden erhöht, nicht gesenkt
Beginnen wir mit der Zahl, die dem gängigen Narrativ am deutlichsten widerspricht. Wäre der Kursverfall von Novo Nordisk die Folge eines enttäuschenden Marktes, müssten die Schätzungen der großen Häuser inzwischen zusammengestrichen sein. Das Gegenteil ist der Fall. Goldman Sachs hob seine Prognose für den weltweiten Markt für Abnehmmedikamente im Juni 2026 von 101 auf rund 114 Milliarden Dollar bis 2030 an – ausdrücklich wegen der schnelleren Verbreitung oraler Präparate, der stärkeren Nachfrage außerhalb der USA und der besseren Bezahlbarkeit. Morgan Stanley erhöhte seine 2030er-Schätzung von 77 auf 105 Milliarden Dollar und sieht den Spitzenwert 2035 bei rund 150 Milliarden. J.P. Morgan rechnet für den gesamten Inkretin-Markt sogar mit 200 Milliarden Dollar bis 2030.
Der adressierbare Markt – im Analystenjargon das TAM – hat also geliefert. Die Patientenzahlen sind da, die Medikamente wirken, die Nachfrage übersteigt in vielen Ländern weiterhin das Angebot. Und dennoch: Ein Anleger, der im Juni 2024 zum Höchstkurs Novo-Nordisk-Aktien gekauft hat, sitzt heute auf einem Verlust von rund drei Vierteln. Ein Anleger, der stattdessen Eli Lilly kaufte, sitzt auf einem Papier, das inzwischen mit über einer Billion Dollar bewertet wird.
Wenn dieselbe richtige Prognose zu zwei derart gegensätzlichen Ergebnissen führt, dann war die Prognose nie die eigentliche Investmentfrage. Die eigentliche Frage lautete: Wer in dieser Wertschöpfungskette hat die Macht, den Preis zu bestimmen – und wie lange?
Chronik eines Absturzes
Der Verfall vollzog sich nicht an einem Tag, sondern in einer Kette von Enttäuschungen, deren jede für sich beherrschbar schien.
| Zeitpunkt | Ereignis | Wirkung |
|---|---|---|
| Juni 2024 | Höchstkurs, Börsenwert rund 640 Mrd. $ | wertvollstes Unternehmen Europas |
| Dez. 2024 | Erste CagriSema-Daten unter den Erwartungen | Zweifel an der nächsten Wirkstoff-Generation |
| 2025 | Führungswechsel, Restrukturierung: 9.000 Stellen (11 % der Belegschaft) | Sparziel 8 Mrd. DKK jährlich |
| Feb. 2026 | Guidance: erstmals sinkende Umsätze (–5 bis –13 %) | Aktie an einem Tag rund 18 % tiefer |
| Feb. 2026 | CagriSema verfehlt Nichtunterlegenheit gegen Tirzepatid | Aktie über 16 % tiefer |
| Mai 2026 | Q1: Guidance leicht angehoben auf –4 bis –12 % | erste Stabilisierung dank Wegovy-Pille |
Bemerkenswert ist der Doppelschlag im Februar 2026. Zuerst musste das Management einräumen, dass 2026 der erste Umsatzrückgang der modernen Firmengeschichte wird – ausgerechnet in einem Markt, der zweistellig wächst. Wenige Wochen später verfehlte CagriSema, die Kombination aus Semaglutid und Cagrilintid, in der entscheidenden Vergleichsstudie ihr Ziel: 23 Prozent Gewichtsverlust nach 84 Wochen klingen beeindruckend, reichten aber nicht, um die Nichtunterlegenheit gegenüber dem Konkurrenzwirkstoff Tirzepatid statistisch zu belegen. Damit war die Hoffnung dahin, die technologische Führung zurückzugewinnen.
Neuer Vorstandschef ist seit Sommer 2025 Mike Doustdar, der mit einem Sparprogramm reagierte: 9.000 Stellen und rund 8 Milliarden dänische Kronen weniger Kosten pro Jahr. Kostensenkungen sind eine vernünftige Antwort auf ein Margenproblem. Sie sind keine Antwort auf ein Wettbewerbsproblem.
