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Hilton besitzt in den Vereinigten Staaten kein einziges Hotel. Von 851.582 Zimmern unter Hilton-Marken in Amerika gehört dem Konzern keines, 91 Prozent sind franchisiert. Trotzdem hat Hilton 2025 mit 3,7 Milliarden Dollar mehr operativen Gewinn erzielt als je zuvor, bei 74 Prozent EBITDA-Marge — in einem Jahr, in dem der Umsatz pro Zimmer nur um 0,4 Prozent stieg. Wie das geht, wer das Risiko wirklich trägt und warum ein Konzern mit minus 6,3 Milliarden Dollar Eigenkapital an der Börse das Doppelte eines Hotelbesitzers kostet: eine Anatomie des vielleicht elegantesten Geschäftsmodells im Konsumsektor.
Die kurze Antwort lautet: Hilton und Marriott sind keine Hotelkonzerne mehr. Sie verkaufen ein Schild über der Tür, ein Buchungssystem, ein Treueprogramm mit Hunderten Millionen Mitgliedern — und kassieren dafür einen festen Anteil am Umsatz eines Gebäudes, das jemand anderes gebaut, finanziert und versichert hat. Die lange Antwort ist interessanter, denn sie zeigt, wo in diesem Modell die Rendite entsteht, wo das Risiko hingeschoben wurde und an welcher Stelle die Mauer 2026 zum ersten Mal Risse bekommt.
Die große Trennung: Wie aus Hotelkonzernen Markenkonzerne wurden
Bis in die Neunzigerjahre war ein Hotelkonzern das, was der Name sagt: ein Unternehmen, das Hotels besitzt und betreibt. Die Bilanz war voller Beton, die Rendite auf das eingesetzte Kapital entsprechend mäßig, und jede Rezession schlug mit voller Wucht durch, weil einem vollen Kostenblock plötzlich halb leere Häuser gegenüberstanden. Den ersten Schnitt machte Marriott 1993: Der Konzern teilte sich in Host Marriott, das die Immobilien behielt und heute als Host Hotels & Resorts ein Immobilienfonds ist, und Marriott International, das nur noch Marken und Managementverträge führte.
Hilton folgte deutlich später und unter anderen Vorzeichen. Blackstone hatte den Konzern 2007 kurz vor der Finanzkrise für rund 26 Milliarden Dollar übernommen, ihn durch die Krise gebracht, 2013 an die Börse zurückgeführt und am 3. Januar 2017 schließlich aufgespalten: Die eigenen Hotels wanderten in Park Hotels & Resorts, das Timesharegeschäft in Hilton Grand Vacations, und übrig blieb die Hilton Worldwide Holdings, wie sie heute an der Börse steht. In Europa vollzog Accor 2018 denselben Schritt, als es 57,8 Prozent seiner Immobiliengesellschaft AccorInvest für 4,6 Milliarden Euro an Staatsfonds und institutionelle Anleger verkaufte.
Der Aufspaltungstag von Hilton ist für Anleger ein ungewöhnlich sauberes Experiment. Am 4. Januar 2017 begannen dieselben Hotels an zwei verschiedenen Börsentickern zu handeln: einmal als Marke, einmal als Gebäude. Was seitdem passiert ist, zeigt die folgende Tabelle.
| Wertpapier | Rolle | Gesamtrendite 4.1.2017–25.9.2026 | Tiefster Stand 2020 ggü. Ende 2019 |
|---|---|---|---|
| Hilton (HLT) | Marke, Franchise, Management | × 5,63 (+463 %) | −49 % |
| Marriott (MAR) | Marke, Franchise, Management | × 4,65 (+365 %) | −61 % |
| S&P 500 (Kursindex) | Vergleich | × 3,41 | — |
| Host Hotels (HST) | Eigentümer (REIT) | × 1,72 (+72 %) | −50 % |
| Park Hotels (PK) | Eigentümer, Hilton-Abspaltung | × 1,13 (+13 %) | −81 % |
Die Zahlen sind dividendenbereinigte Schlusskurse, eigene Berechnung. Der S&P 500 ist ohne Dividenden gerechnet und damit leicht unterzeichnet, aber das ändert nichts am Bild: Wer 2017 die Marke kaufte, hat sein Geld mehr als verfünffacht. Wer die Gebäude kaufte, aus denen die Marke ihre Gebühren bezieht, liegt nach fast zehn Jahren inklusive aller Ausschüttungen bei 13 Prozent Plus. Dieselben Zimmer, dieselben Gäste, dieselben Nächte — und ein Renditeunterschied von mehr als dem Vierzigfachen. Die Frage, warum das so ist, führt direkt in die Gebührenordnung.
