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Am 4. Juni 2026 tat Blackstone etwas, das der Konzern in fünf Jahren nie getan hatte: Er verriegelte die Tür. Anleger des 79 Milliarden Dollar schweren BCRED-Fonds wollten zehn Prozent ihres Geldes zurück — sie bekamen fünf. Kein Kreditausfall, keine Pleitewelle, kein Betrugsskandal. Nur die simple Frage, was diese Kredite eigentlich wert sind. Genau dort beginnt das Problem eines Marktes, der auf zwei Billionen Dollar angewachsen ist, ohne je eine echte Rezession erlebt zu haben.
Was am 4. Juni wirklich passierte — und was nicht
Der Blackstone Private Credit Fund, kurz BCRED, ist das Flaggschiff der Branche: der größte nicht börsennotierte Business Development Company (BDC) der Welt. Anfang Juni kappte Blackstone erstmals in der Geschichte des Fonds die Rückgaben bei fünf Prozent der Anteile pro Quartal — obwohl Anleger rund 4,4 Milliarden Dollar oder zehn Prozent zurückverlangten. Wer aussteigen wollte, bekam die Hälfte und musste warten.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Sperre selbst. Sie ist vertraglich vorgesehen und war immer Teil des Prospekts. Bemerkenswert ist, was ein Quartal zuvor geschah: Im ersten Quartal 2026 hatten Anleger 7,9 Prozent zurückverlangt — rund 3,7 Milliarden Dollar. Blackstone hob damals das Rückgabelimit von fünf auf sieben Prozent an und schoss zusätzlich 400 Millionen Dollar eigenes Geld sowie Kapital von Mitarbeitern über einen Feeder-Fonds für Nicht-US-Anleger nach. Das entsprach etwa 0,9 Prozent der ausstehenden Anteile und drückte die Netto-Rückgaben auf sieben Prozent — gerade so weit, dass jeder Rückgabewunsch vollständig bedient werden konnte. Blackstone betonte, das sei „von der Struktur des Rückkaufangebots getrieben, nicht von Beschränkungen der Liquidität von BCRED“. Der Fonds verfügte zum Jahresende über acht Milliarden Dollar verfügbare Liquidität und sammelte im ersten Quartal noch zwei Milliarden Dollar frisches Geld ein.
Ein Quartal später war dieser Weg nicht mehr gangbar. Die Rückgabewünsche stiegen von 7,9 auf zehn Prozent, das Vermögen schrumpfte von 82 auf 79 Milliarden Dollar — und Blackstone entschied sich, das Limit diesmal durchzusetzen. Wer die beiden Quartale nebeneinanderlegt, sieht keine Kreditkrise. Er sieht, wie ein Manager erst mit eigenem Geld gegenhält und dann aufhört. Und das ist eine Information über die Struktur, nicht über die Kredite.
BCRED war dabei nicht allein. Blue Owl fror Rückgaben in einem retailorientierten Kreditfonds ein, Morgan Stanley begrenzte Rückgaben in seinem sieben Milliarden Dollar schweren Privatkreditfonds, und Partners Group deckelte Abflüsse in einem Private-Equity-Vehikel. Die Aktien der großen Alternative-Manager gaben quer durch die Bank nach.
Was Private Credit überhaupt ist — und warum es so groß wurde
Das Financial Stability Board (FSB), das Gremium der internationalen Finanzaufseher, hat am 6. Mai 2026 einen Bericht zu Verwundbarkeiten in Private Credit vorgelegt. Die dort verwendete enge Definition ist nützlich: Private Credit ist die direkte Kreditvergabe von Nichtbanken an mittelgroße Unternehmen, bilateral verhandelt. Kein Emissionsprospekt, keine Börse, kein täglicher Kurs. Ein Fonds leiht einem Unternehmen Geld, hält den Kredit bis zur Fälligkeit und bewertet ihn selbst.