Der Kipppunkt beim Marktanteil
Der Marktanteil erzählt die Geschichte präziser als jeder Kurschart. Im kombinierten Markt für GLP-1-Präparate in Diabetes und Adipositas liegt Eli Lilly inzwischen bei rund 60,1 Prozent, Novo Nordisk bei 39,4 Prozent. Noch bemerkenswerter: Im Mai 2026 überholte Lilly den dänischen Rivalen auch außerhalb der USA – also in dem Gebiet, das lange als Heimvorteil von Novo Nordisk galt, mit gewachsenen Vertriebsstrukturen und jahrzehntelanger Diabetes-Erfahrung.
Die Quartalszahlen zeichnen dasselbe Bild in absoluten Werten. Eli Lilly steigerte den Umsatz im ersten Quartal 2026 um 56 Prozent auf 19,8 Milliarden Dollar; Mounjaro legte weltweit um 125 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar zu, Zepbound in den USA um 79 Prozent auf 4,1 Milliarden. Die Jahresprognose wurde auf 82 bis 85 Milliarden Dollar angehoben. Novo Nordisk kam im selben Quartal auf 96,8 Milliarden dänische Kronen und musste weiterhin einen Jahresrückgang in Aussicht stellen.
Man sollte den Fall dennoch nicht als Untergang lesen. Die Wegovy-Pille, die am 5. Januar 2026 in den USA startete, übertraf die Erwartungen deutlich: rund 2,26 Milliarden Kronen Umsatz im ersten Quartal gegenüber einem Konsens von 1,16 Milliarden, über zwei Millionen Verschreibungen seit dem Start und 65 Prozent aller neuen Verordnungen in den USA für die Marke Wegovy. Genau deshalb konnte Novo Nordisk die Prognose im Mai leicht anheben. Das Unternehmen ist nicht verschwunden – es ist von einem Monopolisten zu einem starken Zweiten geworden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen war für die Aktionäre rund 480 Milliarden Dollar wert.
Warum das Molekül mehr entscheidet als das Marketing
In klassischen Konsumgütermärkten entscheiden Marke, Vertrieb und Preis. In der Pharmabranche entscheidet zuerst die Molekülqualität – und zwar brutal. Tirzepatid, der Wirkstoff hinter Mounjaro und Zepbound, wirkt auf zwei Rezeptoren (GIP und GLP-1), Semaglutid nur auf einen. In den vergleichenden Studien schlug sich dieser Unterschied konsistent in höherem Gewichtsverlust nieder. Ärzte, Versicherer und Patienten haben darauf reagiert, wie man es erwarten würde.
Der Punkt für Anleger ist ein grundsätzlicher: In einem Markt, in dem die Produkte objektiv vergleichbar sind – hier in Prozent Körpergewicht, gemessen in randomisierten Studien –, gibt es kaum Raum für weiche Differenzierung. Ein Getränkehersteller kann mit Markenpflege einen Geschmacksnachteil überdecken. Ein Pharmaunternehmen kann eine unterlegene Studienkurve nicht überdecken. Wer in solche Märkte investiert, kauft im Kern eine Wette auf die Forschungspipeline – und die ist mit deutlich mehr Unsicherheit behaftet, als es die glatten TAM-Präsentationen suggerieren.
Die Pille verändert die Ökonomie des Marktes
Das Jahr 2026 hat die zweite Front eröffnet: die orale Darreichung. Beide Konzerne haben nun eine Tablette im Markt, aber sie sind technisch grundverschieden – und dieser Unterschied ist für die künftige Marge zentral.