Das eigentliche Produkt heißt Gebühr
Ein Hotelbesitzer, der ein Haus unter einer großen Marke betreiben will, hat zwei Möglichkeiten. Beim Franchisevertrag führt er das Hotel selbst oder über eine unabhängige Betreibergesellschaft und zahlt der Marke laufende Gebühren. Beim Managementvertrag übernimmt die Marke auch den Betrieb, stellt den Direktor und die Führungsmannschaft, und der Eigentümer bleibt reiner Kapitalgeber. Die Mitarbeiter sind in beiden Fällen meist beim Eigentümer angestellt, nicht bei Hilton.
Die Franchisegebühren sind erstaunlich standardisiert. Für Hampton by Hilton, die größte Einzelmarke des Konzerns mit rund 360.000 Zimmern, weist das Franchise-Offenlegungsdokument eine Lizenzgebühr von 6 Prozent des Zimmerumsatzes plus 4 Prozent Programmgebühr für Marketing, Reservierungssystem und Technik aus — zusammen 10 Prozent. Der Branchenberater HVS kommt in seinem Vergleich von 93 US-Hotelmarken auf durchschnittlich 9,9 Prozent des Zimmerumsatzes über eine Vertragslaufzeit von zehn Jahren; die Eintrittsgebühr macht dabei nur 2,3 Prozent der Gesamtkosten aus, fast 90 Prozent entfallen auf die laufenden Umsatzabgaben. Börsennotierte Hoteleigentümer wie Chatham Lodging nennen in ihren Jahresberichten eine Spanne von 2 bis 6 Prozent Lizenzgebühr plus 1 bis 4,3 Prozent für Marketing und Reservierung.
Bei Managementverträgen kommen zwei Komponenten hinzu: eine Basisgebühr, typischerweise einige Prozent des Gesamtumsatzes, und eine Erfolgsgebühr, die an den Gewinn des Hotels gekoppelt ist und meist erst fließt, wenn der Eigentümer eine Mindestrendite erreicht hat. Diese Erfolgsgebühr ist der einzige Teil des Geschäfts, der wirklich am Gewinn des Hauses hängt — und entsprechend der erste, der in einer Krise verschwindet.
Entscheidend ist die Bemessungsgrundlage: Umsatz, nicht Gewinn. Die Marke verdient am ersten verkauften Zimmer mit, egal ob das Hotel am Ende des Jahres Geld verdient hat oder nicht. Löhne, Energie, Grundsteuer, Versicherung, Zinsen und die Renovierung alle sieben Jahre trägt der Eigentümer. Die Marke trägt die Kosten ihrer Zentrale, ihres Vertriebs und ihrer Technik — und selbst die Programmgebühren sind ausdrücklich als Kostenerstattung angelegt, nicht als Profitquelle.
Die Rechnung eines Hampton: Wer verdient an einem Hotel wie viel?
Um zu verstehen, wie ungleich das Risiko verteilt ist, lohnt sich eine vereinfachte Modellrechnung für ein typisches Mittelklassehotel an einer amerikanischen Autobahnausfahrt. Laut Franchise-Offenlegung kostet ein neuer Hampton zwischen 15,2 und 22,2 Millionen Dollar. Wir nehmen 120 Zimmer und 18 Millionen Dollar Investition an, einen Durchschnittspreis von 140 Dollar pro Nacht und 72 Prozent Auslastung, also rund 101 Dollar Umsatz je verfügbarem Zimmer. Der Eigentümer finanziert 60 Prozent mit einem Kredit zu 7 Prozent Zins, 40 Prozent mit eigenem Geld. Von den Betriebskosten nehmen wir an, dass 60 Prozent fix sind — Personal-Grundbesetzung, Grundsteuer, Versicherung, Instandhaltung —, der Rest schwankt mit der Belegung.