Die Größe schätzt das FSB zum Jahresende 2024 auf 1,5 bis 2 Billionen Dollar. Damit ist Private Credit ungefähr so groß wie der institutionelle Markt für Leveraged Loans (etwa 1,5 bis 1,7 Billionen Dollar) und wie der öffentliche Hochzinsanleihenmarkt (rund 2 Billionen Dollar). Rund eine Billion entfällt auf die USA, danach folgen die Eurozone und Großbritannien. Die europäische Aufsichtsbehörde ESRB bezifferte das Nettovermögen europäischer Private-Debt-Fonds auf 337 Milliarden Euro.
Das Wachstum ist der eigentliche Punkt. Laut FSB hat sich der US-Markt seit 2019 verdreifacht. In der Eurozone lag das durchschnittliche jährliche Wachstum über das vergangene Jahrzehnt bei 13 Prozent, in Großbritannien bei 17 und in Kanada bei 16 Prozent in den letzten fünf Jahren. Die Treiber: strengere Bankenregulierung nach 2008 drängte Kredite aus den Bankbilanzen, Private-Equity-Firmen brauchten verlässliche Übernahmefinanzierung, und Anleger jagten in der Niedrigzinsphase jede Rendite mit einem Aufschlag.
Nichts davon ist per se ungesund. Private Credit finanziert Unternehmen, die für eine Anleiheemission zu klein und für eine Bank zu speziell sind. Die Kredite sind meist erstrangig besichert, mit Covenants ausgestattet und variabel verzinst. Das FSB hält ausdrücklich fest, dass Private Credit die Risikokonzentration im Bankensektor senken und die Widerstandsfähigkeit des Systems erhöhen kann. Der Satz, der zählt, steht zwei Absätze weiter: Private Credit sei „einem längeren wirtschaftlichen Abschwung ungetestet“ ausgesetzt.
Die Maschine: Wie ein BDC Geld verdient
Um zu verstehen, warum die Struktur wackelt, muss man die Mechanik kennen. Ein BDC sammelt Eigenkapital ein, nimmt zusätzlich Fremdkapital auf — üblich ist etwa ein Verhältnis von eins zu eins — und vergibt damit Kredite zu variablen Zinsen. Die Differenz zwischen Kreditzins und Finanzierungskosten ist der Rohertrag. Davon gehen eine Verwaltungsgebühr auf das Bruttovermögen und eine Erfolgsbeteiligung auf die Erträge ab. Der Rest fließt als Ausschüttung an die Anleger.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens wird die Verwaltungsgebühr meist auf das Bruttovermögen berechnet, also inklusive der geliehenen Mittel — der Manager verdient mehr, wenn er mehr Hebel einsetzt. Zweitens hängt die Erfolgsbeteiligung an den verbuchten Erträgen, nicht an den zugeflossenen Zahlungen. Ein Kredit, dessen Zinsen nicht bar fließen, sondern dem Kreditbetrag zugeschlagen werden, produziert weiterhin Ertrag auf dem Papier — und damit weiterhin Gebühren. Wir kommen darauf zurück.
Der Hebel ist zudem nicht auf eine Ebene beschränkt. Das FSB beschreibt eine Schichtung: Schulden im Portfoliounternehmen selbst, Schulden im Kreditfonds, Schulden auf Ebene des Sponsors und schließlich Kredite, mit denen Anleger ihre Fondsanteile finanzieren. Jede Lage ist für sich moderat. Übereinandergelegt verstärken sie Verluste im Stressfall.
Der Konstruktionsfehler: illiquide Kredite in halbliquiden Hüllen
Klassische Private-Credit-Fonds waren geschlossen. Man band sein Geld für zehn Jahre, dafür gab es einen Illiquiditätsaufschlag. Das ist ein ehrlicher Handel: Der Anleger kann nicht raus, also muss der Manager nie verkaufen, und niemand muss den Kredit unter Druck bewerten.
Der Verkaufserfolg der letzten Jahre beruhte darauf, diesen Handel aufzuweichen. Nicht börsennotierte BDCs, Intervallfonds und in Europa ELTIFs bieten monatliche Zeichnung und quartalsweise Rückgabe — auf Vermögenswerte, die sich in Wochen nicht verkaufen lassen. Genau das nennt das FSB eine Liquiditätsinkongruenz und listet sie unter den Verwundbarkeiten, zusammen mit der Feststellung, dass Privatanleger zunehmend in diesen Vehikeln landen.