| Wegovy-Pille (Novo Nordisk) | Foundayo / Orforglipron (Eli Lilly) | |
|---|---|---|
| Wirkstoffklasse | orales Peptid (Semaglutid) | niedermolekulare Substanz |
| US-Marktstart | 5. Januar 2026 | Zulassung 1. April 2026, Vertrieb ab April |
| Studienergebnis | 16,6 % Gewichtsverlust nach 64 Wochen (volle Adhärenz) | über 12 % in der Höchstdosis (ATTAIN-1) |
| Einnahme | nüchtern, 30 Minuten Wartezeit | jederzeit, ohne Nahrungs- oder Wasserbeschränkung |
| Selbstzahlerpreis USA | rund 149 $ pro Monat | ab 149 $ pro Monat, teils 25 $ mit Versicherung |
Peptide müssen fermentativ oder synthetisch aufwendig hergestellt, gereinigt und – im Fall der Injektion – in Pens abgefüllt werden. Genau diese Abfüllkapazität war 2023 und 2024 der Engpass, der die Preise stützte. Eine niedermolekulare Substanz wie Orforglipron lässt sich dagegen in klassischen Tablettenanlagen in nahezu beliebiger Stückzahl pressen. Wenn ein Markt seinen physischen Engpass verliert, verliert er auch seine Knappheitsprämie – das ist keine pharmazeutische, sondern eine industrieökonomische Gesetzmäßigkeit.
Im Startvergleich lag Novo Nordisk zunächst vorn: 18.000 Verschreibungen in der ersten vollen Woche gegenüber 5.612 für Foundayo in dessen dritter Woche. Doch der Vorsprung stammt aus einem früheren Marktstart, nicht aus einem strukturellen Vorteil. Und die entscheidende Frage lautet ohnehin nicht, wer mehr Rezepte schreibt, sondern zu welchem Preis.
Vom Knappheitspreis zum Rabattpreis
Hier liegt der Kern der Wertvernichtung. Der Gewinnpool dieses Marktes lag fast vollständig in den USA, wo Listenpreise von über 1.000 Dollar im Monat üblich waren. Innerhalb von zwölf Monaten ist diese Preisarchitektur systematisch abgebaut worden – teils politisch, teils durch den Wettbewerb selbst.
| Kanal | Preis pro Monat | Ab wann |
|---|---|---|
| US-Listenpreis Wegovy / Ozempic / Rybelsus | 675 $ (bis zu 50 % Senkung) | Januar 2027 |
| Medicare / Medicaid (ausgehandelt) | 245 $ | Januar 2027 |
| Zuzahlung bei schwerer Adipositas (Medicare) | 50 $ | ab Mitte 2026 |
| Direktvertrieb über die Regierungsplattform | rund 350 $, sinkend Richtung 250 $ | seit Januar 2026 |
| Selbstzahler-Programme der Hersteller | 149 $ (teils 25 $ mit Versicherung) | 2026 |
| Apothekenpreis Deutschland (Wegovy) | 172 bis 277 € | bereits Realität |
Man lese diese Tabelle von unten nach oben. Der deutsche Selbstzahler zahlt seit Jahren zwischen 172 und 277 Euro im Monat. Der amerikanische Listenpreis bewegt sich nun in Richtung 675 Dollar, der Selbstzahlerpreis über die Herstellerprogramme liegt bereits bei 149 Dollar. Was hier passiert, ist eine Konvergenz des amerikanischen Preisniveaus auf europäisches Niveau – und da der überwiegende Teil des weltweiten Gewinns aus dem amerikanischen Preisaufschlag stammte, ist das keine Randnotiz, sondern die halbe Investmentthese.
Hinzu kommt die politische Dimension. Semaglutid wurde in die Preisverhandlungen für Medicare aufgenommen; der ausgehandelte Preis liegt bei 245 Dollar und gilt ab Januar 2027. Parallel dazu wurden im November 2025 Vereinbarungen mit beiden Herstellern geschlossen, die im Gegenzug für Preiszugeständnisse eine breitere Erstattung eröffnen. Für die Unternehmen ist das ein klassischer Tauschhandel: mehr Volumen gegen weniger Marge pro Packung. Ob dieser Tausch den Gewinn stützt oder untergräbt, hängt allein davon ab, wie viel Volumen tatsächlich dazukommt – und wie viele Wettbewerber sich dieses Volumen teilen.