| Modellhotel, 120 Zimmer (Mio. $ p. a.) | Normaljahr | Umsatz je Zimmer −20 % | Umsatz je Zimmer −50 % |
|---|---|---|---|
| Zimmerumsatz | 4,42 | 3,53 | 2,21 |
| Betriebsergebnis vor Markengebühren | 1,84 | 1,14 | 0,09 |
| Gebühren an die Marke (10 %) | 0,44 | 0,35 | 0,22 |
| Rücklage Erneuerung (4 %) | 0,18 | 0,15 | 0,09 |
| Nettobetriebsergebnis Eigentümer | 1,21 | 0,64 | −0,22 |
| Zinsen (10,8 Mio. zu 7 %) | 0,76 | 0,76 | 0,76 |
| Cashflow auf 7,2 Mio. Eigenkapital | +0,46 | −0,12 | −0,98 |
| Veränderung Marke / Eigentümer | — | −20 % / −126 % | −50 % / −313 % |
Die Modellrechnung ist gerundet und bewusst schlicht, aber die Struktur ist robust gegen fast jede Annahme. Drei Beobachtungen stechen heraus. Erstens: Im Normaljahr verdient die Marke an diesem Hotel mit 440.000 Dollar fast genauso viel wie der Eigentümer mit 460.000 Dollar — der eine hat 7,2 Millionen Dollar Eigenkapital eingesetzt und bürgt für 10,8 Millionen Dollar Schulden, der andere hat ein Schild und einen Vertrag geliefert. Zweitens: Wenn der Umsatz um ein Fünftel fällt, fallen die Gebühren der Marke um genau ein Fünftel. Der Eigentümer dagegen rutscht in die roten Zahlen, weil sein Kostenblock stehen bleibt und die Zinsen weiterlaufen. Drittens: Selbst im Katastrophenszenario mit halbiertem Umsatz fließen noch 220.000 Dollar an die Marke, während der Eigentümer knapp eine Million Dollar im Jahr zuschießen muss.
Das ist der Kern des Modells, und man sollte ihn nicht als Trick missverstehen: Die operative Hebelwirkung, die ein Hotel so zyklisch macht, wurde nicht abgeschafft. Sie wurde nur verschoben — vom börsennotierten Konzern auf Tausende Eigentümer, Familienunternehmen, Immobilienfonds und Private-Equity-Gesellschaften. Die Marke ist, betriebswirtschaftlich betrachtet, eine Umsatzbeteiligung ohne Verlustbeteiligung.
Hilton in Zahlen: 1,2 Prozent der Zimmer, 74 Prozent Marge
Wie konsequent Hilton dieses Modell umgesetzt hat, zeigt die Aufstellung zum Jahresende 2025. Von 1,33 Millionen Hotelzimmern im System gehören dem Konzern ganze 15.287 oder 1,1 Prozent, und das sind fast ausschließlich gepachtete Häuser in Europa. 265.000 Zimmer oder 20 Prozent führt Hilton im Management, 1,05 Millionen oder 79 Prozent sind franchisiert. In den USA ist das Bild noch extremer: null eigene Zimmer, 9 Prozent Management, 91 Prozent Franchise. Bei Hampton by Hilton sind von 3.195 Häusern 3.143 in fremder Hand geführt.
| Hilton, Stand 31.12.2025 | Zimmer | Anteil | Davon USA |
|---|---|---|---|
| Eigentum oder Pacht | 15.287 | 1,1 % | 0 |
| Managementverträge | 264.760 | 19,9 % | 79.351 |
| Franchise und Lizenz | 1.050.900 | 79,0 % | 772.231 |
| Hotels gesamt | 1.330.947 | 100 % | 851.582 |
Die Gewinn-und-Verlust-Rechnung sieht auf den ersten Blick nicht nach 74 Prozent Marge aus. Hilton weist für 2025 einen Umsatz von 12,04 Milliarden Dollar aus, aber 7,09 Milliarden davon — 59 Prozent — sind Kostenerstattungen: Geld, das Eigentümer für Marketing, Reservierungssystem, Treueprogramm und die bei Managementverträgen formal von Hilton angestellten Hotelmitarbeiter einzahlen und das Hilton nach eigener Darstellung ohne Gewinnaufschlag weiterreicht. Zieht man diese Durchlaufposten ab, bleiben 5,01 Milliarden Dollar echter Umsatz, und darauf erzielte Hilton 3,73 Milliarden Dollar bereinigtes EBITDA. Das sind 74,4 Prozent Marge, nach 71,5 Prozent im Vorjahr.
Die Gebühren selbst setzen sich 2025 aus 2,78 Milliarden Dollar Franchise- und Lizenzgebühren, 376 Millionen Dollar Basismanagementgebühren und 313 Millionen Dollar Erfolgsgebühren zusammen. Die Investitionen in Sachanlagen und Software lagen bei 185 Millionen Dollar, weniger als fünf Prozent des operativen Gewinns. Kaum ein Unternehmen außerhalb der Softwarebranche und der Indexanbieter kommt mit so wenig Kapital aus.
Marriott ist größer und etwas weniger rein, folgt aber derselben Logik. Der Konzern zählte Ende Juni 2026 rund 1,81 Millionen Zimmer in 10.082 Häusern, erzielte 2025 Bruttogebühren von 5,4 Milliarden Dollar und ein bereinigtes EBITDA von 5,38 Milliarden Dollar. Für 2026 erwartet Marriott 6,03 bis 6,06 Milliarden Dollar Gebühren und bis zu 6,03 Milliarden Dollar EBITDA.
