87 Prozent Marge, null Prozent Kursplus: Warum Micron den besten Speicher-Rekord aller Zeiten meldet — und der Markt lieber die Zulieferer kauft

Micron Technology – Micron: 87 Prozent Marge, Aktie flach

Es gibt Quartalszahlen, bei denen man zweimal hinschauen muss, ob sich nicht eine Kommastelle verschoben hat. Micron Technology hat am Mittwochabend nach US-Börsenschluss so eine Bilanz vorgelegt: 54,23 Milliarden Dollar Umsatz in drei Monaten, nach 11,32 Milliarden im selben Quartal des Vorjahres. Eine bereinigte Bruttomarge von 87,0 Prozent. Ein Nettogewinn nach US-GAAP von 37,7 Milliarden Dollar — mehr als das Dreifache dessen, was der Konzern vor einem Jahr in einem Quartal umgesetzt hat. Und dazu ein Ausblick auf 61,5 Milliarden Dollar Umsatz im laufenden Quartal, gut viereinhalb Milliarden über dem, was Analysten erwartet hatten.

Die Reaktion der Aktie: fast nichts. Nachbörslich sprang Micron zunächst an, gab den Gewinn aber binnen einer Stunde wieder ab und pendelte am Abend um die Nulllinie, je nach Quelle ein paar Zehntelprozent im Plus oder Minus. Ganz anders am Donnerstagmorgen in Asien: In Tokio legte der Nikkei 225 um 2,8 Prozent auf 68.604 Punkte zu, der Testgerätehersteller Advantest gewann fast 8 Prozent, Tokyo Electron rund 5 Prozent, der Speicherhersteller Kioxia 4,2 Prozent. Der Bericht von Micron hat also ein Kursfeuerwerk ausgelöst — nur nicht bei Micron.

Dieser Widerspruch ist die eigentliche Geschichte dieses Abends. Er erzählt, wo der Markt im dritten Jahr des KI-Booms den Wert vermutet: nicht mehr bei dem Unternehmen, das die Knappheit gerade in Rekordmargen verwandelt, sondern bei allen, die an dieser Knappheit mitverdienen wollen — den Ausrüstern, den Bauunternehmen, und, das ist neu, den eigenen Mitarbeitern. Denn das auffälligste Detail dieser Bilanz steht nicht in der Umsatzzeile, sondern in einer Fußnote zur Marge.

Die Zahlen: Ein Speicherhersteller mit Softwaremarge

Um die Größenordnung einzuordnen, lohnt ein Blick auf das gesamte Geschäftsjahr 2026, das Ende August endete. Micron setzte 133,19 Milliarden Dollar um, nach 37,38 Milliarden im Jahr davor — ein Plus von gut 250 Prozent. Der bereinigte Gewinn lag bei 86,76 Milliarden Dollar oder 75,52 Dollar je Aktie. Der operative Cashflow erreichte 89,68 Milliarden, nach Abzug von 27,37 Milliarden Dollar Investitionen blieben 62,31 Milliarden Dollar freier Cashflow. Für ein Unternehmen, das noch vor zwei Jahren in manchen Quartalen Verluste schrieb, ist das kein Aufschwung mehr, sondern ein Regimewechsel.

Im vierten Quartal allein entfielen 39,8 Milliarden Dollar auf DRAM, den Arbeitsspeicher, und 14,1 Milliarden auf NAND, den Flash-Speicher für SSDs. Bei DRAM stiegen die ausgelieferten Bits nur im mittleren einstelligen Prozentbereich, die Preise aber im Bereich der hohen Zehnerprozente — gegenüber dem Vorquartal. Bei NAND legten die Preise laut Management um rund 30 Prozent zu, ebenfalls binnen drei Monaten. Das ist der Kern der Sache: Micron verkauft kaum mehr Speicher als vorher, aber zu einem völlig anderen Preis.

Besonders deutlich wird das in der Aufteilung nach Geschäftsbereichen. Der Bereich Core Data Center, also klassischer Server-Speicher abseits der großen Cloud-Kunden, setzte 18,0 Milliarden Dollar um — nach 1,577 Milliarden im Vorjahresquartal, mehr als das Elffache. Die Bruttomarge dort: 90 Prozent. Der Cloud-Bereich mit dem Hochleistungsspeicher HBM für KI-Beschleuniger kam auf 16,28 Milliarden bei 83 Prozent Marge. Und selbst Mobile & Client, also Speicher für Smartphones und PCs, erzielte 13,11 Milliarden bei 90 Prozent. Dass ausgerechnet der Konsumentenbereich, der unter der Speicher-Preisexplosion leidet, die gleiche Marge abwirft wie das KI-Geschäft, zeigt: Hier wird nicht ein Produkt teurer, sondern eine ganze Ressource.

