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Modul 5 · Lektion 5/6

Marktstimmung und Sentiment

Angst und Gier, der VIX, Umfragen und Positionierung – wie man die Stimmung an den Märkten misst, warum Extreme oft Wendepunkte markieren und wo konträres Denken an Grenzen stößt.

4 Min. Lesezeit Fortgeschritten 9 Übungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Kurzfristig werden Kurse stark von Stimmungen getrieben – Angst und Gier schwanken viel stärker als die Unternehmenswerte darunter.
  • Der VIX misst die erwartete Schwankung des S&P 500 und gilt als „Angstbarometer“. Werte über 30 zeigen Stress, über 40 Panik.
  • Ein Angst-und-Gier-Index fasst mehrere Stimmungssignale wie Momentum, Volatilität und Marktbreite zu einer Zahl zusammen.
  • Extreme Stimmung war historisch oft ein konträrer Hinweis – große Angst ging häufig guten Folgerenditen voraus.
  • Stimmung ist kein Timing-Instrument. Märkte können lange übertrieben bleiben.

Kurzfristig ist die Börse eine Abstimmungsmaschine, langfristig eine Waage – so soll es Benjamin Graham formuliert haben. Über Jahre hinweg zählen Gewinne und Cashflows. Über Tage und Wochen dagegen zählt vor allem, wie sich die Anleger fühlen. Diese Stimmung lässt sich messen, und ihre Extreme sind oft lehrreicher als jede Prognose.

Warum Stimmung so stark wirkt

Der Wert eines großen Unternehmens ändert sich von einem Tag auf den anderen kaum. Sein Aktienkurs dagegen kann um 5 oder 10 % springen. Der Unterschied ist Psychologie: Anleger reagieren auf Nachrichten, auf das Verhalten anderer und auf ihre eigenen Gewinne und Verluste. In Aufschwüngen wächst die Zuversicht, bis sie in Übermut umschlägt. In Abschwüngen wächst die Angst, bis sie in Panik umschlägt.

Diese Pendelbewegung ist der Grund, warum Märkte über- und untertreiben – und warum sich Stimmungsmessungen lohnen.

Der VIX: das Angstbarometer

Der VIX (Volatility Index) der Chicago Board Options Exchange wird aus den Preisen von Optionen auf den S&P 500 berechnet. Er zeigt, welche Schwankung Optionshändler für die nächsten 30 Tage erwarten, ausgedrückt als Jahresvolatilität in Prozent.

VIX-Niveau Typische Stimmung
unter 15 Ruhe, Sorglosigkeit
15–20 normal
20–30 erhöhte Nervosität
30–40 Stress
über 40 Panik

Der VIX steigt fast immer, wenn Aktien fallen, weil Anleger dann für Absicherung mehr bezahlen. Seinen höchsten Schlusskurs erreichte er im März 2020 mit über 82, in der Finanzkrise im November 2008 lag er ebenfalls über 80.

Angst und Gier in einer Zahl

Ein Angst-und-Gier-Index (Fear & Greed Index) fasst mehrere Stimmungssignale zu einer Zahl zwischen 0 (extreme Angst) und 100 (extreme Gier) zusammen. Typische Bestandteile sind:

  • Momentum: Wie weit liegt der Markt über oder unter seinem gleitenden Durchschnitt?
  • Volatilität: Wie hoch ist der VIX im Vergleich zu seinem Durchschnitt?
  • Marktbreite: Steigen viele Aktien oder nur wenige große?
  • Neue Hochs und Tiefs: Wie viele Aktien erreichen Jahreshöchst- oder -tiefstkurse?
  • Nachfrage nach sicheren Häfen: Fließt Geld in Anleihen oder Gold?
  • Absicherungsnachfrage: Wie viele Put-Optionen werden im Verhältnis zu Call-Optionen gekauft?

Bekannt ist der Index des Senders CNN. Auf unserer Seite Nachrichten findest du einen eigenen, nach ähnlichen Prinzipien berechneten Stimmungsindikator.

Weitere Stimmungsindikatoren

  • Anlegerumfragen: In den USA befragt die American Association of Individual Investors (AAII) jede Woche Privatanleger, ob sie optimistisch, neutral oder pessimistisch sind.
  • Put-Call-Ratio: Das Verhältnis von gehandelten Verkaufs- zu Kaufoptionen. Hohe Werte zeigen viel Absicherung und Angst.
  • Fondsströme: Fließt Geld in Aktienfonds oder heraus?
  • Positionierung: Wie stark sind Profis bereits investiert? Wie hoch sind die Wertpapierkredite?
  • Medien und Titelseiten: Wenn Börsenthemen die Titelseiten von Publikumsmagazinen erobern, ist die Stimmung oft schon weit fortgeschritten.

Konträr denken – mit Augenmaß

Aus der Stimmung lässt sich eine einfache Regel ableiten: Extreme sind oft Wendepunkte. Wenn alle pessimistisch sind und verkauft haben, gibt es kaum noch Verkäufer, und schon wenig Gutes kann die Kurse heben. Wenn alle optimistisch und voll investiert sind, fehlen neue Käufer, und kleine Enttäuschungen lösen starke Rückschläge aus.

Was du daraus machen kannst

Für langfristige Anleger liegt der größte Nutzen von Stimmungsindikatoren nicht im Timing, sondern im Selbstschutz:

  • Wenn die Stimmung euphorisch ist und du den Drang spürst, alles auf eine heiße Aktie zu setzen, ist das ein guter Moment innezuhalten.
  • Wenn Panik herrscht und du am liebsten alles verkaufen würdest, erinnert dich die Geschichte daran, dass solche Phasen oft die besten Einstiegszeitpunkte waren.
  • Ein fester Plan mit Sparplan und Rebalancing nimmt dir die Entscheidung in emotionalen Momenten ab – und handelt automatisch konträr.

Zusammenfassung

Kurzfristig bewegen Angst und Gier die Märkte stärker als Fundamentaldaten. Der VIX, Angst-und-Gier-Indizes, Umfragen und das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen machen die Stimmung messbar. Extreme waren historisch oft Wendepunkte, aber nie mit verlässlichem Timing. Ihr größter Wert liegt darin, die eigenen Emotionen in Schach zu halten.

Jetzt üben

9 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.

Teste dein Wissen

0/3

01Der VIX steigt von 14 auf 38. Was bedeutet das?

Der VIX wird aus Optionspreisen berechnet und zeigt die erwartete Schwankung der nächsten 30 Tage. Werte um 38 treten typischerweise in Phasen starker Verunsicherung auf.

02Was meinte Warren Buffett mit „Sei gierig, wenn andere ängstlich sind“?

In Angstphasen verkaufen viele Anleger unabhängig vom Wert. Wer dann ruhig bleibt und günstig kauft, wurde historisch oft belohnt – vorausgesetzt, er hält es auch durch, wenn es noch weiter fällt.

03Warum ist extreme Gier am Markt ein Warnsignal?

Wenn fast alle optimistisch und voll investiert sind, fehlt der Nachschub an Käufern. Schon kleine Enttäuschungen können dann starke Rückschläge auslösen.