Wachstum ohne Preiserhöhung: das Jahr 2025 als Beweis
Das stärkste Argument für das Modell lieferte ausgerechnet ein schwaches Jahr. 2025 stieg Hiltons systemweiter Umsatz je verfügbarem Zimmer um magere 0,4 Prozent, in Nordamerika meldete Marriott für das vierte Quartal sogar ein leichtes Minus. Ein typischer Hotelbesitzer dürfte damit real ein Minusjahr gehabt haben, weil Löhne und Versicherungen schneller stiegen als die Zimmerpreise. Hiltons bereinigtes EBITDA stieg im selben Jahr trotzdem um 8,6 Prozent von 3,43 auf 3,73 Milliarden Dollar.
Der Grund ist das Nettozimmerwachstum. Hilton hat sein System 2025 um 6,7 Prozent vergrößert, und jedes neue Zimmer zahlt ab dem Eröffnungstag Gebühren, ohne dass Hilton einen Dollar in den Bau gesteckt hat. Die Pipeline lag Ende Juni 2026 bei 541.300 Zimmern — das entspricht 40 Prozent des bestehenden Systems —, und fast die Hälfte davon ist bereits im Bau. Marriott meldet 629.000 Zimmer in der Pipeline, 44 Prozent davon im Bau oder in der Umflaggung bestehender Hotels.
Daraus ergibt sich eine Wachstumsformel, die Analysten fast mechanisch herunterrechnen: sechs bis sieben Prozent mehr Zimmer, zwei bis drei Prozent mehr Umsatz je Zimmer, ein wenig Margenausweitung, weil die Zentrale nicht mitwachsen muss — und darauf noch einmal vier bis fünf Prozent weniger Aktien durch Rückkäufe. Heraus kommt ein Gewinnwachstum je Aktie im niedrigen bis mittleren Zehnerbereich, und zwar in einem Umfeld, in dem der Hotelmarkt selbst kaum wächst. Hilton erwartet für 2026 ein bereinigtes EBITDA von 4,04 bis 4,08 Milliarden Dollar und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 8,89 bis 9,01 Dollar.
Das zweite Quartal 2026 bestätigte das Muster auf höherem Niveau: Hiltons Umsatz je Zimmer stieg um 3,9 Prozent, Marriott meldete weltweit 3,4 Prozent und in Nordamerika 5,0 Prozent — in das Quartal fiel auch der Start der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. International dagegen lag Marriott mit minus 0,5 Prozent leicht im Rückwärtsgang. Das zeigt, dass auch dieses Modell nicht immun gegen die Konjunktur ist. Es übersetzt die Konjunktur nur mit einem viel kleineren Hebel in den Gewinn.
Die zweite Lizenz: Wenn die Kreditkarte mehr wächst als das Hotel
Eine Einnahmequelle verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie mit Hotels gar nichts mehr zu tun hat. Hilton Honors zählte Ende 2025 rund 243 Millionen Mitglieder und im Frühjahr 2026 bereits mehr als 260 Millionen, Marriott Bonvoy liegt in derselben Größenordnung. Diese Mitgliederbasis vermieten die Konzerne an Banken: American Express gibt die Hilton-Kreditkarten heraus, JPMorgan Chase und American Express die Marriott-Karten. Die Bank kauft dafür Punkte ein, die ihre Kunden beim Bezahlen sammeln, und zahlt der Hotelgruppe eine Lizenzgebühr.
Bei Marriott sind die Zahlen öffentlich. Die Kreditkartengebühren stiegen 2025 um gut 8 Prozent auf 716 Millionen Dollar. Für 2026 erwartet der Konzern einen Sprung um rund 35 Prozent auf knapp eine Milliarde Dollar, getragen von höheren Kartenumsätzen und einer höheren Lizenzrate; die neuen US-Verträge mit Chase und American Express sollen ab 2028 jährlich weitere 100 bis 125 Millionen Dollar bringen. Rechnet man das gegen die Gebührenprognose, dann stammen von den rund 640 Millionen Dollar zusätzlichen Gebühren, die Marriott 2026 erwartet, etwa 250 Millionen Dollar oder knapp 40 Prozent aus dem Kartengeschäft — also nicht aus einem einzigen zusätzlich vermieteten Zimmer.
Für Anleger ist das Chance und Warnsignal zugleich. Chance, weil das Kartengeschäft noch kapitalärmer ist als das Franchise und mit dem Konsum wächst, nicht mit dem Reisevolumen. Warnsignal, weil ein wachsender Teil des Gewinns an einem Punktesystem hängt, dessen Wert die Konzerne selbst steuern — und an den Hotelbesitzern, die die Gäste mit Gratisnächten aus diesem System beherbergen müssen und dafür nur einen Teil des regulären Zimmerpreises erstattet bekommen. Die Beschwerden der Eigentümerverbände darüber sind in den letzten Jahren lauter geworden, und sie sind ein Vorbote des Konflikts, der im übernächsten Abschnitt beschrieben wird.
