Ryanair verliert ein Drittel des Gewinns — und warnt Europas Airlines vor einem schwierigen Winter

Ryanair Gewinneinbruch Airline-Winter – Marktkommentar

Ein Drittel weniger Gewinn — und das ist die gute Nachricht

Ryanair hat am Montagmorgen Zahlen für das erste Geschäftsquartal vorgelegt, und die Schlagzeile schreibt sich von selbst: Der Nachsteuergewinn fiel um 34 Prozent auf 538 Millionen Euro, nach 820 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten im firmeneigenen Konsens mit 579 Millionen Euro gerechnet — verfehlt. Der Umsatz stieg lediglich um ein Prozent auf 4,38 Milliarden Euro, während die Betriebskosten um elf Prozent auf 3,81 Milliarden Euro kletterten. Die Aktie verlor im frühen Handel rund sechs Prozent auf 24,36 Euro.

Man könnte es dabei belassen: Kriegsprämie im Öl, Gewinneinbruch bei einer Fluggesellschaft, nächste Meldung. Das wäre allerdings der uninteressanteste Teil dieser Nachricht. Denn Ryanair ist nicht irgendeine europäische Fluggesellschaft. Es ist die mit den niedrigsten Stückkosten, der größten Flotte, dem besten Hedging und seit Mai dieses Jahres ohne jede Nettoverschuldung. Wenn ausgerechnet dieses Unternehmen ein Drittel seines Gewinns verliert, dann ist die eigentliche Information nicht das, was bei Ryanair passiert ist — sondern das, was bei allen anderen gerade passiert und erst in einigen Wochen sichtbar wird.

Genau darauf zielte auch der Satz, der von diesem Montag hängen bleiben wird. Konzernchef Michael O’Leary warnte, dass unprofitable Fluggesellschaften einen „schwierigen Winter“ vor sich hätten. Das ist keine Klage. Das ist eine Prognose über die Konkurrenz — und, wenn man den Mann kennt, ein Geschäftsmodell.

Warum die 20 Prozent wichtiger sind als die 34 Prozent

Der entscheidende Wert im gesamten Bericht ist nicht der Gewinneinbruch, sondern eine Absicherungsquote. Ryanair hat 80 Prozent seines Treibstoffbedarfs bis März 2027 zu 67 Dollar je Barrel abgesichert, dazu weitere 15 Prozent für das Geschäftsjahr bis März 2028 zu 85 Dollar. Der Rest — jene 20 Prozent, die im vergangenen Quartal ungesichert am Markt eingekauft werden mussten — hat sich im Quartal im Preis mehr als verdoppelt.

Man muss sich diese Rechnung kurz vor Augen führen. Der gesamte Gewinneinbruch von 282 Millionen Euro stammt im Wesentlichen aus dem ungesicherten Fünftel des Treibstoffs plus einem Preisrückgang bei den Tickets. Vier Fünftel des Kerosins flossen weiterhin zu 67 Dollar je Barrel in die Bücher, während Brent zuletzt um die 90 Dollar notierte. Ryanair hat also die Krise zu rund einem Fünftel gespürt — und verlor trotzdem ein Drittel des Gewinns.

Damit ist die Frage gestellt, um die es in diesem Quartal in Wahrheit geht: Was passiert mit einer Fluggesellschaft, die nicht zu 80 Prozent bei 67 Dollar abgesichert ist? Die europäische Luftfahrt ist beim Hedging notorisch uneinheitlich. Die Netzwerkcarrier sichern typischerweise ab, aber selten so weit vorausschauend und selten so günstig eingekauft. Wer im vergangenen Jahr auf fallende Ölpreise gesetzt und die Absicherung reduziert hat, zahlt seit Ausbruch des Konflikts den vollen Marktpreis. O’Leary formulierte es in gewohnter Deutlichkeit: Die konservative Hedging-Politik verschaffe dem Unternehmen einen Kostenvorteil gegenüber sämtlichen EU-Wettbewerbern.

Der Gewinneinbruch bei Ryanair ist damit kein Signal der Schwäche, sondern eine Messlatte. Er zeigt, wie tief der Schaden bei jenem Anbieter ausfällt, der am besten vorbereitet war. Alles, was in den kommenden Wochen aus Frankfurt, Paris und Madrid gemeldet wird, ist an dieser Zahl zu messen.