Der Punkt ist nicht, dass die Sperre versagt hätte. Sie hat funktioniert — sie hat den Fonds davor bewahrt, Kredite unter Wert zu verramschen, um Aussteiger zu bedienen. Der Punkt ist, was die Sperre über die Erwartung verrät, die verkauft wurde. Ein Anleger, der ein Produkt mit vierteljährlicher Rückgabe kauft, glaubt in der Regel, er könne vierteljährlich raus. Er kann es — solange nicht zu viele gleichzeitig dasselbe wollen. Das ist die Definition eines Bankruns in Zeitlupe, nur eben vertraglich vorgesehen und darum kein Skandal.
Die 24-Prozent-Frage: Wenn der Markt dem Manager nicht glaubt
Bei einem nicht börsennotierten Fonds gibt es nur eine Meinung darüber, was das Portfolio wert ist: die des Managers. Bei börsennotierten BDCs gibt es zwei. Und genau hier wird es interessant.
Blue Owl Capital Corporation (Kürzel OBDC) meldete zum 31. März 2026 einen Nettoinventarwert von 14,41 Dollar je Aktie — nach 14,81 Dollar zum 31. Dezember 2025. Als Grund nannte das Unternehmen ausdrücklich die Ausweitung der Kreditaufschläge im Portfolio. An der Börse kostete dieselbe Aktie am 14. Juli 2026 genau 10,99 Dollar. Das sind rund 24 Prozent unter dem Wert, den der Manager seinen eigenen Krediten zuschreibt.
| Kennzahl | Wert | Aussage |
|---|---|---|
| NAV je Aktie (31.03.2026) | 14,41 $ | Bewertung durch den Manager |
| NAV je Aktie (31.12.2025) | 14,81 $ | Rückgang durch Spread-Ausweitung |
| Börsenkurs (14.07.2026) | 10,99 $ | Bewertung durch den Markt |
| Abschlag auf NAV | rund 24 % | Die Meinungsverschiedenheit |
| Dividendenrendite | 11,6 % | Preis oder Warnsignal |
| 52-Wochen-Spanne | 10,52–15,19 $ | Kurs nahe dem Tief |
Zwei Lesarten sind möglich. Erstens: Der Markt übertreibt. Börsennotierte BDCs handeln in Stressphasen regelmäßig unter Buchwert, weil Anleger die gesamte Anlageklasse abstoßen, nicht weil sie einzelne Kredite bewerten. Dann ist der Abschlag eine Chance. Zweitens: Der Markt hat recht und die Bücher hinken hinterher. Dann ist der Abschlag eine Vorhersage.
Wer das entscheiden will, sollte sich ansehen, wie schnell die Bücher überhaupt reagieren können. Das FSB schreibt, Bewertungen in Private Credit erfolgten „weniger häufig und können erheblichen Ermessensspielraum beinhalten, was die Unsicherheit in Stresszeiten verstärken kann“. Ein Kredit ohne Marktpreis wird nach Modell bewertet. Das Modell nutzt Annahmen. Die Annahmen wählt der Manager, dessen Gebühr am Ergebnis hängt. Das muss keine böse Absicht sein — es reicht, dass Menschen bei Ermessensentscheidungen dazu neigen, die für sie günstigere Variante zu wählen.
Immerhin: Der OBDC-Rückgang von 14,81 auf 14,41 Dollar zeigt, dass die Bücher sich bewegen. Sie bewegen sich nur langsamer als der Kurs.