Minus 6,3 Milliarden Dollar Eigenkapital: warum die Bilanz rückwärts läuft
Wer die Bilanz von Hilton aufschlägt, findet einen Posten, der bei den meisten Unternehmen Alarm auslösen würde: Das Eigenkapital lag Ende Juni 2026 bei minus 6,3 Milliarden Dollar, bei Marriott bei minus 4,5 Milliarden Dollar. Beide Konzerne sind, buchhalterisch betrachtet, überschuldet. Beide refinanzieren sich trotzdem problemlos am Anleihemarkt.
Der Widerspruch löst sich auf, wenn man sieht, woher das negative Eigenkapital kommt. Es ist nicht durch Verluste entstanden, sondern durch Aktienrückkäufe, die über Jahre die Gewinne überstiegen haben. Hilton hat 2025 insgesamt 12,5 Millionen eigene Aktien zu durchschnittlich 253,71 Dollar zurückgekauft und inklusive Dividende 3,3 Milliarden Dollar an die Aktionäre zurückgegeben. Im selben Jahr stieg die Nettoverschuldung von 9,86 auf 11,49 Milliarden Dollar — um 1,63 Milliarden Dollar, also knapp halb so viel, wie ausgeschüttet wurde. Für 2026 plant Hilton rund 3,5 Milliarden Dollar Kapitalrückgabe, Marriott mehr als 4,5 Milliarden Dollar.
Die Logik dahinter: Ein Unternehmen, das fast kein Kapital braucht, kann seinen gesamten freien Cashflow ausschütten, und wenn der Gewinn wächst, wächst auch die tragbare Verschuldung. Hilton steuert eine Nettoverschuldung vom rund Dreifachen des EBITDA an — Ende 2025 waren es 3,1 — und nimmt jedes Jahr so viel neue Schulden auf, wie nötig ist, um diese Quote bei steigendem EBITDA zu halten. Die zusätzlichen Schulden fließen vollständig in Rückkäufe. Die Folge ist ein stetig schrumpfender Aktienbestand: Hilton hatte Ende 2017 rund 297 Millionen Aktien ausstehend, im Juli 2026 noch 225 Millionen, ein Rückgang um 24 Prozent. Bei Marriott sank die Zahl im selben Zeitraum von 353 auf 261 Millionen, um 26 Prozent.
Das negative Eigenkapital ist deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck davon, dass die wertvollsten Vermögenswerte dieser Konzerne — Marken, Verträge, Treueprogramme — in keiner Bilanz stehen. Es ist allerdings auch ein Hebel. Ein Unternehmen, das das Dreifache seines Betriebsgewinns an Schulden trägt, ist nicht mehr ganz so gelassen, wenn der Betriebsgewinn einbricht. Wie gelassen, zeigte 2020.
Der Härtetest 2020: Was ein Totalausfall mit Marke und Gebäude macht
Kein Stresstest ist härter als eine Pandemie, die den Reiseverkehr weltweit stilllegt. Der Umsatz je verfügbarem Zimmer brach in den USA 2020 laut CoStar um 47,5 Prozent ein — mehr als in jedem Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und fast dreimal so stark wie 2009, als er um 16,7 Prozent fiel. Hiltons systemweiter Wert sank um 56,7 Prozent.
Hiltons bereinigtes EBITDA fiel von 2,31 Milliarden Dollar 2019 auf 842 Millionen Dollar 2020, ein Minus von 64 Prozent — also sogar etwas stärker als der Umsatz je Zimmer, weil die Erfolgsgebühren praktisch komplett wegbrachen, die Kosten der Zentrale weiterliefen und die wenigen gepachteten Hotels Verluste schrieben. Unterm Strich stand ein Nettoverlust von 720 Millionen Dollar. Aber: Das operative Geschäft blieb in jedem Quartal positiv, Hilton musste keine Kapitalerhöhung durchführen, und das System wuchs sogar weiter — um 47.400 Zimmer oder 5,1 Prozent, weil Hotels, die vor der Pandemie finanziert worden waren, eben fertig gebaut wurden.
Bei Park Hotels, der Abspaltung mit den Gebäuden, sah dasselbe Jahr anders aus. Der Umsatz je Zimmer fiel im zweiten Quartal um 95,9 Prozent, das bereinigte EBITDA lag mit minus 122 Millionen Dollar im zweiten und minus 89 Millionen Dollar im dritten Quartal tief im Negativen. Das Unternehmen musste die Dividende streichen, Kreditauflagen neu verhandeln und teure Anleihen begeben. Die Aktie fiel vom Jahresende 2019 bis zum Tiefpunkt um 81 Prozent und hat sich davon bis heute nicht erholt.
