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Im Dezember 2023 hielten Adalimumab-Biosimilars in Deutschland 79 Prozent des Marktes. In den Vereinigten Staaten waren es im Februar 2024 vier Prozent. Dasselbe Molekül, dieselbe Patentlage, dieselbe Wissenschaft – und ein Unterschied um den Faktor zwanzig. Wer abschätzen will, was der größte Patentablauf der Pharmageschichte im Jahr 2028 mit dem Konzern anrichtet, der ihn zu verkraften hat, muss zuerst diese beiden Zahlen erklären.
Denn sie zeigen, dass die meistbenutzte Metapher der Branche in die Irre führt. „Patentklippe“ suggeriert eine Kante: Ein Datum läuft ab, der Umsatz stürzt. Genau so war es bei Lipitor, bei Plavix, bei jedem großen chemisch synthetisierten Wirkstoff der vergangenen dreißig Jahre. Nur besteht die Welle, die zwischen 2026 und 2030 auf die Pharmabranche zurollt, ganz überwiegend nicht aus chemischen Wirkstoffen, sondern aus Biologika. Und Biologika fallen nicht. Sie rutschen – unterschiedlich schnell, je nachdem, in welchem Gesundheitssystem sie verkauft werden.
Dieser Text macht drei Dinge. Er zeigt erstens, warum die Erosionskurve eines Biologikums von der Zahlungsmechanik eines Landes bestimmt wird und nicht vom Patentrecht – weshalb dieselbe Ablaufwelle in Deutschland eine andere Form hat als in den USA. Er zeigt zweitens, dass für einen Pharmakonzern längst zwei Uhren laufen: die Patentuhr und die Preisuhr – und dass ein einziger Satz in einem amerikanischen Haushaltsgesetz vom Juli 2025 die zweite Uhr für zwei der größten Krebsmedikamente der Welt um zwölf Monate zurückgestellt hat. Und er zeigt drittens, dass der Umsatz, der hier verloren geht, nicht verschwindet: Er wandert – in die Kassen der Krankenversicherungen, in die Bilanzen der Biosimilar-Hersteller und, als Übernahmeprämie, in die Depots von Biotech-Aktionären.
Vier Zahlen für dieselbe Welle – und keine davon ist falsch
Wer Analysen zur anstehenden Ablaufwelle liest, findet Beträge zwischen 170 und 400 Milliarden Dollar. Das ist keine Schlamperei, sondern eine Frage der Abgrenzung: Zeitraum, Region, Umsatzbegriff. Alle vier folgenden Größen sind belastbar. Sie beantworten nur nicht dieselbe Frage.
| Bezifferung | Betrag | Was tatsächlich gemessen wird |
|---|---|---|
| Jahresumsatz mit auslaufendem Schutz bis 2032 | mindestens 173,9 Mrd. $ | Der jährliche Umsatz jener meistverkauften Präparate, deren Exklusivität bis 2032 endet – eine Bestandsgröße, kein kumulierter Verlust. |
| Gefährdeter Markenumsatz 2025–2030 | 200 bis 400 Mrd. $ | Weiter gefasst: alle Präparate, deren Schutz im Fenster endet, ohne Abzug dessen, was der Originalanbieter faktisch behält. |
| Tatsächlicher Umsatzabfluss | deutlich niedriger | Was wirklich verloren geht, hängt von der Erosionskurve ab – bei Biologika bleibt oft die Hälfte des Umsatzes noch Jahre erhalten. |
| Größter Einzelfall | 31,7 Mrd. $ (2025) | Der Jahresumsatz von Keytruda, dessen zentraler Stoffpatentschutz in den USA 2028 endet. |
Die dritte Zeile ist die wichtigste und zugleich die, die in Schlagzeilen nie auftaucht. Sie enthält die eigentliche Analysearbeit: Zwischen „Umsatz mit auslaufendem Patent“ und „verlorenem Umsatz“ liegt die gesamte Frage, um die es hier geht. Wer die erste Zahl für die zweite hält, rechnet einen Konzern in die Katastrophe, der in Wahrheit einen langen, teuren, aber steuerbaren Abstieg vor sich hat.