Wie schlecht sind die Kredite wirklich? Drei Zahlen, drei Wahrheiten
Hier wird es unübersichtlich — und diese Unübersichtlichkeit ist selbst das Ergebnis. Je nachdem, wen man fragt, liegt die Ausfallrate in der direkten Kreditvergabe zwischen 2,3 und 8 Prozent.
| Quelle / Maß | Rate | Was gezählt wird |
|---|---|---|
| KBRA DLD Direct Lending Index (Mitte Juni 2026) | 2,3 % | Ausfälle nach enger Definition, rollierend 12 Monate |
| KBRA-Prognose Ende 2026 | 3,5 % | Fortschreibung des Trends |
| Moody’s Spanne 2025 | 1,6–4,7 % | je nachdem, ob Distressed Exchanges mitzählen |
| Morgan Stanley (aktuell) | rund 5,6 % | breiteres Maß inkl. Restrukturierungen |
| Morgan Stanley (Warnung) | bis 8 % | wenn sich der Trend fortsetzt |
Der Unterschied zwischen 2,3 und 5,6 Prozent ist keine Rechenpanne, sondern eine Definitionsfrage. Wenn ein Kreditnehmer nicht zahlen kann und der Kreditgeber ihm entgegenkommt — Laufzeit verlängern, Zinsen stunden, Schulden gegen Eigenkapital tauschen —, dann ist das formal kein Ausfall. Es ist ein „Distressed Exchange“, eine notleidende Umschuldung. Moody’s beziffert deren Anteil an allen Ausfällen des Jahres 2025 auf rund 65 Prozent. Zwei Drittel der Probleme erscheinen also nur dann in der Statistik, wenn man das breitere Maß nimmt.
Ein Indikator ist dagegen schwer zu manipulieren: die Non-Accrual-Quote, also der Anteil der Kredite, bei denen der Fonds die Zinsvereinnahmung einstellt, weil er nicht mehr mit Zahlung rechnet. Über börsennotierte und nicht börsennotierte BDCs hinweg stieg dieser gewichtete Durchschnitt im ersten Quartal 2026 auf 1,99 Prozent, nach 1,42 Prozent im vierten Quartal 2025. Das ist in einem Quartal ein Anstieg um gut 40 Prozent relativ — von einem niedrigen Niveau, aber unzweideutig in eine Richtung. Passend dazu überstieg das modellierte Ausfallrisiko börsennotierter BDCs im März 2026 laut Moody’s jenes von Baa-gerateten Unternehmensanleihen so deutlich wie seit der Normalisierung nach der Pandemie nicht mehr.
PIK: Wie man einen Ausfall in die Zukunft verschiebt
Von allen Kennzahlen der Branche ist eine besonders aufschlussreich: PIK, kurz für „Payment-in-Kind“. Ein Kreditnehmer, der die Barzinsen nicht stemmen kann, darf sie stattdessen dem Kreditbetrag zuschlagen. Die Schuld wächst, Geld fließt keines. Der Fonds verbucht trotzdem Ertrag — und der Manager verdient darauf seine Erfolgsbeteiligung.
Bei börsennotierten BDCs stammen im Schnitt rund acht Prozent der Kapitalerträge aus PIK, Tendenz steigend. Das FSB formuliert vorsichtig, manche Kreditnehmer schienen sich stärker auf PIK-Kredite zu stützen, was „auf sich verschlechternde Kreditbedingungen hindeuten kann“. Eine Untersuchung von BDC-Krediten fand konkreter: Das Vorhandensein eines PIK-Toggles geht mit einer um ein bis zwei Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit einher, dass der Kredit im Folgequartal ausfällt — gegenüber einer unbedingten Wahrscheinlichkeit von rund drei Prozent. Das ist eine Erhöhung um bis zu zwei Drittel.
Der ökonomische Kern: PIK verwandelt ein Liquiditätsproblem in ein Solvenzproblem und kauft dafür Zeit. Manchmal ist das vernünftig — ein zyklisches Tief zu überbrücken ist besser, als ein gesundes Unternehmen zu zerschlagen. Manchmal ist es das Gegenteil: Ein Kredit, der still weiterwächst, während der Ertrag Gebühren produziert, wird nicht besser. Er wird nur später sichtbar. Wer BDCs analysiert, sollte den PIK-Anteil am Kapitalertrag über mehrere Quartale verfolgen. Steigt er, während die Non-Accruals ebenfalls steigen, ist die Botschaft eindeutig.