Zum Vergleich: Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2025 lag die bereinigte Bruttomarge bei rund 46 Prozent. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich der Anteil, der von jedem Umsatzdollar als Rohertrag übrig bleibt, fast verdoppelt. Kein Hersteller von Rohstoffchips hat jemals solche Margen erzielt. Sie liegen auf dem Niveau von Softwarekonzernen — erzielt mit Fabriken, Reinräumen und Siliziumscheiben.

Die Fußnote: 35 bis 68 Monatsgehälter Bonus

Und jetzt zu dem Satz, der den Kurs gebremst hat. Für das laufende erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 erwartet Micron eine bereinigte Bruttomarge von 86,25 Prozent, also einen Rückgang um rund drei Viertel Prozentpunkte. Analysten hatten mit einem weiteren Anstieg gerechnet. Finanzchef Mark Murphy nannte den Grund ohne Umschweife: Prämien seien ein wesentlicher Faktor im Margenausblick. Insgesamt rechnet Micron im ersten Quartal mit rund einer Milliarde Dollar zusätzlicher Kosten aus Erfolgsbeteiligung und dem Anlauf neuer Fertigung.

Was sich dahinter verbirgt, ist bemerkenswert. Micron will seinen Beschäftigten in Taiwan, wo ein großer Teil der DRAM-Fertigung steht, Boni im Gegenwert von 35 bis 68 Monatsgehältern des Geschäftsjahres 2026 zahlen. Die Mindestprämie liegt laut koreanischen Medienberichten bei 1,7 Millionen Taiwan-Dollar. Die Gewerkschaften hatten im September sogar 83 Monatsgehälter gefordert und eine Streikabstimmung ins Spiel gebracht; für die Zukunft verlangen sie, dass 15 Prozent des operativen Gewinns quartalsweise an die Belegschaft fließen.

Das ist keine Randnotiz für Personalabteilungen. Es ist die erste sichtbare Stelle, an der die Knappheitsrente, die Micron gerade kassiert, nach außen abfließt. Wer in Taiwan, Südkorea oder Japan Speicherchips fertigen kann, ist selbst knapp geworden. Und wenn die Fachkräfte merken, dass ihr Arbeitgeber 87 Prozent Marge erzielt, wollen sie ihren Teil. Samsung und SK Hynix stehen nach Berichten aus Seoul vor genau demselben Druck. Für Anleger heißt das: Die Marge mag noch einmal steigen — Micron nennt das erste Quartal ausdrücklich den Tiefpunkt für 2027 —, aber der Weg nach oben ist nicht mehr frei. Es sitzen jetzt mehr Parteien am Tisch.

Die zweite Abflussstelle: Mehr als 50 Milliarden für Beton und Maschinen

Der zweite Grund für die verhaltene Reaktion steht in der Investitionsplanung. Micron will im ersten Quartal rund 11,5 Milliarden Dollar investieren, im ersten Halbjahr etwa 25 Milliarden, und die zweite Hälfte soll noch höher ausfallen. Für das Gesamtjahr 2027 summiert sich das auf mehr als 50 Milliarden Dollar — beinahe das Doppelte des abgelaufenen Jahres. Der größte Teil des Zuwachses fließt nach Angaben des Unternehmens in Bauinvestitionen, um Reinraumfläche ab Ende 2028 schneller verfügbar zu machen.

Die Zeitachse dazu ist entscheidend. Die neue Fabrik ID-1 in Idaho soll Ende 2028 hochfahren, Anlagen in Singapur und Japan zwischen 2027 und 2028, die erste Fabrik im Bundesstaat New York erst um 2030. Das heißt: Bis mindestens Ende 2028 kann Micron die Knappheit nicht wesentlich lindern, selbst wenn es wollte. Danach aber kommt zusätzliche Kapazität — nicht nur von Micron, sondern auch von Samsung, SK Hynix und dem chinesischen Konkurrenten CXMT, der seine Produktion ebenfalls ausbaut.

Genau das ist das Muster, das Anleger aus jedem früheren Speicherzyklus kennen. Hohe Preise führen zu hohen Margen, hohe Margen zu hohen Investitionen, hohe Investitionen zwei bis drei Jahre später zu Überkapazität und Preisverfall. Der Markt rechnet die Kurve nicht bis zum nächsten Quartal, sondern bis zu dem Moment, in dem die neuen Reinräume Wafer ausspucken. Und dieser Moment ist mit den Zahlen von Mittwoch konkreter geworden.

