Hebel, Margin und Hebelprodukte
Wertpapierkredit, Nachschusspflicht, CFDs, Knock-out-Zertifikate und gehebelte ETFs – wie Hebel Gewinne und Verluste vervielfacht und warum die meisten Privatanleger damit Geld verlieren.
Das Wichtigste in Kürze
- Hebel bedeutet, mit geliehenem Geld oder Derivaten eine größere Position zu halten, als das eigene Kapital erlaubt. Gewinne und Verluste werden im selben Maß vervielfacht.
- Beim Wertpapierkredit verlangt der Broker eine Mindest-Sicherheit. Fällt der Wert darunter, folgt ein Margin Call – nachschießen oder zwangsverkaufen.
- CFDs und Knock-out-Zertifikate sind beliebte Hebelprodukte. Laut Pflichtangaben der Anbieter verlieren regelmäßig drei Viertel und mehr der Privatkunden mit CFDs Geld.
- Gehebelte ETFs setzen den Hebel täglich neu. Bei schwankenden Märkten verlieren sie dadurch über die Zeit an Wert, selbst wenn der Index nicht fällt.
- Je höher der Hebel, desto kleiner die Bewegung, die zum Totalverlust führt.
Hebel ist das Werkzeug, das aus kleinen Kursbewegungen große Gewinne macht – und aus kleinen Rückschlägen den Totalverlust. In Werbung und sozialen Medien werden Hebelprodukte gern als Abkürzung zum Reichtum präsentiert. Die Statistik erzählt eine andere Geschichte. Diese Lektion erklärt, wie Hebel funktioniert, welche Produkte es gibt und warum Vorsicht hier keine übertriebene Ängstlichkeit ist.
Was Hebel bedeutet
Mit Hebel hältst du eine größere Position, als dein eigenes Kapital erlaubt. Bei einem Hebel von 5 kontrollierst du mit 1.000 € eine Position von 5.000 €. Jede Bewegung des Basiswerts wirkt dann fünffach auf dein Kapital – nach oben wie nach unten.
Probier es aus:
Die Grafik zeigt eine harte Wahrheit: Der Totalverlust tritt bei einem Rückgang von 100 % ÷ Hebel ein. Bei Hebel 5 sind das 20 %, bei Hebel 20 nur 5 % – eine Bewegung, die ein einzelner Tag bringen kann.
Der Wertpapierkredit
Der klassische Weg zu Hebel ist ein Wertpapierkredit (Margin Loan): Du kaufst Aktien teilweise mit Geld, das dir der Broker leiht, und hinterlegst deine Wertpapiere als Sicherheit.
- Die Anfangsmarge legt fest, welchen Anteil du selbst einbringen musst – in den USA bei Aktien gesetzlich mindestens 50 %.
- Die Erhaltungsmarge ist die Mindestsicherheit, die dauerhaft vorhanden sein muss.
- Fällt der Depotwert so stark, dass die Erhaltungsmarge unterschritten wird, kommt der Margin Call: Du musst Geld nachschießen oder Positionen verkaufen. Reagierst du nicht schnell genug, verkauft der Broker selbst – oft mitten im Kursrutsch.
Hebelprodukte für Privatanleger
CFDs
Ein CFD (Contract for Difference) ist ein Vertrag mit einem Broker über die Kursdifferenz eines Basiswerts. Du besitzt die Aktie nicht, sondern wettest mit dem Anbieter auf ihre Bewegung, meist mit hohem Hebel.
Weil Privatanleger damit massenhaft Geld verloren haben, hat die EU-Wertpapieraufsicht ESMA 2018 Regeln eingeführt: Der Hebel für Privatkunden ist begrenzt – auf 30:1 bei wichtigen Währungspaaren, 20:1 bei großen Indizes und Gold, 5:1 bei Einzelaktien und 2:1 bei Kryptowährungen. Verluste über das eingezahlte Geld hinaus sind ausgeschlossen. Und Anbieter müssen offenlegen, wie viele Privatkonten Geld verlieren. Die Quoten liegen regelmäßig bei 70 bis 80 % und mehr.
Knock-out-Zertifikate und Optionsscheine
Im deutschsprachigen Raum sind Knock-out-Zertifikate (auch Turbos) sehr beliebt. Sie bilden einen Basiswert mit Hebel ab und haben eine Knock-out-Schwelle: Berührt der Kurs diese Schwelle, verfällt das Zertifikat sofort – meist nahezu wertlos. Der Hebel entsteht, weil der Emittent den Großteil der Position finanziert.
Optionsscheine sind verbriefte Optionen, die von Banken herausgegeben werden. Ihr Preis hängt zusätzlich von Restlaufzeit und Volatilität ab, was sie schwerer durchschaubar macht. Mehr dazu in den Lektionen über Optionen.
Gehebelte und inverse ETFs
Gehebelte ETFs versprechen das Zwei- oder Dreifache der täglichen Indexrendite, inverse („Short“-)ETFs das Gegenteil. Das Wort „täglich“ ist entscheidend: Der Hebel wird jeden Tag neu eingestellt. Über längere Zeiträume weicht die Rendite deshalb stark vom einfachen Vielfachen des Index ab.
Warum die meisten mit Hebel verlieren
Die Gründe sind nicht mysteriös:
- Kosten: Finanzierungskosten, Spreads und Aufgelder fallen bei jedem Trade an und summieren sich.
- Asymmetrie: Ein großer Verlust kann das Kapital vernichten, bevor sich eine richtige Einschätzung auszahlen kann.
- Zeitpunkt: Mit Hebel reicht es nicht, langfristig recht zu haben. Man muss auch kurzfristig recht haben, weil Zwischentiefs zum Knock-out oder Margin Call führen.
- Psychologie: Hohe Schwankungen des eigenen Kontos führen zu emotionalen Entscheidungen.
Zusammenfassung
Hebel vervielfacht Gewinne und Verluste. Beim Wertpapierkredit drohen Margin Calls, bei Knock-out-Zertifikaten der Verfall an der Schwelle, bei CFDs der schnelle Totalverlust, bei gehebelten ETFs der schleichende Volatilitätsverlust. Die offengelegten Verlustquoten zeigen, dass die große Mehrheit der Privatanleger mit Hebelprodukten Geld verliert. Wer Hebel versteht, setzt ihn sparsam ein – oder gar nicht.
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Teste dein Wissen
0/301Du handelst mit einem Hebel von 10. Wie weit muss der Basiswert fallen, damit dein Einsatz komplett verloren ist?
02Ein Index steigt an Tag 1 um 10 % und fällt an Tag 2 um 10 %. Was passiert mit einem täglich zweifach gehebelten ETF?
03Was ist ein Margin Call?