Die vergessene Landkarte: Wo die Patente längst gefallen sind
Ein Detail, das in den meisten Analysen fehlt, ist die geografische Struktur des Patentschutzes. Anleger denken bei Patentabläufen an ein einziges Datum. Tatsächlich ist es eine Landkarte mit sehr unterschiedlichen Terminen – und ein erheblicher Teil dieser Landkarte ist bereits offen.
| Region | Ablauf Semaglutid-Basispatent | Status |
|---|---|---|
| Kanada | 4. Januar 2026 | erstes G7-Land, sofortige Generika-Anträge |
| Indien | März 2026 | zahlreiche Hersteller starteten binnen Tagen |
| China | März 2026 | Generika-Kandidaten in später Entwicklung |
| Europa | März 2031 (mit Schutzzertifikat) | geschützt |
| USA | Dezember 2031, Formulierungspatente bis 2032 | geschützt |
Kanada, Indien, China, Brasilien und die Türkei zusammen stehen für einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung – und dort ist der Wirkstoff seit diesem Jahr generisch. Das entwertet ausgerechnet jene Erzählung, mit der die Wachstumsfantasie zuletzt gerechtfertigt wurde: die Expansion in bevölkerungsreiche Schwellenländer. Volumen wird es dort geben, sehr viel sogar. Nur wird es zu Generikapreisen verkauft, und der Umsatz landet bei indischen und chinesischen Herstellern.
Der Kernmarkt USA bleibt bis Ende 2031 geschützt, und Novo Nordisk hat mit über 300 Patentanmeldungen einen dichten Schutzwall um diese Zeit gebaut; die geschätzten US-Umsätze in dieser Periode gehen in dreistellige Milliardenhöhe. Aber der Zeitwert dieses Schutzes schrumpft. Ein Patent, das noch fünf Jahre läuft, ist für eine Diskontierungsrechnung ein völlig anderes Gut als eines, das zwölf Jahre läuft – und genau dieser Übergang vollzieht sich gerade.
Die zweite Welle steht schon bereit
Wer glaubt, der Wettbewerb sei mit dem Duopol beschrieben, unterschätzt die Pipeline. Amgen führt mit MariTide zwei große Phase-3-Programme; das Präparat wird monatlich gespritzt statt wöchentlich – ein handfester Komfortvorteil. Pfizer hat sich über die Übernahme von Metsera das Programm MET-097i gesichert, ebenfalls mit monatlicher Gabe und inzwischen in Phase 3. Roche hat über den Zukauf von Carmot und die Partnerschaft mit Zealand Pharma gleich mehrere Kandidaten in der Hand und entscheidet in diesem Jahr über den Phase-3-Start von Petrelintid.
Für die Preisentwicklung ist das die vielleicht wichtigste Information dieser Analyse. Ein Zweikampf kann jahrelang stabile Margen tragen – man denke an die Duopole in Flugzeugbau oder Kreditkartennetzwerken. Ein Feld mit fünf oder sechs kapitalstarken Anbietern, deren Produkte sich in derselben Metrik messen lassen, führt fast zwangsläufig zum Preiswettbewerb. Die Frage ist nicht mehr, ob dieser Markt 114 Milliarden Dollar erreicht, sondern durch wie viele Kassen dieser Betrag fließt und was am Ende als Gewinn hängen bleibt.
Was ist eingepreist? Bewertung und Szenarien
Für die Bewertung stehen sich zwei Extreme gegenüber. Novo Nordisk wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 11 gehandelt – etwa die Hälfte des eigenen Zehnjahresmedians von knapp 24. Eli Lilly kommt auf gut das Dreifache: rund 32 auf Basis der erwarteten Gewinne und über 40 auf Basis der vergangenen zwölf Monate, bei einem Börsenwert um eine Billion Dollar.