Die Bankenfrage: Wie ansteckend ist das?
Die entscheidende Frage für alle anderen Anleger lautet: Bleibt das in der Anlageklasse, oder greift es über? Das FSB kommt zu einem beruhigenden Zwischenergebnis mit einem unbequemen Zusatz. Die direkte Kreditvergabe von Banken an Private-Credit-Fonds erfolgt überwiegend über Kreditlinien und ist relativ klein: Daten der Mitgliedsländer erfassen rund 220 Milliarden Dollar an gezogenen und ungezogenen Linien. Gemessen an den Bilanzsummen und dem Kernkapital der Banken ist das wenig.
Der Zusatz: Kommerzielle Datenquellen legen nahe, die tatsächlichen Beträge könnten „mehr als doppelt so hoch“ liegen. Anders gesagt — die Aufseher wissen nicht genau, wie groß das Engagement ist. Das FSB nennt darüber hinaus Verbindungen, die in keiner Kreditlinien-Statistik auftauchen: Fondsfinanzierungen in verbriefter Form, Banken, die Betriebsmittellinien an genau jene Firmen geben, die parallel bei Kreditfonds verschuldet sind, sowie immer engere Partnerschaften zwischen Banken und Vermögensverwaltern. Dazu kommen Versicherer, die Private Credit wegen der Illiquiditätsprämie und der langen Laufzeiten schätzen, und Private-Equity-Häuser, die Versicherer kaufen, die dann in Private Credit investieren. Das FSB nennt das „schwer zu entdeckende Risikonester“.
Der Blick auf die weiter gefasste Kategorie ist ernüchternder. US-Banken hielten Anfang 2025 rund 1,14 Billionen Dollar an Krediten an Nichtbank-Finanzinstitute — 2010 waren es 250 Milliarden. Bei den sechs größten Häusern macht diese Kategorie über sechs Prozent der Bilanzsumme aus. Die Federal Reserve hat in ihrem Stresstest 2025 erstmals ein eigenes Szenario für Nichtbank-Finanzintermediäre modelliert. Private Credit im engen Sinn ist davon nur ein Ausschnitt — aber die Richtung stimmt nachdenklich.
Drei Szenarien bis Ende 2027
| Szenario | Auslöser | Folgen | Wer gewinnt / verliert |
|---|---|---|---|
| Verdauung wahrscheinlichstes | Konjunktur hält, Ausfälle laufen auf die prognostizierten 3,5 % zu, Rückgaben ebben ab | Abschläge auf NAV verengen sich, Rückgabesperren laufen aus, Wachstum verlangsamt sich statt umzukehren | Börsennotierte BDCs mit Abschlag holen auf; Manager-Aktien erholen sich teilweise |
| Langsame Auszehrung | Wachstum unter Trend, PIK-Anteil und Non-Accruals steigen weiter, NAV wird schrittweise nach unten korrigiert | Bücher nähern sich über Quartale den Kursen an, nicht umgekehrt; Ausschüttungen werden gekürzt; Retail-Zuflüsse versiegen | Gebühreneinnahmen sinken mit dem Vermögen; erstrangig besicherte Portfolios halten sich besser |
| Echter Test | Rezession; Ausfälle Richtung 8 %; mehrere Vehikel sperren gleichzeitig | Notverkäufe von Krediten erzeugen erstmals Marktpreise — und die liegen unter den Modellwerten; Ansteckung über Versicherer und Fondsfinanzierung | Manager mit hohem Anteil halbliquider Retail-Gelder am stärksten getroffen; Banken mit Fondsfinanzierung im Fokus |
Das mittlere Szenario verdient die meiste Aufmerksamkeit, weil es das langweiligste ist. Ein Markt, der nicht kracht, sondern über zwei Jahre still an Wert verliert, produziert keine Schlagzeilen — aber genau in ihm verlieren Anleger Geld, die auf eine schnelle Erholung des Abschlags gesetzt haben.
