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Modul 5 · Lektion 2/6

Konjunkturdaten verstehen

BIP, Inflation, Arbeitsmarkt, Einkaufsmanagerindizes und Stimmungsumfragen – welche Wirtschaftsdaten die Börse bewegen, wie man sie liest und warum die Erwartung wichtiger ist als die Zahl.

4 Min. Lesezeit Fortgeschritten 11 Übungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Wirtschaftsleistung. Zwei Quartale mit schrumpfendem BIP gelten als technische Rezession.
  • Inflations- und Arbeitsmarktdaten sind für die Börse besonders wichtig, weil sie die Zinsentscheidungen der Notenbanken prägen.
  • Einkaufsmanagerindizes und Stimmungsumfragen sind Frühindikatoren. Werte über 50 signalisieren beim PMI Wachstum.
  • Märkte reagieren auf die Abweichung von der Prognose, nicht auf die Zahl selbst.
  • Die Börse nimmt die Wirtschaft vorweg – Kurse drehen oft, bevor sich die Konjunkturdaten drehen.

Jeden Werktag erscheinen irgendwo auf der Welt neue Wirtschaftsdaten: Arbeitslosenzahlen, Inflationsraten, Umfragen unter Einkaufsmanagern, Einzelhandelsumsätze. Manche bewegen die Märkte kaum, andere lassen die Kurse binnen Sekunden springen. Diese Lektion zeigt, welche Daten wirklich zählen und wie man sie richtig liest.

Der Konjunkturzyklus

Volkswirtschaften wachsen nicht gleichmäßig, sondern in Wellen. Phasen kräftigen Wachstums wechseln sich mit Abschwüngen ab:

Der Konjunkturzyklus Trendwachstum Aufschwung Boom Abschwung Rezession / Tief Erholung
Ein stilisierter Konjunkturzyklus. In der Realität sind die Phasen unterschiedlich lang und nie exakt vorhersehbar. Ein vollständiger Zyklus dauerte in der Nachkriegszeit meist mehrere Jahre.

Eine Rezession liegt nach einer gängigen Faustregel vor, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. In den USA legt ein Gremium des National Bureau of Economic Research (NBER) Rezessionen offiziell fest – nach einer breiteren Betrachtung von Produktion, Beschäftigung und Einkommen, und meist erst Monate im Nachhinein.

Die wichtigsten Daten

Wirtschaftsleistung

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst den Wert aller in einem Land produzierten Waren und Dienstleistungen. Es wird vierteljährlich veröffentlicht und meist als Veränderung gegenüber dem Vorquartal angegeben – in den USA hochgerechnet auf ein Jahr, in Europa nicht. Das BIP ist die umfassendste, aber auch eine späte Zahl: Es beschreibt, was bereits passiert ist.

Inflation

Die Verbraucherpreise (Inflation) sind seit 2021 die meistbeachteten Daten überhaupt, weil sie die Zinspolitik bestimmen. Wichtig sind:

  • die Gesamtrate,
  • die Kernrate ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel – sie zeigt den zugrunde liegenden Preistrend,
  • im Euroraum die Schnellschätzung des HVPI Ende des Monats, in den USA der CPI Mitte des Monats und der von der Fed bevorzugte PCE-Preisindex.

Arbeitsmarkt

Der US-Arbeitsmarktbericht (Nonfarm Payrolls) erscheint in der Regel am ersten Freitag jedes Monats und ist einer der wichtigsten Termine im Börsenkalender. Er zeigt, wie viele Stellen außerhalb der Landwirtschaft neu entstanden sind, dazu die Arbeitslosenquote und die Lohnentwicklung. Ein starker Arbeitsmarkt stützt den Konsum, kann aber über steigende Löhne auch die Inflation anheizen.

Frühindikatoren

Weil BIP und Arbeitsmarkt eher nachlaufen, achten Anleger besonders auf Frühindikatoren, die Wendepunkte früher anzeigen:

Indikator Was er misst Lesart
Einkaufsmanagerindex (PMI) Umfrage unter Einkaufsleitern zu Aufträgen, Produktion, Beschäftigung über 50 = Wachstum, unter 50 = Schrumpfung
ifo-Geschäftsklima Umfrage unter rund 9.000 deutschen Unternehmen wichtigster Stimmungsindikator für Deutschland
ZEW-Konjunkturerwartungen Umfrage unter Finanzexperten Erwartungen für die nächsten sechs Monate
Verbrauchervertrauen Stimmung der Haushalte Hinweis auf künftigen Konsum
Auftragseingänge Neue Bestellungen in der Industrie künftige Produktion
Zinskurve Abstand zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen Inversion als Rezessionswarnung

Erwartung schlägt Zahl

Wie bei Unternehmenszahlen gilt auch hier: Märkte reagieren nicht auf die Zahl selbst, sondern auf den Unterschied zur Erwartung. Vor jeder Veröffentlichung sammeln Agenturen die Prognosen von Volkswirten, den sogenannten Konsens. Liegt das Ergebnis genau im Konsens, passiert meist wenig. Eine große Überraschung bewegt die Märkte.

Die Börse ist der Wirtschaft voraus

Aktienkurse spiegeln Erwartungen an künftige Gewinne. Deshalb drehen Märkte oft, bevor sich die Wirtschaftsdaten drehen. Im März 2009 begann eine der längsten Aufwärtsphasen der Geschichte, während Arbeitslosigkeit und Pleiten noch stiegen. Im März 2020 erreichten die Aktienmärkte ihren Tiefpunkt, als die schlimmsten Wirtschaftszahlen der Pandemie noch gar nicht veröffentlicht waren.

Der Wirtschaftskalender

Wichtige Termine stehen lange im Voraus fest. Ein Wirtschaftskalender listet sie mit Uhrzeit, Vorwert und Konsensprognose. Besonders marktbewegend sind:

  • US-Arbeitsmarktbericht (meist erster Freitag im Monat),
  • US-Verbraucherpreise (Mitte des Monats),
  • Zinsentscheidungen von Fed und EZB (je acht Mal im Jahr),
  • Einkaufsmanagerindizes (Monatsanfang, Schnellschätzung zur Monatsmitte),
  • BIP-Schätzungen (vierteljährlich).

Zusammenfassung

Konjunkturdaten beschreiben, wo eine Volkswirtschaft im Zyklus steht. BIP und Arbeitsmarkt zeigen die Lage, Inflationsdaten prägen die Geldpolitik, Frühindikatoren wie der PMI deuten die Richtung an. Märkte reagieren auf Überraschungen gegenüber dem Konsens und nehmen die Wirtschaft vorweg. Wer das versteht, wundert sich nicht mehr, warum gute Nachrichten manchmal Kurse fallen lassen.

Jetzt üben

11 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.

Teste dein Wissen

0/3

01Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie steigt von 47 auf 49. Was bedeutet das?

Werte unter 50 bedeuten Schrumpfung, über 50 Wachstum. Von 47 auf 49 heißt – weniger Unternehmen melden Rückgänge, die Lage bessert sich, aber es wird noch nicht gewachsen.

02Der US-Arbeitsmarktbericht zeigt viel mehr neue Stellen als erwartet. Warum können Aktien trotzdem fallen?

Starke Daten können Sorge vor anhaltender Inflation und höheren Zinsen auslösen. Dann zählt für die Börse nicht die gute Konjunktur, sondern die Zinsperspektive.

03Warum steigt die Börse oft schon, während die Wirtschaft noch in der Rezession steckt?

Aktienkurse spiegeln Erwartungen. Im März 2009 und im März 2020 drehten die Märkte, als die Wirtschaftsdaten noch katastrophal waren.