Der Unterschied, den die Metapher verschluckt
Ein chemisch synthetisierter Wirkstoff – ein „small molecule“, eine Tablette – lässt sich exakt nachbauen. Das Generikum ist molekular identisch, der Nachweis ist billig, die Zulassung läuft über ein verkürztes Verfahren, und Apotheken dürfen in vielen Ländern automatisch substituieren. Deshalb kollabiert der Markenumsatz nach Ablauf innerhalb eines Jahres.
Ein Biologikum ist ein in lebenden Zellen produziertes Protein. Es lässt sich nicht identisch nachbauen, nur hochgradig ähnlich – daher „Biosimilar“. Die Entwicklung kostet einen dreistelligen Millionenbetrag statt weniger Millionen, es braucht klinische Vergleichsstudien, die Herstellung ist anspruchsvoll, und eine automatische Substitution in der Apotheke ist die Ausnahme, nicht die Regel. Entsprechend verhält sich der Umsatz nach Ablauf völlig anders.
| Merkmal | Chemischer Wirkstoff (Generikum) | Biologikum (Biosimilar) |
|---|---|---|
| Mengenverlust im ersten Jahr | 80 bis 89 Prozent | 30 bis 50 Prozent |
| Preisabschlag des ersten Nachahmers | 80 bis 95 Prozent binnen zwölf Monaten | zunächst 15 bis 30 Prozent |
| Entwicklungskosten des Nachahmers | niedriger einstelliger Millionenbetrag | dreistelliger Millionenbetrag |
| Zahl der Wettbewerber nach drei Jahren | oft zweistellig | meist eine Handvoll |
| Automatische Substitution | Regelfall | Ausnahme, an Zusatzauflagen gebunden |
| Form der Umsatzkurve | Klippe | Hang mit Stufen |
Aus dieser Tabelle folgt eine unbequeme Konsequenz für jedes Bewertungsmodell: Wer die Erosion eines Biologikums mit dem Erfahrungswert eines Generikums modelliert, liegt nicht ein bisschen daneben, sondern um Jahre und um Milliarden. Umgekehrt gilt aber genauso: Wer aus der Sanftheit des Hangs auf Harmlosigkeit schließt, übersieht die Stufen. Und die Stufen kommen nicht vom Patentamt.
Humira, der Kronzeuge: vier Prozent Marktanteil, vierzig Prozent Umsatzverlust
Der bislang größte Biologika-Ablauf der Geschichte lässt sich vollständig nachrechnen. Humira (Adalimumab) von AbbVie war jahrelang das umsatzstärkste Medikament der Welt, zuletzt mit 21,24 Milliarden Dollar im Jahr 2022. Am 31. Januar 2023 endete in den USA die Exklusivität.
Was dann geschah, widerspricht beiden gängigen Erzählungen. Der Umsatz stürzte nicht ab: 2023 sank er weltweit um 32 Prozent, in den USA um 35 Prozent. 2024 fiel er weiter auf 8,99 Milliarden Dollar. Nach zwei Jahren Wettbewerb hielt das Original also immer noch mehr als 40 Prozent seines Spitzenumsatzes – ein Verlauf, der bei einer Tablette undenkbar gewesen wäre.
Entscheidend ist aber, wie dieser Rückgang zustande kam. Im Februar 2024 – nach einem vollen Jahr Wettbewerb – lag der Marktanteil aller Humira-Biosimilars in den USA bei rund vier Prozent. Im selben Zeitraum, im ersten Quartal 2024, brach der US-Umsatz von Humira um 40 Prozent ein. Beides zusammen ergibt nur eine mögliche Erklärung: Der Umsatz fiel nicht, weil Patienten wechselten. Er fiel, weil der Preis fiel.
Das ist der Kern der amerikanischen Mechanik. Zwischen Hersteller und Patient stehen Pharmacy Benefit Manager – Einkaufsorganisationen, die für Versicherer die Erstattungslisten verwalten und ihr Geld zu einem erheblichen Teil aus Herstellerrabatten beziehen. Ein Originalanbieter, der seine Listenposition halten will, muss diese Rabatte erhöhen, sobald ein Biosimilar auf den Markt kommt. Der Listenpreis kann dabei stehen bleiben; der Nettopreis, den der Hersteller tatsächlich vereinnahmt, sinkt trotzdem dramatisch. Nach außen sieht es aus, als sei nichts passiert – bis das Quartalsergebnis erscheint.