Interessant ist allerdings, was die Börse im Moment der Panik tat. Marriott verlor bis zum Tiefpunkt 61 Prozent, mehr als der Hotelbesitzer Host mit 50 Prozent. In der Angst unterschied der Markt kaum zwischen Marke und Gebäude. Der Unterschied zeigte sich erst in der Erholung: Die Markenkonzerne standen innerhalb von etwa zwei Jahren auf neuen Hochs, die Eigentümer brauchten deutlich länger oder kamen nie zurück. Für Anleger heißt das: Das asset-light-Modell schützt nicht vor dem Kurssturz, sondern vor dem dauerhaften Kapitalverlust.
Wo die Mauer bröckelt: Antrittsgeld, Eigentümermargen und neue Vertriebswege
So robust das Modell ist, es hat eine Schwachstelle, die in der Wachstumsformel steckt: Die Marken brauchen jedes Jahr Zehntausende neuer Zimmer, und diese Zimmer baut jemand anderes. Solange Eigentümer mit einem Hampton oder Courtyard eine ordentliche Rendite erzielen, kommen sie freiwillig. Wenn nicht, müssen die Marken nachhelfen — und genau das passiert zunehmend.
Das Instrument heißt „Key Money“ oder im Konzernjargon Vertragsanschaffungskosten: Zahlungen, mit denen die Marke einen Eigentümer zur Unterschrift bewegt, oft als zinsloses Darlehen, das über die Vertragslaufzeit abgeschrieben wird. Hilton hat dafür 2025 netto 231 Millionen Dollar ausgegeben, nach 105 Millionen Dollar im Vorjahr — mehr als eine Verdopplung, die das Unternehmen mit dem Zeitpunkt einzelner strategischer Projekte begründet. Marriott plant 2026 Investitionsausgaben von 1,25 bis 1,35 Milliarden Dollar, die neben eigenen Projekten auch solche Anreize an Eigentümer enthalten. Hyatt meldete für das erste Quartal 2026 Key-Money-Zahlungen von 49 Millionen Dollar, 172 Prozent mehr als im Vorjahr. Marriott betont, dass der Betrag je Vertrag noch unter dem Niveau von 2019 liege. Aber die Richtung ist eindeutig: Die Marke muss zunehmend Geld mitbringen, um wachsen zu können. Asset-light wird dadurch nicht asset-heavy — aber es wird weniger light, als es die Bilanz nahelegt.
Der zweite Druckpunkt sind die Eigentümermargen. CoStar und Tourism Economics erwarten für die USA 2026 zwar 4,4 Prozent mehr Umsatz je Zimmer, für 2027 aber nur noch 2,1 Prozent — und beim Bruttobetriebsergebnis je Zimmer für 2027 nur noch 1 Prozent Zuwachs, weil die Kosten schneller steigen als die Inflation. Weil die Gebühren am Umsatz hängen, wachsen sie in so einem Umfeld schneller als der Gewinn des Eigentümers. Der Anteil der Marke am Kuchen steigt also genau dann, wenn der Kuchen für den Eigentümer schrumpft. Das ist auf Dauer nur so lange tragbar, wie die Marke dem Eigentümer über höhere Preise und Auslastung mehr einbringt, als sie kostet.
Der dritte Druckpunkt ist der Vertrieb. Der Wert einer großen Marke für einen Eigentümer besteht zu einem großen Teil darin, dass Gäste direkt bei Hilton oder Marriott buchen statt über Buchungsportale, die bis zu 15 bis 20 Prozent Provision nehmen. Wenn künftig KI-Assistenten Reisen buchen, die nach Preis und Bewertung statt nach Treuepunkten optimieren, könnte dieser Vorteil schrumpfen. Umgekehrt dürften gerade die großen Treueprogramme mit Hunderten Millionen gespeicherter Profile die Datenbasis sein, an die solche Assistenten angebunden werden. Wie das ausgeht, ist offen — es ist das ehrlichste Fragezeichen im Modell.
Dass asset-light allein kein Burggraben ist, zeigen übrigens die reinen Franchisegeber im Budgetsegment. Wyndham und Choice Hotels besitzen noch weniger Immobilien als Hilton, werden aber nur mit rund dem 14-Fachen des EBITDA bewertet und liegen 23 beziehungsweise 18 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Ihre Gäste sind preissensibel, ihre Treueprogramme schwächer, und ihre Eigentümer leiden am stärksten unter den steigenden Kosten. Der Burggraben liegt also nicht in der fehlenden Immobilie, sondern in der Kombination aus Netzwerk, Treueprogramm und Preissetzungsmacht der Marke — und die ist im oberen Segment deutlich stärker.