Die zweite Front: Es sind nicht nur die Kosten

Ein reiner Kostenschock wäre für die Branche verkraftbar — er ließe sich über die Ticketpreise weitergeben. Genau das ist im vergangenen Quartal nicht passiert. Die Durchschnittserlöse je Ticket fielen um sechs Prozent.

Die Begründung des Unternehmens ist bemerkenswert präzise: Die Preise hätten „stimuliert“ werden müssen, weil der Nahost-Konflikt zu Zurückhaltung bei den Verbrauchern, zu Sorgen über Kerosinknappheit in der EU, zu wirtschaftlicher Unsicherheit und zu späteren Buchungen geführt habe. Hinzu kam ein Kalendereffekt: Das Vorjahresquartal enthielt ein vollständiges Osterfest im April, das aktuelle nicht.

Das ist die eigentlich unangenehme Konstellation. Kosten hoch, Preise runter. Für eine Branche mit einstelligen Margen ist diese Kombination die gefährlichste überhaupt, weil sie von beiden Seiten gleichzeitig gegen die Marge drückt. Und der Mechanismus dahinter ist nicht der Ölpreis, sondern die Psychologie des Reisenden: Wer unsicher ist, ob im Nahen Osten eskaliert wird, bucht später. Wer später bucht, bucht in ein Umfeld hinein, in dem die Airline die Auslastung sichern muss — und die Airline sichert Auslastung über den Preis.

Damit ist der Ölschock in der Realwirtschaft angekommen, und zwar nicht dort, wo ihn die meisten erwartet haben. Er erreicht die Bilanzen nicht nur über die Tankrechnung, sondern über das Buchungsverhalten. Das ist die zweite Rechnung des Konflikts, über den an dieser Stelle schon beim Thema Straße von Hormus geschrieben wurde: Die erste Rechnung kam bei den Tankern und im Rohölpreis an, die zweite kommt jetzt bei den Verbrauchern.

Die Knappheit, die nicht kam

Ein Detail dieses Quartals verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es zeigt, wie leicht sich Märkte in der Diagnose vertun. Im Frühjahr war die dominierende Sorge der europäischen Luftfahrt eine physische: Europa werde bis Juni das Kerosin ausgehen. Es kursierten Berechnungen, wonach die Vorräte unter die kritische Schwelle von 23 Tagen fallen würden; es gab Warnungen vor Flugstreichungen aus reinem Treibstoffmangel.

Eingetreten ist das nicht. Die Raffinerien haben ihre Ausbeute zugunsten von Kerosin verschoben, die Importeure haben ihre Bezugsquellen diversifiziert und die ausgefallenen Mengen aus dem Nahen Osten durch Lieferungen aus den USA und aus Nigeria ersetzt. Europa hat den physischen Engpass vermieden.

Was stattdessen eintrat, war ein Preisproblem. Kerosin verteuerte sich im Jahresvergleich um mehr als 100 Prozent, während Rohöl um rund 43 Prozent zulegte. Die Differenz steckt in der Raffineriemarge: Weil alle gleichzeitig mehr Kerosin produzieren wollten, verschob sich die Ökonomie der Raffinerien, und der Aufschlag von Kerosin auf Rohöl weitete sich dramatisch aus. Für Anleger ist das die lehrreichste Einzelheit des Quartals — die Knappheit hat sich nicht in leeren Tanks materialisiert, sondern im Preis. Wer im Frühjahr auf Flugstreichungen wegen Treibstoffmangels spekuliert hat, lag richtig in der Richtung und falsch im Mechanismus.

Was die Branchenzahlen sagen

Der Einzelfall Ryanair fügt sich in ein Bild, das der Weltluftfahrtverband IATA bereits gezeichnet hat: Die Prognose für den Nettogewinn der Branche im Jahr 2026 wurde auf 23 Milliarden Dollar zusammengestrichen, nach 45 Milliarden Dollar im Jahr 2025. Die Nettomarge schrumpft von 4,2 auf 2,0 Prozent.