Für Anleger folgt daraus eine praktische Regel: Marktanteilsdaten sind bei einem Biologika-Ablauf ein irreführender Frühindikator. Sie zeigen, wo die Patienten sind, nicht, wo das Geld ist. Wer den Schaden früh sehen will, muss auf den Nettopreis schauen – und der steht in keiner Verschreibungsstatistik, sondern erst in der Gewinn- und Verlustrechnung.
79 gegen 4 Prozent: dasselbe Molekül, zwei Erosionskurven
Und hier wird es für europäische Anleger interessant. Während Biosimilars in den USA im Februar 2024 vier Prozent des Adalimumab-Marktes hielten, kamen sie in Deutschland bereits im Dezember 2023 auf 79 Prozent. Dasselbe Molekül, dasselbe Jahr, ein zwanzigfacher Unterschied.
Der Grund liegt vollständig in der Zahlungsmechanik. In Deutschland verhandeln die gesetzlichen Krankenkassen Rabattverträge direkt mit Herstellern; hinzu kommen Biosimilar-Quoten in den Wirtschaftlichkeitsvorgaben der Kassenärztlichen Vereinigungen, an denen sich Ärzte messen lassen müssen. Als Adalimumab frei wurde, gingen die ersten Biosimilars mit Abschlägen von bis zu 40 Prozent in Rabattverträge – und die Verordnungslenkung erledigte den Rest binnen Monaten. Seit dem 3. Februar 2026 sind zudem exklusive Rabattverträge mit Biosimilar-Anbietern möglich, was den Mechanismus weiter verschärft.
Damit liegt eine der wenigen wirklich sauberen natürlichen Vergleichssituationen der Gesundheitsökonomie vor. Zwei Märkte, ein Wirkstoff, ein Zeitfenster, identische Wissenschaft – und zwei völlig verschiedene Ergebnisse. Die Schlussfolgerung ist eindeutig und für die Bewertung jedes betroffenen Konzerns zentral: Die Erosionsgeschwindigkeit eines Biologikums ist keine Eigenschaft des Moleküls, sondern eine Eigenschaft des Erstattungssystems.
| Marktordnung | Wirkung auf die Erosion | Folge für den Originalanbieter |
|---|---|---|
| Deutschland: Rabattverträge, Biosimilar-Quoten | Sehr schneller Mengenwechsel (79 % nach knapp zwei Jahren) | Umsatz geht rasch verloren, dafür ist der Prozess kurz und planbar |
| USA: PBM-Listen, Rabattlogik | Mengen bleiben lange beim Original, Nettopreis fällt sofort | Marge erodiert vor dem Marktanteil – Schaden wird spät sichtbar |
| Klinikmarkt (beide Länder) | Schneller Wechsel, weil Einkauf zentral über Apotheken erfolgt | Infusionspräparate erodieren früher als Selbstinjektionen |
Die letzte Zeile verdient Beachtung, weil sie direkt zum größten anstehenden Fall führt. Keytruda ist ein Infusionspräparat, das in Krankenhäusern und onkologischen Zentren verabreicht wird – also in genau dem Segment, in dem der Einkauf zentral organisiert ist und Preisvorteile am schnellsten durchschlagen. Das ist ein Argument für eine steilere Erosion, als der Humira-Vergleich nahelegt.
Der größte Einzelfall der Branchengeschichte
Keytruda (Pembrolizumab) ist ein Antikörper, der ein Bremssignal auf Immunzellen blockiert und dem Immunsystem so ermöglicht, Tumorzellen anzugreifen. Er ist inzwischen in über vierzig Indikationen zugelassen und erlöste 2025 rund 31,7 Milliarden Dollar. Im zweiten Quartal 2026 setzte die Keytruda-Familie 8,4 Milliarden Dollar um, ein Plus von vier Prozent. Der Konzern insgesamt erwartet für 2026 zwischen 66,3 und 67,3 Milliarden Dollar Umsatz.
Ein Präparat trägt also rund die Hälfte des Konzernumsatzes – und sein zentraler Stoffpatentschutz endet in den USA 2028, in Europa ungefähr parallel. Eine derartige Konzentration ist in der Branche selten und macht den Fall zum Lehrstück.
Für deutsche Leser eine Vorbemerkung zur Namensverwirrung, die regelmäßig zu falschen Ordern führt: Der Hersteller von Keytruda ist der amerikanische Konzern Merck & Co. mit Sitz in Rahway, New Jersey. Er firmiert außerhalb Nordamerikas als MSD, weil die Namensrechte dort bei der Merck KGaA in Darmstadt liegen – einem völlig anderen, deutschen Unternehmen. Wer an der Frankfurter Börse „Merck“ kauft, kauft Darmstadt und hat mit Keytruda nichts zu tun.