Bewertung: Was kostet eine Umsatzbeteiligung ohne Verlustbeteiligung?
An der Börse wird der Unterschied zwischen Marke und Gebäude präzise eingepreist. Die folgende Übersicht zeigt die Bewertungen zum Schlusskurs vom 25. September 2026. Für Hilton und Marriott ist das Unternehmenswert-zu-EBITDA-Verhältnis auf Basis der Unternehmensprognosen für 2026 selbst gerechnet, für die übrigen Werte auf Basis der letzten zwölf Monate.
| Unternehmen | Kurs | Börsenwert | EV/EBITDA | KGV | Abstand 52-W-Hoch |
|---|---|---|---|---|---|
| Hilton | 313,96 $ | 70,7 Mrd. $ | 20,4 (2026e) | 35 (2026e) | −12 % |
| Marriott | 352,03 $ | 91,8 Mrd. $ | 18,0 (2026e) | 30 (2026e) | −14 % |
| Accor | 45,89 € | 10,5 Mrd. € | 14,2 | 17 (fwd) | −12 % |
| Wyndham | 69,99 $ | 5,2 Mrd. $ | 13,9 | 13 (fwd) | −23 % |
| Choice Hotels | 101,81 $ | 4,6 Mrd. $ | 13,9 | 14 (fwd) | −18 % |
| Host Hotels (Eigentümer) | 22,42 $ | 15,6 Mrd. $ | 11,4 | — | −13 % |
| Park Hotels (Eigentümer) | 15,43 $ | 3,1 Mrd. $ | 10,8 | — | −5 % |
Die Marke kostet also knapp das Doppelte des Gebäudes. Ist das zu viel? Die Antwort hängt davon ab, wie man den Gewinnstrom bewertet. Ein Hotelbesitzer muss alle sieben bis zehn Jahre einen erheblichen Teil seines Gewinns in die Renovierung stecken, die ihm die Marke vorschreibt; sein EBITDA ist also deutlich mehr wert als sein freier Cashflow. Bei Hilton dagegen kommt vom EBITDA fast alles als freier Cashflow an, abgesehen von Zinsen, Steuern und den steigenden Key-Money-Zahlungen. Hinzu kommt das strukturelle Wachstum von sechs bis sieben Prozent Zimmern im Jahr, das ein Hotelbesitzer nur mit neuem Kapital erreichen kann. Ein Aufschlag von 80 bis 90 Prozent auf das Vielfache ist vor diesem Hintergrund nicht absurd.
Gleichzeitig ist ein KGV von 35 für 2026 kein Schnäppchen, und die Aktie ist seit dem Hoch bei 358 Dollar bereits um 12 Prozent gefallen, ohne dass sich an den Zahlen etwas verschlechtert hätte. Die Kursentwicklung der nächsten Jahre hängt weniger vom Geschäft ab als vom Vielfachen, das der Markt zu zahlen bereit ist. Das zeigt eine Szenariorechnung für Hilton auf Basis des erwarteten EBITDA 2028, bewertet zum Jahresende 2027.
| Szenario Hilton | Annahmen | EBITDA 2028 | Vielfaches | Kursziel | ggü. 313,96 $ |
|---|---|---|---|---|---|
| Bär | US-Rezession 2027, Umsatz je Zimmer −10 %, Zimmerwachstum 5 %, Rückkäufe gebremst | 4,0 Mrd. $ | 15× | ~221 $ | −30 % |
| Basis | Zimmer +6 %, Umsatz je Zimmer +2,5 %, 3,5 Mrd. $ Rückkäufe p. a. | 4,8 Mrd. $ | 18× | ~348 $ | +11 % |
| Bulle | Zimmer +7 %, Kartengebühren ziehen an, Marge steigt weiter | 5,1 Mrd. $ | 21× | ~451 $ | +44 % |
Gerechnet ist mit einer Nettoverschuldung von 13,5 bis 15,5 Milliarden Dollar, je nach Szenario, und 203 bis 210 Millionen Aktien. Das Ergebnis ist nicht spektakulär, aber aufschlussreich: Im Basisszenario wächst der Gewinn je Aktie weiter zweistellig, der Kurs aber nur um rund 11 Prozent, weil das Vielfache leicht sinkt. Die Aktie ist also keine Wette auf das Geschäft, sondern darauf, dass der Markt die Qualität des Gebührenstroms weiterhin so hoch bewertet. Im Bärenszenario fällt der Kurs um ein Drittel, obwohl Hilton operativ keine Krise erlebt, sondern nur eine gewöhnliche Rezession. Das Chance-Risiko-Verhältnis ist damit zum aktuellen Kurs grob ausgeglichen, nicht offensichtlich attraktiv — attraktiv wird es erst, wenn die Aktie in einer Konjunkturangst deutlich unter das 17-Fache fällt, während die Pipeline weiter wächst.