Warum der Markt die Zulieferer kauft

Damit erklärt sich auch die Reaktion in Tokio. Für Micron ist jede investierte Milliarde ein Kostenfaktor und ein Risiko für spätere Preise. Für Advantest, Tokyo Electron und ihre Wettbewerber ist dieselbe Milliarde Umsatz. Advantest liefert die Testsysteme, durch die jeder HBM-Stapel laufen muss — und HBM ist besonders testintensiv, weil zwölf oder mehr Speicherlagen übereinandergestapelt werden und ein einziger Defekt das ganze Bauteil wertlos macht. Tokyo Electron verdient an Abscheidung und Ätzen, Kioxia profitiert direkt vom NAND-Preissprung.

Aus Sicht eines Portfoliomanagers ist das ein sauberer Tausch: Der Zulieferer bekommt das Volumen der Investitionswelle, ohne das Preisrisiko des Speicherzyklus zu tragen. Solange Micron, Samsung und SK Hynix bauen, verkaufen die Ausrüster. Wenn der Zyklus kippt, trifft es auch sie — aber typischerweise mit Verzögerung, weil laufende Projekte zu Ende gebaut werden. Die Bewegung vom Donnerstagmorgen ist deshalb kein Misstrauensvotum gegen Micron, sondern eine Wette darauf, dass die nächsten zwei Jahre den Ausrüstern gehören, während der Speicherpreis seinen Zenit erreicht.

In Seoul fiel die Begeisterung gedämpfter aus. Der Kospi drehte nach einem schwachen Start ins Plus und notierte zeitweise bei 6.931 Punkten, rund 1,4 Prozent höher; SK Hynix legte etwa 1,6 Prozent zu, Samsung Electronics rund ein Prozent. Die koreanischen Speicherriesen haben dasselbe Margenproblem wie Micron — Bonusforderungen, hohe Investitionen, Fragen nach der Dauer der Knappheit —, plus das Risiko eines schwachen Won. Dass sie trotz eines Rekords des direkten Konkurrenten kaum zulegten, bestätigt das Bild.

Das Gegenargument: Diesmal gibt es Verträge

Wer Micron trotzdem für unterbewertet hält, hat ein starkes Argument, und es steht ebenfalls in dieser Bilanz. Micron hat inzwischen 26 sogenannte Strategic Customer Agreements abgeschlossen, langfristige Lieferverträge, die bis 2031 reichen. Die darin enthaltenen Vorauszahlungen der Kunden summieren sich auf 32 Milliarden Dollar, nach 22 Milliarden im Juni. Die vertraglich zugesagten, aber noch nicht erbrachten Leistungen liegen bei rund 150 Milliarden Dollar. Mehr als 75 Prozent der Produktion des Jahres 2027 sind bereits fest vergeben, die HBM-Mengen für 2027 nach Angaben des Unternehmens zum überwiegenden Teil mit deutlichen Preiserhöhungen gegenüber dem Vorjahr verhandelt.

Das ist neu in der Geschichte der Speicherbranche. Früher wurde DRAM fast vollständig über kurzfristige Verträge und den Spotmarkt verkauft — wenn die Preise fielen, fielen sie sofort und für alle. Wenn Hyperscaler heute 32 Milliarden Dollar im Voraus überweisen, um sich Kapazität bis 2031 zu sichern, verschiebt sich das Risiko teilweise auf die Kunden. Der Zyklus verschwindet dadurch nicht, aber er wird gestreckt und geglättet.

Hinzu kommt die Bewertung. Bei einem Schlusskurs von rund 1.065 Dollar am Mittwoch bringt Micron es auf eine Marktkapitalisierung von etwa 1,2 Billionen Dollar. Nimmt man den Gewinnausblick für das erste Quartal von 38,15 Dollar je Aktie und rechnet ihn aufs Jahr hoch, ergibt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa sieben. Auf Basis des abgelaufenen Jahres liegt es bei rund 14. Für ein Unternehmen, das nach eigener Aussage für 2027 und 2028 noch engere Märkte erwartet als 2026, ist das niedrig. Genau diese niedrige Bewertung ist aber auch der Ausdruck des Zweifels: Der Markt bezahlt Micron wie einen Rohstoffproduzenten auf dem Höhepunkt, nicht wie einen Wachstumswert.