Das Ausmaß der Abhängigkeit hat die Aktie längst erfasst. Die Bewertung liegt seit Jahren unter dem Branchenschnitt, die Analystenziele bewegen sich im Bereich von rund 130 bis 137 Dollar, und der Kurs handelt in der Nähe dieser Marke. Der Markt hat die Klippe also nicht übersehen – die Frage ist, ob er ihre Form richtig getroffen hat.
Die zweite Uhr: der Preis kann vor dem Patent fallen
Bis vor wenigen Jahren gab es für ein amerikanisches Medikament nur einen relevanten Termin: das Ende der Exklusivität. Seit dem Inflation Reduction Act gibt es zwei. Das Gesetz erlaubt der Medicare-Behörde CMS, die Preise besonders umsatzstarker Präparate direkt zu verhandeln – bei chemischen Wirkstoffen neun Jahre nach Zulassung, bei Biologika dreizehn.
Für ein Unternehmen heißt das: Der Umsatz kann fallen, obwohl das Patent noch gilt. Die Preisuhr läuft unabhängig von der Patentuhr, und sie kann früher klingeln.
Diese Zweiteilung hat einen Namen bekommen: die „pill penalty“. Weil chemische Wirkstoffe vier Jahre früher in die Verhandlung geraten als Biologika, verschiebt sich der Anreiz der Forschung systematisch zugunsten der Biologika – und damit zugunsten teurer Injektionen und weg von Tabletten, obwohl Tabletten über neunzig Prozent aller Verordnungen ausmachen. Die Branche beziffert den Rückgang der Investitionen in chemische Wirkstoffe seit Inkrafttreten auf bis zu 70 Prozent; diese Zahl stammt aus dem Umfeld der Industrie und ist entsprechend interessengeleitet, doch die Richtung ist unstrittig und wird auch von Kritikern des Gesetzes nicht bestritten. Der überparteiliche EPIC Act, der beide Fristen auf dreizehn Jahre angleichen würde, liegt seit 2025 im Kongress.
Und hier kommt der Vorgang, der im Frühjahr 2026 kaum Beachtung fand und für die Bewertung zweier Konzerne mehr wert war als die meisten Studienergebnisse. Das im Juli 2025 verabschiedete Haushaltsgesetz erweiterte die Ausnahme für Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen gleich zweifach: Auch Präparate mit mehreren solchen Ausweisungen fallen nun heraus, und die Fristen beginnen später, wenn ein solches Präparat anschließend eine Zulassung außerhalb des Bereichs seltener Erkrankungen erhält.
Keytruda und Opdivo – beide Milliardenpräparate mit Ausweisungen für seltene Erkrankungen im Rücken – wären nach Umsatzhöhe und Kriterien für die Auswahl 2026 fällig gewesen. Durch die Neuregelung verschob sich ihre Auswählbarkeit um zwölf Monate auf den 1. Februar 2027. Tatsächlich standen sie am 27. Januar 2026, als CMS die fünfzehn Präparate der dritten Verhandlungsrunde bekanntgab, nicht auf der Liste. Das Haushaltsbüro des Kongresses beziffert die Kosten dieser Ausnahmeerweiterung auf 8,8 Milliarden Dollar über zehn Jahre.
Für Merck & Co. bedeutet das ein zusätzliches Jahr, in dem beide Uhren nicht gleichzeitig ablaufen. Es bedeutet aber auch, dass sich Preisverhandlung und Patentablauf nun näher aneinanderschieben und der Konzern sein Kernpräparat in kurzer Folge zweimal verlieren könnte: einmal an den verhandelten Preis, einmal an den Wettbewerb. Wer die Aktie bewertet, sollte beide Termine im Modell haben – die meisten Modelle haben nur einen.
Die Verteidigung heißt Qlex – und tauscht ein Risiko gegen ein anderes
Die Antwort des Konzerns auf 2028 ist keine neue Substanz, sondern eine neue Verabreichungsform. Im September 2025 ließ die FDA Keytruda Qlex zu – Pembrolizumab kombiniert mit einem Enzym, das die subkutane Injektion ermöglicht. Statt einer halbstündigen Infusion genügt eine Spritze von wenigen Minuten. Für Patienten ist das ein echter Fortschritt; für Onkologiepraxen ändert es die Abläufe und die Vergütung.