Die anschaulichste Kennzahl ist der Gewinn je Passagier. Er fällt von 9,10 Dollar auf 4,50 Dollar. Eine Fluggesellschaft verdient an einem beförderten Menschen also weniger als der Preis eines Kaffees am Flughafen — bei vollem Kapitaleinsatz, vollem Treibstoffrisiko und vollem operativem Risiko. Diese Zahl erklärt, warum die Branche jeden externen Schock so unmittelbar in die Verlustzone trägt: Es ist schlicht kein Puffer vorhanden.

Und sie erklärt die Schärfe von O’Learys Winterwarnung. Bei 4,50 Dollar Gewinn je Passagier im Branchenschnitt liegt eine erhebliche Zahl von Anbietern definitionsgemäß darunter — also im Minus.

Kapazitätskrieg: Wer ausbaut, wer sich zurückzieht

Der interessanteste strukturelle Befund steckt in den Kapazitätsdaten für diesen Juli, und er widerspricht der Intuition. In einer Nachfragedelle würde man flächendeckende Rückzüge erwarten. Tatsächlich zerfällt Europa in zwei Lager.

Ryanair ist mit 22,2 Millionen Sitzplätzen in diesem Monat der größte innereuropäische Anbieter und hat die Kapazität gegenüber dem Vorjahr um 6,3 Prozent ausgeweitet. Wizz Air wächst am schnellsten und legt um 33,9 Prozent auf 8,8 Millionen Sitzplätze zu. Easyjet kommt als Nummer zwei auf 10,4 Millionen Sitze und ein Plus von 2,7 Prozent. Auf der anderen Seite kürzen die Netzwerkcarrier: Air France reduziert um 6,5 Prozent, Lufthansa um 3,2 Prozent.

Die Billiganbieter fliegen also mit zusätzlichen Sitzplätzen in eine Nachfrageschwäche hinein, während die klassischen Airlines Kapazität herausnehmen. Das ist kein Widerspruch, sondern eine bewusste Strategie: Wer die niedrigsten Stückkosten und den günstigsten Treibstoff hat, gewinnt in genau dieser Marktphase Marktanteile — auch wenn er dafür kurzfristig mit dem Preis heruntergeht. Der Gewinneinbruch, der heute gemeldet wurde, ist zu einem Teil der Preis für diese Offensive.

Für deutschsprachige Anleger ist die Lufthansa der naheliegendste Bezugspunkt. Der Konzern kürzt Kapazität, hat eine deutlich höhere Kostenbasis als die Billiganbieter und mit ITA Airways eine Beteiligung, die in einem schwachen Umfeld erst recht Kapital bindet. Die Frage vor den Quartalszahlen lautet nicht, ob die Marge gelitten hat, sondern wie viel schlechter der Absicherungsgrad im Vergleich zu 67 Dollar je Barrel ausfiel.

Über die Airlines hinaus hängt eine ganze Kette an diesen Zahlen. Fraport verdient an Passagieraufkommen und Bodenverkehrsdiensten; sinkende Frequenzen der Netzwerkcarrier am Heimatdrehkreuz schlagen dort direkt durch. MTU Aero Engines lebt vom Wartungsgeschäft und profitiert paradoxerweise, solange die Flotten fliegen — Wartungsumsätze hängen an Flugstunden, nicht an Ticketpreisen. Und TUI steht auf der Nachfrageseite: Wenn Verbraucher später buchen und preissensibler werden, trifft das den Pauschalreiseveranstalter unmittelbar, wobei die eigene Fluggesellschaft im Konzern zugleich die Kostenseite spürt.

Steuerlich bleibt für Anleger in Deutschland und Österreich die gewohnte Systematik: Kursgewinne und Dividenden unterliegen der Abgeltungsteuer beziehungsweise in Österreich der Kapitalertragsteuer von 27,5 Prozent. Bei ausländisch domizilierten Fluggesellschaften — Ryanair ist irisch — ist zusätzlich die Quellensteuerbehandlung des Sitzstaates zu beachten. Wer die Branche breiter statt über Einzelwerte abbilden will, findet in europäischen Reise- und Freizeit-Indizes die entsprechende Sammelposition, muss dann aber die Vermischung von Airlines, Hotels und Reiseveranstaltern in Kauf nehmen.