Was das für Anleger im deutschsprachigen Raum bedeutet

Direkte Speicherhersteller gibt es an den Börsen in Frankfurt und Wien nicht. Wer am Speicherboom teilhaben will, landet entweder bei Micron selbst, bei den koreanischen Titeln oder bei den Zulieferern. Für deutsche Anleger interessant ist vor allem die zweite Reihe. Siltronic liefert die Siliziumscheiben, auf denen jeder Speicherchip gefertigt wird, und profitiert von höheren Wafer-Starts, bekommt eine Belebung bei Speicherchips aber erst mit Verzögerung zu spüren, wenn die Hersteller tatsächlich mehr Scheiben einkaufen. Aixtron ist eher an Leistungshalbleitern und Verbindungshalbleitern ausgerichtet und nur indirekt betroffen. Infineon wiederum ist kein Speicherhersteller mehr, gehört aber zu den Kunden, die mit steigenden Speicherkosten in Auto- und Industrieelektronik umgehen müssen.

Der naheliegende europäische Profiteur der Investitionswelle sitzt in den Niederlanden: ASML liefert die Belichtungsmaschinen, ohne die moderne DRAM-Fertigung nicht auskommt, und die angekündigten Reinraumflächen müssen irgendwann mit Anlagen gefüllt werden. Ähnliches gilt für ASM International und BE Semiconductor, deren Hybrid-Bonding-Technik für künftige HBM-Generationen an Bedeutung gewinnt. Wer diesen Weg wählt, setzt auf das Volumen der Investitionen, nicht auf den Speicherpreis — genau die Logik, die am Donnerstag in Tokio gehandelt wurde.

Ein Wort zur Steuer, weil der Kursverlauf von Micron das Thema aufwirft: Wer die Aktie seit Jahresbeginn hält, sitzt auf einem Plus von rund 280 Prozent. In Österreich fallen beim Verkauf 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer an, in Deutschland die Abgeltungsteuer von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Gewinnmitnahmen in einer Phase, in der der Markt selbst die Margenspitze einpreist, sind kein Fehler — aber sie sollten eine bewusste Entscheidung sein und nicht die Reaktion auf eine einzelne nachbörsliche Stunde.

Die Risiken jenseits des Zyklus

Neben der Frage, wann neue Kapazität den Markt flutet, gibt es drei konkrete Risiken. Erstens die Zinsen: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen testete am Mittwoch Werte knapp über 5,30 Prozent. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von sieben mag günstig wirken, aber bei Anleiherenditen über fünf Prozent ist die Messlatte für zyklische Gewinne höher als in den Jahren des billigen Geldes. Zweitens der Rechtsstreit mit Netlist vor der US-Handelskommission ITC, der im ungünstigsten Fall den Import bestimmter KI-Speicherprodukte von Micron einschränken könnte. Drittens China: CXMT baut seine DRAM-Fertigung weiter aus und dürfte zuerst in den Standardsegmenten Preisdruck erzeugen, in denen Micron derzeit ebenfalls 90 Prozent Marge erzielt.

Und dann ist da noch die Frage, die hinter allen anderen steht: Wie lange können die Kunden diese Preise bezahlen? Apple, Microsoft und andere Gerätehersteller haben im Sommer bereits Preiserhöhungen mit gestiegenen Speicherkosten begründet. Die Hyperscaler finanzieren ihre KI-Investitionen zunehmend über Anleihen statt aus dem laufenden Cashflow. Solange die KI-Nachfrage alles absorbiert, bleibt das unsichtbar. Sobald ein großer Kunde seine Investitionen kürzt, wird sichtbar, wie viel der 87 Prozent Marge strukturell ist und wie viel schlicht Knappheit.

Fazit: Der Rekord ist eingepreist, die Verteilung ist es noch nicht

Micron hat am Mittwoch die vermutlich beste Bilanz in der Geschichte der Speicherindustrie vorgelegt, und der Ausblick verspricht für das laufende Quartal noch mehr. An den Zahlen selbst gibt es nichts zu deuteln. Die Aktie hat trotzdem kaum reagiert, weil der Markt eine andere Frage stellt als die nach dem nächsten Quartal: Wem gehört die Knappheitsrente, wenn sie verteilt wird?

Die Antwort, die sich in dieser Bilanz abzeichnet, lautet: zunehmend nicht mehr nur den Aktionären. Die Belegschaft fordert ihren Anteil in Form von Monatsgehältern im zweistelligen Bereich, die Bauunternehmen und Ausrüster bekommen ihn über eine Investitionswelle von mehr als 50 Milliarden Dollar, und die Kunden sichern sich über Vorauszahlungen Preise, die irgendwann unter dem Spotmarkt liegen könnten. Für Micron-Aktionäre ist das kein Grund zur Panik — die langfristigen Verträge und die niedrige Bewertung bieten echten Puffer. Aber es ist ein Signal, dass der leichteste Teil des Speicherbooms vorbei ist. Der Markt hat das am Donnerstagmorgen nicht in Idaho gehandelt, sondern in Tokio.

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Daniel Herzog
AUTOR

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