Kommerziell ist die Logik durchsichtig: Die neue Form ist durch eigene Formulierungs-, Vorrichtungs- und Verabreichungspatente geschützt, die potenziell bis in die 2030er Jahre reichen. Gelingt es, einen erheblichen Teil der Patienten vor 2028 umzustellen, dann trifft das auslaufende Stoffpatent einen geschrumpften Markt. Ein Biosimilar zur intravenösen Form konkurriert dann nicht mit dem Marktführer, sondern mit dessen Vorgängerprodukt. Der Konzern selbst nennt 30 bis 40 Prozent Umstellung als Ziel. Im ersten Halbjahr 2026 erlöste Qlex laut Berichterstattung rund 590 Millionen Dollar – ein glaubwürdiger Start, aber weit entfernt von der Größenordnung, die 2028 zählen wird.
Dieses Manöver ist in der Branche nicht neu, und es hat einen weniger schmeichelhaften Namen: Kritiker sprechen von „product hopping“. Die Organisation I-MAK hat dem Konzern 2025 genau das vorgeworfen. Für Anleger ist die Bewertung nüchtern vorzunehmen, und sie fällt zweischneidig aus.
| Was die Umstellung leistet | Was sie kostet |
|---|---|
| Sie verlängert die Exklusivität auf einem Teil des Umsatzes um mehrere Jahre, ohne dass eine neue Substanz gefunden werden muss. | Sie ersetzt ein Rechtsrisiko mit bekanntem Datum durch ein Ausführungsrisiko mit offenem Ausgang: Der Erfolg hängt von Ärzten, Kliniken und Kostenträgern ab. |
| Sie schafft einen echten Nutzenvorteil, der die Umstellung medizinisch begründbar macht. | Sie erzeugt kartellrechtliche und politische Angriffsfläche – in einem Umfeld, das Arzneimittelpreisen ohnehin feindlich gegenübersteht. |
| Sie verschafft Zeit, die für den Pipeline-Aufbau gebraucht wird. | Kostenträger können gegensteuern, indem sie die günstigere intravenöse Form bevorzugt erstatten – in Deutschland über Rabattverträge sofort umsetzbar. |
Der entscheidende Punkt für die Modellierung: Ein Patentablauf ist ein Ereignis mit Datum, das man diskontieren kann. Eine Umstellungsquote ist eine Verhaltensannahme über Tausende von Behandlern. Die Verteidigung verwandelt eine gut prognostizierbare Größe in eine schlecht prognostizierbare. Das kann sich lohnen – aber es erhöht die Streuung der möglichen Ergebnisse, und genau dafür verlangt ein Markt normalerweise einen Bewertungsabschlag.
Die Klippe ist kein Verlust, sie ist eine Umverteilung
Damit zur dritten Ebene, die in der Berichterstattung fast vollständig fehlt. Der Umsatz, der einem Originalanbieter verloren geht, löst sich nicht auf. Er verteilt sich neu – auf drei Empfänger.
Erstens auf die Kostenträger und damit auf die Beitragszahler. Bei Humira-Biosimilars lag die durchschnittliche Ersparnis 2024 in den USA bei rund 4.505 Dollar pro Patient und Jahr. In Deutschland schlagen die Rabattverträge unmittelbar auf die Ausgaben der Krankenkassen durch. Das ist der gesundheitspolitisch gewollte Teil der Übung, und er funktioniert.
Zweitens auf die Nachahmer-Hersteller. Deren Geschäft ist das Spiegelbild der Klippe: Was der eine verliert, sammelt der andere ein.
