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Modul 6 · Lektion 2/6

Leerverkäufe

Wie man auf fallende Kurse setzt, was ein Leerverkauf kostet, warum das Verlustrisiko theoretisch unbegrenzt ist und was bei einem Short Squeeze passiert.

4 Min. Lesezeit Profi 10 Übungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei einem Leerverkauf leiht man sich Aktien, verkauft sie und hofft, sie später günstiger zurückkaufen zu können.
  • Der maximale Gewinn ist begrenzt (auf 100 % des Verkaufserlöses), der mögliche Verlust ist theoretisch unbegrenzt.
  • Leerverkäufer zahlen eine Leihgebühr und müssen dem Verleiher Dividenden ausgleichen.
  • Bei einem Short Squeeze müssen viele Leerverkäufer gleichzeitig zurückkaufen und treiben den Kurs explosionsartig nach oben.
  • Leerverkäufer spielen eine wichtige Rolle bei der Preisfindung und haben mehrfach Bilanzbetrug aufgedeckt.

Die meisten Anleger verdienen nur, wenn Kurse steigen. Doch es gibt auch den umgekehrten Weg: auf fallende Kurse setzen. Das bekannteste Instrument dafür ist der Leerverkauf. Er klingt paradox – man verkauft etwas, das man nicht besitzt –, ist aber ein fester Bestandteil der Marktmechanik. Und er birgt Risiken, die man genau kennen sollte.

Wie ein Leerverkauf funktioniert

Bei einem Leerverkauf (Short Selling) laufen drei Schritte ab:

Ablauf eines Leerverkaufs 1 · Leihen 100 Aktien vomBroker leihen Leihgebühr läuft 2 · Verkaufen sofort zu 50 €verkaufen +5.000 € 3 · Zurückkaufen später zu 40 € kaufenund zurückgeben −4.000 € Gewinn vor Kosten: 1.000 € · Steigt die Aktie stattdessen, entsteht ein Verlust
Erst verkaufen, später kaufen. Der Leerverkäufer verdient an der Differenz – wenn der Kurs fällt.
  1. Leihen: Der Broker leiht dir Aktien, meist aus den Beständen anderer Kunden oder institutioneller Anleger (Wertpapierleihe).
  2. Verkaufen: Du verkaufst die geliehenen Aktien sofort am Markt und erhältst den Erlös.
  3. Zurückkaufen (Eindecken): Später kaufst du die Aktien zurück und gibst sie dem Verleiher zurück. Ist der Kurs gefallen, behältst du die Differenz.

Leerverkäufe laufen über ein Wertpapierkreditkonto (Margin Account). Der Broker verlangt Sicherheiten und kann Nachschüsse fordern, wenn der Kurs gegen dich läuft.

Die Kosten

  • Leihgebühr: Für das Ausleihen zahlst du eine Gebühr, meist ein Prozentsatz pro Jahr. Bei großen, leicht verfügbaren Aktien ist sie gering; bei Aktien, die viele leerverkaufen wollen, kann sie auf 20, 50 oder mehr Prozent pro Jahr steigen.
  • Dividenden: Schüttet das Unternehmen während der Leihe eine Dividende aus, musst du sie dem Verleiher ersetzen.
  • Rückruf: Der Verleiher kann seine Aktien jederzeit zurückfordern. Findet der Broker keinen Ersatz, musst du womöglich zu einem ungünstigen Zeitpunkt eindecken.

Das asymmetrische Risiko

Der wichtigste Unterschied zum normalen Aktienkauf liegt in der Risikoverteilung:

Kauf (Long) Leerverkauf (Short)
Maximaler Gewinn unbegrenzt 100 % (Aktie fällt auf null)
Maximaler Verlust 100 % (Aktie fällt auf null) theoretisch unbegrenzt
Laufende Kosten keine Leihgebühr, Dividendenausgleich
Rückenwind Märkte steigen langfristig Märkte steigen langfristig – gegen dich

Hinzu kommt: Weil Aktienmärkte langfristig steigen, arbeitet die Zeit gegen den Leerverkäufer. Wer dauerhaft short ist, muss nicht nur recht haben, sondern auch das richtige Timing treffen.