Beide Bewertungen enthalten eine kräftige Annahme. Im Kurs von Novo Nordisk steckt die Erwartung, dass die Erträge dauerhaft schrumpfen. Im Kurs von Eli Lilly steckt die Erwartung, dass sich die Führungsposition über die kommende Dekade in stetig steigende Gewinne übersetzt – trotz Preisdruck, trotz Pipeline-Konkurrenz. Das eine Papier ist billig, weil kaum jemand an eine Erholung glaubt; das andere ist teuer, weil fast alle an die Fortsetzung glauben. Historisch waren beide Haltungen selten gleichzeitig richtig.
| Szenario | Annahme | Novo Nordisk | Eli Lilly |
|---|---|---|---|
| Preiskrieg | Orale Präparate drücken den Preis, fünf Anbieter ab 2028 | Marge weiter unter Druck, Bewertung gerechtfertigt | Wachstum bleibt, Multiple schrumpft deutlich |
| Basis | Volumen kompensiert Preis, Duopol hält bis Ende der Dekade | Stabilisierung, Rückkehr zu moderatem Wachstum | Gewinnwachstum wächst in die Bewertung hinein |
| Indikations-Ausweitung | Erstattung für Herz, Niere, Schlafapnoe, Leber | Neubewertung möglich, günstigster Hebel | weiteres Aufwärtspotenzial, aber teuer bezahlt |
Das dritte Szenario verdient besondere Beachtung, weil es die stärkste Widerlegung der Bärenthese ist. Sollten sich die Präparate über die Gewichtsreduktion hinaus als Standardtherapie bei Herz-, Nieren- oder Lebererkrankungen etablieren, wechseln sie die Kategorie: von der teuren Lifestyle-Behandlung zur erstattungsfähigen Grundversorgung. Erstattungsfähigkeit erhöht das Volumen dramatisch und macht den Preis gleichzeitig weniger relevant, weil nicht mehr der Patient, sondern das Gesundheitssystem zahlt. Wer diesen Ausgang für wahrscheinlich hält, findet in der aktuellen Bewertung von Novo Nordisk die asymmetrischere Wette.
Die eigentliche Lektion: die TAM-Falle
Der Fall lässt sich verallgemeinern, und darin liegt sein bleibender Wert. Die Präsentation eines großen adressierbaren Marktes ist das bequemste Argument der Kapitalmärkte, weil es kaum überprüfbar und emotional überzeugend ist. Es beantwortet aber nur die erste von drei notwendigen Fragen.
Die zweite Frage lautet: Wie viel dieses Marktes fällt als Gewinn an – und bei wem? Die Geschichte der Luftfahrt ist das Lehrbuchbeispiel: Das Passagieraufkommen hat sich über Jahrzehnte vervielfacht, kumuliert haben Aktionäre der Branche kaum etwas verdient. Dasselbe gilt für die Solarindustrie, deren installierte Leistung explodierte, während die Modulpreise und die Aktienkurse der Hersteller kollabierten. Und für die PC-Industrie der Neunzigerjahre, in der das Volumen bei den Herstellern lag und der Gewinn bei zwei Zulieferern.
Die dritte Frage lautet: Wie lange ist dieser Gewinn geschützt? Ein Patent ist eine Uhr, die vom ersten Tag an rückwärts läuft. Ein Wettbewerbsvorteil, der auf Produktionskapazität beruht, hält so lange, bis die Konkurrenz gebaut hat. Ein Vorteil, der auf einem besseren Molekül beruht, hält bis zur nächsten Studie. Bei Abnehmmedikamenten waren alle drei Schutzmechanismen gleichzeitig unter Druck – und genau das, nicht ein schwacher Markt, erklärt die verlorenen 480 Milliarden Dollar.
Für die praktische Anwendung heißt das: Bei jeder Wachstumsstory, die mit einer Marktgrößen-Folie beginnt, sollte man die Folie überspringen und drei Dinge prüfen – die Struktur des Wettbewerbs, die Herkunft der Preissetzungsmacht und deren Verfallsdatum. Beim Abnehm-Markt hätte diese Prüfung schon 2024 dieselben Antworten geliefert, die der Markt sich 2026 schmerzhaft selbst gegeben hat.