Was das für europäische Anleger heißt — die Retail-Welle kommt genau jetzt
Und hier liegt die eigentliche Pointe für Leser in Deutschland und Österreich. Während US-Privatanleger gerade erleben, was eine Rückgabesperre in einem halbliquiden Kreditvehikel bedeutet, wird dieselbe Produktkategorie in Europa erst richtig ausgerollt.
Das Vehikel heißt ELTIF, European Long-Term Investment Fund. Die Reform ELTIF 2.0 hat die zulässigen Vermögenswerte erweitert — Private Credit ausdrücklich eingeschlossen —, die Vertriebshürden gesenkt und die Mindestanlagesummen abgeschafft, die den Zugang früher auf Vermögende beschränkten. Herausgekommen sind Evergreen-Fonds mit monatlicher Zeichnung und quartalsweiser Rückgabe. Das ist strukturell dasselbe Versprechen, das BCRED im Juni einlösen musste und nur zur Hälfte einlösen konnte.
Die Produkte sind längst da. Der Muzinich European Private Credit ELTIF ist in Österreich und Deutschland zum Vertrieb zugelassen, mit einer Mindestanlage von 1.000 Euro. Invesco hat einen Private-Credit-ELTIF aufgelegt, der unter anderem nach Österreich und Deutschland gepasst ist; PGIM, Carlyle und Goldman Sachs Asset Management bespielen dieselbe Nische. Europäische halbliquide ELTIFs verwalten inzwischen über 20 Milliarden Euro — mit deutlichem Wachstum für 2026.
Das ist kein Argument gegen ELTIFs. Es ist ein Argument dafür, das Kleingedruckte zu einer bestimmten Stelle zu lesen. Drei Fragen sollte man vor der Zeichnung beantworten können:
Erstens: Wie hoch ist das Rückgabelimit — und pro welchem Zeitraum? Üblich sind fünf Prozent des Fondsvermögens pro Quartal. Bei einer Sperre wird anteilig zugeteilt: Wer 10.000 Euro zurückgeben will und alle anderen wollen dasselbe, bekommt eben nicht 10.000 Euro. Genau das ist BCRED-Anlegern im Juni passiert.
Zweitens: Wie oft und von wem wird bewertet? Ein Portfolio ohne Marktpreise ist nur so gut wie sein Bewertungsprozess. Wer bewertet — der Manager selbst oder ein unabhängiger Dritter? In welchem Rhythmus? Das FSB weist zudem darauf hin, dass Ratings in Private Credit teils von kleineren, weniger bekannten Agenturen stammen und genutzt werden, um Versicherer anzuziehen, die für regulatorische Zwecke auf Ratings angewiesen sind.
Drittens — und für Österreicher entscheidend: Ist der Fonds ein Meldefonds? Meldet ein Fonds seine Erträge nicht an die Oesterreichische Kontrollbank, greift die pauschale Besteuerung für Nicht-Meldefonds, die regelmäßig teurer ausfällt als die reguläre KESt von 27,5 Prozent auf Kapitalerträge. Bei neu aufgelegten ELTIFs ist das kein Detail, sondern eine Renditefrage. In Deutschland unterliegen Erträge der Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag, in Summe rund 26,375 Prozent zuzüglich etwaiger Kirchensteuer. Eine Teilfreistellung wie bei Aktienfonds gibt es für kreditbasierte Fonds in aller Regel nicht — die Vorabpauschale bei thesaurierenden Konstruktionen sollte man ebenfalls eingeplant haben.