Drittens – und das ist der für Aktionäre wichtigste Kanal – auf die Eigentümer von Übernahmezielen. Ein Konzern, dem in fünf Jahren ein zweistelliger Milliardenumsatz wegbricht, muss Ersatz kaufen. Er hat kaum eine Wahl, er hat einen Zeitplan, und die Verkäufer wissen beides. Genau das lässt sich in den Zahlen ablesen.
| Kennzahl | Wert | Bedeutung |
|---|---|---|
| Transaktionsvolumen Biopharma 2025 | 133 Mrd. $ (+133 % zum Vorjahr) | Zweithöchster Stand seit fünf Jahren, 50 Transaktionen – die meisten seit 2021. |
| Prognose 2026 | 140 bis 160 Mrd. $ | Mit Aufwärtsspielraum von weiteren 20 bis 30 Mrd. $ im günstigsten Fall. |
| Übernahmeprämien 2025 | 60 bis 120 Prozent | Bei Zielen mit zugelassenen Produkten 80 bis 120 Prozent, bei präklinischen Plattformen 40 bis 70 Prozent. |
| Größte gemeldete Transaktion | bis zu 32 Mrd. $ | Berichte über fortgeschrittene Gespräche von Merck & Co. über Revolution Medicines – nicht abgeschlossen, aber bezeichnend für die Dringlichkeit. |
Die Prämien sind der eigentliche Befund. Sie sind keine Marktlaune, sondern der Preis der Dringlichkeit: Ein Käufer mit einem Patentdatum im Nacken verhandelt aus der schwächeren Position, und das schlägt sich unmittelbar im Kaufpreis nieder. Für den Aktionär des Käufers ist die Klippe damit ein doppelter Kostenblock – erst der entgangene Umsatz, dann die Prämie für dessen Ersatz. Für den Aktionär eines plausiblen Ziels ist sie eine Chance, deren Wahrscheinlichkeit man immerhin am Kalender ablesen kann.
Die andere Seite der Klippe liegt in Planegg
Für Anleger im deutschsprachigen Raum ist die naheliegende Frage, wie man diese Umverteilung überhaupt abbilden kann, ohne amerikanische Einzelwerte zu kaufen. Bemerkenswerterweise steht der direkte Gegenspieler des größten Patentablaufs der Geschichte in Bayern.
Die Formycon AG mit Sitz in Planegg bei München entwickelt Biosimilars und hat mit FYB206 einen Pembrolizumab-Kandidaten in der Spätphase – ein Nachbau exakt jenes Wirkstoffs, der 2028 frei wird. Das Unternehmen hat drei zugelassene Biosimilars (Ranibizumab, Ustekinumab, Aflibercept) und arbeitet zusätzlich an Kandidaten unter anderem gegen Dupilumab. Die Patientenrekrutierung für die integrierte Phase-1/3-Studie zu FYB206 wurde im Juli 2025 abgeschlossen, die Daten zum primären Endpunkt wurden für das erste Quartal 2026 erwartet. Am 11. Februar 2026 schloss Formycon eine exklusive Lizenzvereinbarung mit Lotus Pharmaceutical für die Vermarktung in weiten Teilen der Region Asien-Pazifik – gegen eine Vorabzahlung, Meilensteinzahlungen und eine Beteiligung am Bruttogewinn.
Diese Konstruktion beschreibt das Geschäftsmodell gut und zugleich seine Grenze: Formycon entwickelt und produziert, andere vermarkten. Das senkt den Kapitalbedarf, deckelt aber die Marge, und der Erlös hängt an Partnern und Meilensteinen. Wer hier investiert, kauft weder ein Pharmaunternehmen mit breitem Portfolio noch einen Generikakonzern, sondern eine Serie binärer Entwicklungs- und Patentstreitrisiken auf einem Markt, dessen Preise definitionsgemäß fallen. Kleine Position, hohe Streuung – anders ist das nicht seriös darstellbar.
Die größere und deutlich robustere Adresse ist Sandoz. Der aus Novartis herausgelöste Konzern ist weltweiter Marktführer bei Biosimilars, hat dreizehn zugelassene Präparate und 28 Kandidaten in der Entwicklung und richtet den Biosimilar-Bereich als eigene Einheit neben dem Generikageschäft ein – ausdrücklich mit Blick auf das, was das Unternehmen selbst als „goldenes Jahrzehnt“ auslaufender Patente bezeichnet. Für Österreich ist das kein abstraktes Thema: Der Standort Kundl in Tirol gehört zu den größten Produktionsanlagen des Konzerns in Europa.
Steuerlich bleibt die Rechnung schlicht. In Deutschland fallen auf Kursgewinne und Dividenden 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer an, der Sparerpauschbetrag liegt bei 1.000 Euro je Person. In Österreich gelten 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer ohne vergleichbaren Freibetrag. Bei Schweizer Titeln wie Sandoz ist die Verrechnungssteuer von 35 Prozent zu beachten, von der sich über das Doppelbesteuerungsabkommen 20 Prozentpunkte zurückholen lassen – ein Antrag, der Aufwand macht und bei kleinen Positionen selten lohnt. Wer die Umverteilung breit abbilden will, statt auf einen Kandidaten zu setzen, kommt an einem Gesundheitssektor-ETF kaum vorbei; dort ist die Biosimilar-Seite allerdings nur schwach gewichtet.