Zugang, Steuer und ein deutscher Sonderfall
Für Anlegerinnen und Anleger im deutschsprachigen Raum ist der Zugang unkompliziert, hat aber Details, die Rendite kosten. Novo Nordisk ist als B-Aktie in Kopenhagen notiert und über deutsche Börsenplätze handelbar; daneben existiert ein US-Zertifikat. Dänemark behält auf Dividenden zunächst 27 Prozent Quellensteuer ein. Nach dem Doppelbesteuerungsabkommen sind davon nur 15 Prozent anrechenbar – die Differenz muss über ein Erstattungsverfahren bei der dänischen Steuerbehörde zurückgeholt werden, was erfahrungsgemäß Monate dauert und sich erst ab spürbaren Beträgen lohnt. Eli Lilly ist als US-Titel unkomplizierter: 15 Prozent US-Quellensteuer werden bei korrekt hinterlegtem Formular direkt angerechnet.
In Deutschland fällt auf Kursgewinne und Dividenden die Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag an, in Österreich die Kapitalertragsteuer von 27,5 Prozent. Wer den Sektor breiter abbilden will, findet in Irland aufgelegte UCITS-ETFs auf Gesundheits- und Pharmaindizes – der Preis dafür ist eine deutlich verwässerte Wirkung, weil beide Titel dort nur mit einstelligen Gewichten vertreten sind.
Der eigentliche deutsche Sonderfall liegt aber nicht im Depot, sondern in der Apotheke – und er ist für die Einschätzung des europäischen Marktpotenzials wichtiger als jede Steuerfrage. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten Wegovy nicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss stuft Medikamente zur Gewichtsreduktion als Lifestyle-Präparate ein, die nach Paragraf 34 des fünften Sozialgesetzbuchs ausdrücklich von der Erstattung ausgeschlossen sind; das Sozialgericht Mainz bestätigte diese Linie im Juni 2025. Semaglutid wird nur als Diabetesmedikament bezahlt. Wer in Deutschland abnehmen will, zahlt zwischen 172 und 277 Euro im Monat aus eigener Tasche.
Daraus folgt eine für Anleger unbequeme Erkenntnis: Der deutsche Markt ist nicht deshalb kleiner als der amerikanische, weil es weniger Betroffene gäbe, sondern weil die Zahlungsbereitschaft privater Haushalte den Preis deckelt. Solange die Erstattungsfrage nicht gekippt wird, ist Europa für diese Medikamentenklasse ein Volumenmarkt mit schmalen Margen. Genau deshalb ist die oben skizzierte Indikations-Ausweitung so entscheidend: Sobald ein Präparat als Herz- oder Nierentherapie gilt, greift die Erstattung – und aus dem gedeckelten Markt wird über Nacht ein regulärer.
Fazit
Der Abnehm-Markt hat alles geliefert, was ihm 2023 zugeschrieben wurde. Die Prognosen wurden erhöht, die Medikamente wirken, die Nachfrage ist real. Und trotzdem war der Kauf des damaligen Marktführers eine der schlechtesten Entscheidungen, die man in diesem Zyklus treffen konnte. Der Grund liegt nicht im Markt, sondern in seiner Struktur: ein besseres konkurrierendes Molekül, ein wegfallender Produktionsengpass, politisch erzwungene Preissenkungen, eine Patentlandkarte, die in den bevölkerungsreichsten Ländern bereits offen ist, und eine zweite Welle finanzkräftiger Wettbewerber.
Wer heute in diesem Sektor investiert, sollte deshalb nicht fragen, wie groß der Markt 2030 sein wird – diese Frage ist beantwortet und sie ist nicht mehr die entscheidende. Er sollte fragen, wer 2030 noch bestimmen kann, was eine Monatspackung kostet. Bei Eli Lilly zahlt man heute einen Preis, der voraussetzt, dass es dieses Unternehmen sein wird. Bei Novo Nordisk zahlt man einen Preis, der voraussetzt, dass es niemand mehr ist. Zwischen diesen beiden Annahmen liegt die eigentliche Investmententscheidung.