Der Umweg über die Börse
Wer das Thema für interessant hält, aber keine Rückgabesperre unterschreiben möchte, hat eine Alternative, die in der Beratung selten auftaucht: die börsennotierte Variante. Börsennotierte BDCs und die Aktien der Manager selbst bilden dasselbe wirtschaftliche Risiko ab — nur mit einem täglichen Kurs und einem Verkaufsknopf, der immer funktioniert.
| Titel | Kurs (14.07.2026) | 52-Wochen-Spanne | Rendite | Charakter |
|---|---|---|---|---|
| Blue Owl Capital (OWL) | 9,62 $ | 7,95–21,08 $ | 9,9 % | Manager, am stärksten von halbliquidem Retail-Geld abhängig; seit Jahresbeginn rund 50 % im Minus |
| Blue Owl Capital Corp. (OBDC) | 10,99 $ | 10,52–15,19 $ | 11,6 % | Das Kreditportfolio selbst, mit rund 24 % Abschlag auf den NAV |
| Ares Management (ARES) | 120,30 $ | 95,80–195,26 $ | 4,5 % | Breiter aufgestellter Manager, KGV (erwartet) rund 19 |
| Blackstone (BX) | 124,56 $ | 101,73–190,09 $ | 3,8 % | Am breitesten diversifiziert, Private Credit nur ein Standbein; KGV (erwartet) rund 20 |
Die Spreizung erzählt die Geschichte. Blue Owl, dessen Geschäftsmodell am engsten an dem halbliquiden Retail-Kanal hängt, der gerade unter Druck steht, hat seit Jahresbeginn rund die Hälfte verloren und notiert nahe dem Mehrjahrestief. Blackstone, das Private Credit neben Immobilien, Private Equity und Infrastruktur betreibt, notiert rund ein Drittel unter dem Hoch. Der Markt differenziert also durchaus — er wirft nicht alles in einen Topf.
Ein Gegenargument gehört fairerweise dazu: Gebühreneinnahmen sind für die Manager stabiler als die Kurse vermuten lassen. Ein großer Teil des verwalteten Vermögens sitzt in geschlossenen institutionellen Fonds, die gar nicht zurückgegeben werden können. Wer Blue Owl auf dem heutigen Niveau kauft, wettet darauf, dass der Markt einen Kanal — den Retail-Kanal — mit dem ganzen Unternehmen verwechselt. Das kann aufgehen. Es setzt aber voraus, dass die Rückgabewelle abebbt, bevor sie das verwaltete Vermögen dauerhaft schrumpfen lässt, denn die Gebühr hängt am Vermögen.
Fazit: Ein Liquiditätstest, noch keine Kreditkrise
Sortieren wir die Fakten. Was bisher passiert ist, ist ein Liquiditätsereignis, kein Kreditereignis. Anleger wollten aussteigen, die Strukturen ließen es nur begrenzt zu, die Strukturen funktionierten wie vorgesehen. Die Kreditqualität verschlechtert sich messbar — Non-Accruals von 1,42 auf 1,99 Prozent, steigender PIK-Anteil, Ausfälle je nach Maß zwischen 2,3 und 5,6 Prozent —, aber sie ist von einer Krise weit entfernt. Eine Ausfallrate von 2,3 Prozent bei überwiegend erstrangig besicherten Krediten ist kein Notfall.
Das eigentliche Ergebnis dieses Halbjahres ist ein anderes: Wir haben erfahren, dass es zwei Preise gibt. Der eine steht im Quartalsbericht, der andere an der Börse, und sie liegen bei OBDC rund 24 Prozent auseinander. Welcher recht behält, entscheidet sich nicht in einer Pressemitteilung, sondern über Quartale — daran, ob die Bücher zu den Kursen wandern oder die Kurse zu den Büchern.
Für Anleger folgt daraus eine unspektakuläre Konsequenz. Private Credit ist kein Betrug und kein Selbstläufer. Es ist eine Anlageklasse mit echtem Ertrag, echten Sicherheiten und einer Verpackung, die mehr verspricht, als der Inhalt halten kann. Wer die Rendite will, sollte die Illiquidität bewusst kaufen — in einer geschlossenen Struktur, in der sie ehrlich bepreist ist, oder über die Börse, wo sie täglich sichtbar ist. Das Schlechteste aus beiden Welten ist die Hülle, die Liquidität verspricht, bis alle sie gleichzeitig brauchen. Der 4. Juni war die Generalprobe. Der Ernstfall wäre eine Rezession — und die hat dieser Markt in seiner heutigen Größe noch nie gesehen.