Drei Szenarien bis 2030
Statt einer Punktprognose lohnt es, die Bandbreite zu benennen. Die folgenden Szenarien beziehen sich auf den Zeitraum bis 2030 und auf den Fall, an dem sich alles zeigt.
| Szenario | Verlauf | Woran man es früh erkennt |
|---|---|---|
| Hang (Humira-Muster) | Erosion über mehrere Jahre, das Original hält 2030 noch einen erheblichen Teil des Spitzenumsatzes. Umstellung auf die subkutane Form gelingt teilweise, Zukäufe schließen die Lücke. | Umstellungsquote steigt planmäßig; Übernahmen bringen zugelassene Produkte statt Frühphasen-Kandidaten. |
| Stufe (Klinikmarkt-Muster) | Deutlich steilerer Verlauf als bei Humira, weil zentraler Klinikeinkauf und mehrere Biosimilars gleichzeitig auf den Markt kommen. Der Preis fällt vor dem Marktanteil. | Erste Rabattverträge und Klinikausschreibungen in Europa; wachsende Zahl zugelassener Pembrolizumab-Biosimilars. |
| Zangengriff | Preisverhandlung ab 2027/28 trifft zusammen mit dem Patentablauf; die Umstellung bleibt unter dem Ziel, Zukäufe werden zu Höchstpreisen getätigt. | Auswahl für die Verhandlungsrunde nach dem 1. Februar 2027; Übernahmeprämien am oberen Rand der Spanne; Qlex-Anteil stagniert. |
Das mittlere Szenario halten wir für das wahrscheinlichste, weil es die spezifische Marktstruktur der Onkologie ernst nimmt statt das Humira-Muster mechanisch zu übertragen. Der wichtigste Frühindikator ist dabei nicht der Aktienkurs, sondern die Zahl der zugelassenen Pembrolizumab-Biosimilars: Bei einem einzigen Wettbewerber sieht die Kurve aus wie ein Hang, bei fünfen wie eine Stufe.
Was daraus für ein Depot folgt
Aus der Analyse ergeben sich vier Konsequenzen, die sich unabhängig von der Einzelmeinung zu einer Aktie anwenden lassen.
Erstens: Umsatzkonzentration ist die eigentliche Kennzahl. Nicht das Ablaufdatum entscheidet über das Risiko, sondern der Anteil, den ein einzelnes Präparat am Konzernumsatz hat. Ein Unternehmen, das fünfzig Prozent seines Umsatzes aus einem Produkt zieht, ist ein anderes Investment als eines mit fünfzehn Prozent – auch wenn beide dasselbe Patentjahr in der Tabelle stehen haben.
Zweitens: Nach der Molekülklasse fragen, nicht nach dem Datum. Chemischer Wirkstoff heißt Klippe, Biologikum heißt Hang. Wer diese Unterscheidung nicht macht, modelliert systematisch falsch – in beide Richtungen.
Drittens: Beide Uhren im Modell führen. Seit dem Inflation Reduction Act ist das Patentdatum nicht mehr das erste preisrelevante Ereignis. Der 1. Februar 2027 ist für zwei der weltgrößten Krebsmedikamente derzeit der wichtigere Termin als jedes Patentjahr.
Viertens: Die Gegenseite existiert und ist investierbar. Der Umsatz verschwindet nicht, er wechselt den Besitzer. Ob man diese Seite über einen spezialisierten Entwickler, über den Marktführer bei Biosimilars oder gar nicht abbildet, ist eine Frage der Risikotragfähigkeit – dass es sie gibt, ist keine.
Die Klippe, um die es hier geht, ist am Ende keine Klippe, sondern ein Hang mit Stufen, dessen Neigung nicht in einem Patentregister steht, sondern in Rabattverträgen, Formularlisten und einem Absatz Gesetzestext vom Juli 2025. Wer sie als Datum liest, verpasst sie. Wer sie als Mechanik liest, kann sie rechtzeitig sehen – und zwar auf beiden Seiten.