Die Gegenargumente — und sie sind stark

Es wäre einseitig, aus diesem Quartal ein Untergangsszenario abzuleiten. Die Gegenargumente sind erheblich.

Erstens die Bilanz. Ryanair hat im Mai 2026 die letzte Anleihe über 1,2 Milliarden Euro zurückgezahlt und ist seither schuldenfrei; zum 30. Juni standen 2,7 Milliarden Euro Nettoliquidität in den Büchern. Eine Fluggesellschaft ohne Nettoschulden in einem Umfeld steigender Kosten hat eine strategische Freiheit, die in dieser Branche selten ist — sie kann eine Preisschlacht länger durchhalten als jeder Wettbewerber.

Zweitens die Absicherung selbst. Die 67 Dollar je Barrel laufen bis März 2027, weitere 15 Prozent sind für das Folgejahr zu 85 Dollar gesichert. Das verschafft dem Unternehmen eine Kostenvisibilität über mehrere Quartale, die den Wettbewerbsvorteil nicht nur beschreibt, sondern zeitlich fixiert.

Drittens — und das ist das stärkste Argument — die Aussage des Finanzchefs. Neil Sorahan bezeichnete die Preisschwäche als vorübergehend und verwies darauf, dass in Europa in diesem Winter erhebliche Kapazitäten aus dem Markt genommen werden dürften, was der Preisentwicklung zugutekommen könne. Damit ist der Schmerz dieses Quartals ausdrücklich als Mechanismus für den späteren Ertrag beschrieben: Wenn schwache Wettbewerber Flugzeuge stilllegen oder Strecken aufgeben, sinkt das Angebot, und die Preise steigen — für die Überlebenden.

Viertens die Erfahrung mit dem Sprecher. O’Leary hat über zwei Jahrzehnte hinweg regelmäßig düstere Branchenaussichten formuliert, aus denen sich für Ryanair anschließend Marktanteilsgewinne ergaben. Eine Warnung vor dem Winter aus diesem Mund ist immer auch eine Positionierung.

Und schließlich: Der befürchtete physische Treibstoffengpass ist ausgeblieben. Das Sommergeschäft konnte geflogen werden.

Was jetzt zu beobachten ist

Für die kommenden Wochen ergibt sich daraus eine klare Beobachtungsliste. Erstens die Quartalsberichte der übrigen europäischen Anbieter — die entscheidende Kennzahl ist dort nicht der Gewinn, sondern der Absicherungsgrad des Treibstoffs und der eingekaufte Preis. An dieser einen Zahl lässt sich ablesen, wer den Winter aus eigener Kraft übersteht.

Zweitens die Kapazitätsplanung für den Winterflugplan. Wenn Sorahans Erwartung erheblicher Streichungen eintritt, ist das gleichzeitig das Signal für die Konsolidierung und für die Preiserholung. Streichungen sind in diesem Zyklus eine gute Nachricht für die Bilanzstarken.

Drittens der Kerosinaufschlag auf Rohöl. Er ist derzeit der eigentliche Kostentreiber, nicht der Ölpreis allein. Sollte sich die Raffineriemarge normalisieren, entspannt sich die Kostenseite auch ohne fallenden Brent-Preis.

Viertens das Buchungsverhalten. Die Vorlaufzeit der Buchungen ist in diesem Quartal die aussagekräftigste Nachfragekennzahl gewesen. Verkürzt sie sich weiter, bleibt der Preisdruck; normalisiert sie sich, kehrt Planbarkeit zurück.

Die Bilanz dieses Montags lautet damit: Ein Gewinnrückgang von 34 Prozent bei jenem Anbieter, der in nahezu jeder Hinsicht am besten vorbereitet war, ist keine Ryanair-Nachricht. Es ist eine Aussage über die Belastbarkeit der gesamten europäischen Luftfahrt in einem Umfeld, in dem der Gewinn je Passagier auf 4,50 Dollar gefallen ist. Der Winter, vor dem gewarnt wurde, wird nicht über die Ticketpreise entschieden, sondern über die Bilanzen. Und dort ist die Spreizung in Europa größer als in jedem Jahr seit der Pandemie.

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Daniel Herzog
AUTOR

Daniel Herzog

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