Der Short Squeeze

Wenn viele Anleger dieselbe Aktie leerverkauft haben und der Kurs plötzlich steigt, geraten sie unter Druck: Verluste wachsen, Broker fordern Sicherheiten, Leihgebühren steigen. Um ihre Verluste zu begrenzen, kaufen sie zurück – und genau diese Käufe treiben den Kurs weiter nach oben. Diese Kettenreaktion heißt Short Squeeze.

Kennzahlen, mit denen man das Squeeze-Risiko einschätzt, sind das Short Interest (der Anteil leerverkaufter Aktien am Streubesitz) und die Days to Cover (wie viele Tage durchschnittlichen Handels nötig wären, um alle Leerverkäufe einzudecken).

Wozu Leerverkäufer gut sind

Leerverkäufer haben einen schlechten Ruf, weil sie an fallenden Kursen verdienen. Für den Markt erfüllen sie aber wichtige Aufgaben:

  • Preisfindung: Ohne Leerverkäufer könnten nur Optimisten ihre Meinung handeln. Überbewertungen würden länger bestehen.
  • Liquidität: Leerverkäufer erhöhen das Angebot und damit die Handelbarkeit.
  • Betrugsaufdeckung: Spezialisierte Leerverkäufer recherchieren oft tief in Bilanzen. Bei Wirecard gehörten Leerverkäufer und Journalisten der Financial Times zu den frühen Kritikern – die deutsche Finanzaufsicht verhängte 2019 sogar ein vorübergehendes Leerverkaufsverbot für die Aktie, bevor sich die Vorwürfe als berechtigt herausstellten.

Regulierung

In der EU sind ungedeckte Leerverkäufe (Verkäufe ohne vorher gesicherte Leihe) von Aktien grundsätzlich verboten. Netto-Leerverkaufspositionen ab 0,1 % des Aktienkapitals müssen der Aufsicht gemeldet, ab 0,5 % öffentlich gemacht werden. In Krisen können Aufsichtsbehörden Leerverkäufe zeitweise ganz untersagen.

Zusammenfassung

Beim Leerverkauf leiht man Aktien, verkauft sie und kauft sie später hoffentlich günstiger zurück. Der Gewinn ist begrenzt, der Verlust theoretisch unbegrenzt, und Leihgebühren und Dividenden kosten laufend Geld. Short Squeezes können Kurse explodieren lassen. Für den Markt sind Leerverkäufer wichtig, für die meisten Privatanleger sind sie ein Werkzeug, das man besser versteht als benutzt.

Jetzt üben

10 kurze Aufgaben zu dieser Lektion – Fehler kommen am Ende nochmal dran. Danach ist die Lektion abgeschlossen und landet in deiner Wiederholung.

Teste dein Wissen

0/3

01Du verkaufst 100 geliehene Aktien zu 50 € leer. Die Aktie steigt auf 80 €. Wie hoch ist dein Verlust vor Kosten, wenn du jetzt zurückkaufst?

Du hast 5.000 € eingenommen und musst nun 8.000 € für den Rückkauf zahlen. Der Verlust beträgt 3.000 € – 60 % des ursprünglichen Verkaufswerts. Und er könnte weiter wachsen.

02Warum ist das Verlustrisiko beim Leerverkauf theoretisch unbegrenzt?

Eine Aktie kann höchstens auf null fallen, aber beliebig hoch steigen. Entsprechend ist der Gewinn eines Leerverkäufers begrenzt, sein möglicher Verlust nicht.

03Was löste im Januar 2021 den Kurssprung der GameStop-Aktie aus?

Mehr als 100 % des Streubesitzes waren leerverkauft. Als Privatanleger massiv kauften, mussten Leerverkäufer zurückkaufen – das trieb den Kurs innerhalb weniger Wochen um ein Vielfaches nach oben.