Was das für Anleger in Deutschland und Österreich bedeutet
Hilton und Marriott sind an der NYSE beziehungsweise der Nasdaq notiert und über alle gängigen Neobroker und Direktbanken auch an deutschen Handelsplätzen handelbar. Steuerlich sind sie für hiesige Anleger ungewöhnlich unkompliziert, gerade weil sie kaum Dividende zahlen: Hilton schüttet 60 Cent im Jahr aus, eine Rendite von 0,2 Prozent, Marriott kommt auf gut 0,8 Prozent. Die US-Quellensteuer von 15 Prozent, die mit dem Formular W-8BEN auf die deutsche Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent zuzüglich Kirchensteuer oder die österreichische KESt von 27,5 Prozent angerechnet wird, spielt damit kaum eine Rolle. Der Großteil der Rendite fließt über Rückkäufe und damit über den Kurs — steuerlich erst bei Verkauf relevant, was für langfristige Anleger einen echten Stundungsvorteil bedeutet.
Das größte Risiko für Euro-Anleger ist die Währung. Wer in Hilton investiert, hält eine Dollar-Anlage, deren Zimmer zu knapp zwei Dritteln in den USA stehen. Ein schwächerer Dollar kann die Rendite in Euro spürbar schmälern, ein stärkerer sie erhöhen. Wer das Geschäftsmodell ohne Dollarrisiko sucht, findet es in Europa bei Accor in Paris, das seit dem Verkauf von AccorInvest ebenfalls weitgehend asset-light arbeitet, mit rund 2,9 Prozent Dividendenrendite und einem Vielfachen von 14 deutlich günstiger bewertet ist, dafür aber ein schwächeres Treueprogramm und eine stärkere Abhängigkeit von Europa und dem Nahen Osten mitbringt. Die britische IHG, Muttergesellschaft von Holiday Inn und InterContinental, folgt demselben Modell und hat ebenfalls ein negatives Eigenkapital.
Wer dagegen bewusst auf einen Konjunkturaufschwung im Hotelgeschäft setzen will, findet den größeren Hebel bei den Eigentümern wie Host Hotels oder Park Hotels. Sie sind niedriger bewertet, zahlen deutlich höhere Dividenden — bei Park 6,5 Prozent —, tragen aber das volle Betriebsrisiko. Die Dividenden amerikanischer Immobilienfonds unterliegen für deutsche Anleger ebenfalls der Quellensteuer. Für ein Depot, das über einen ganzen Zyklus gehalten werden soll, spricht die Geschichte seit 2017 eindeutig für die Marke. Für einen taktischen Einstieg nach einem Einbruch kann das Gebäude die bessere Wahl sein — aber nur mit der Bereitschaft, einen zweiten Einbruch wie 2020 auszusitzen.
Fazit: Das beste Geschäft im Hotel ist, keines zu besitzen
Hilton und Marriott haben das Hotelgeschäft in zwei Teile zerlegt und den besseren behalten. Die Eigentümer tragen Kapital, Schulden, Personal und Zyklus; die Marke kassiert rund zehn Prozent des Zimmerumsatzes, vermietet zusätzlich ihre Treueprogramme an Banken und wächst jedes Jahr um sechs bis sieben Prozent, ohne einen Stein zu bewegen. Das Ergebnis sind 74 Prozent Marge, ein schrumpfender Aktienbestand und eine Rendite, die seit 2017 die der Gebäude um ein Vielfaches übertroffen hat.
Die Schwachstellen liegen nicht in der Bilanz, trotz des negativen Eigenkapitals, sondern in der Beziehung zum Eigentümer. Steigende Key-Money-Zahlungen, sinkende Eigentümermargen und die Frage, wer in einer Welt der KI-Buchungsassistenten den Gast besitzt, entscheiden darüber, ob die Pipeline in fünf Jahren noch so voll ist wie heute. Solange sie es ist, bleibt das Modell eines der verlässlichsten Wachstumsgeschäfte am Aktienmarkt. Nur der Preis für diese Verlässlichkeit ist mit dem 20-Fachen des EBITDA bereits hoch — die bessere Gelegenheit bietet nicht das gute Jahr, sondern die nächste Rezessionsangst, in der die Börse Marke und Gebäude wieder einmal in einen Topf wirft.

