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Acht Prozent im Jahr, jeden Monat aufs Konto: So verkauft sich JEPI, mit 46 Milliarden Dollar der größte Covered-Call-ETF der Welt. QYLD zahlt sogar 11,5 Prozent. Wer im Dezember 2013 10.000 Dollar in QYLD legte und jede Ausschüttung wieder anlegte, hat heute rund 29.000 Dollar. Derselbe Betrag im Nasdaq-100: 96.000 Dollar. Die Prämie, die diese Fonds ausschütten, ist kein Ertrag. Sie ist ein Verkaufserlös – und was verkauft wird, ist genau das Stück Rendite, für das man Aktien überhaupt besitzt.
Diese Analyse zerlegt die Maschine hinter der Ausschüttung. Sie zeigt, was ein Covered Call ökonomisch ist, warum der älteste Stillhalter-Index der Welt in 40 Jahren fast auf die Nachkommastelle dasselbe geliefert hat wie ein langweiliges Depot aus 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Tagesgeld, warum V-förmige Erholungen für diese Fonds der schlimmste Fall sind, und was nach Steuern in Deutschland und Österreich von acht oder elf Prozent „Rendite“ übrig bleibt. Am Ende steht die Frage, für wen diese Produkte trotzdem sinnvoll sind – denn es gibt diese Anleger, nur sind es weniger, als die Zuflüsse vermuten lassen.
Was ein Covered Call wirklich ist: ein Verkauf, kein Ertrag
Das Grundgeschäft ist einfach. Ein Anleger besitzt eine Aktie oder einen Index und verkauft einem Dritten das Recht, ihm diese Position innerhalb einer Frist zu einem festen Preis abzukaufen. Dafür kassiert er sofort eine Prämie. Steigt der Kurs über diesen Ausübungspreis, wird ihm die Aktie weggenommen; er behält die Prämie, aber nicht den Kursgewinn darüber. Fällt der Kurs, behält er die Aktie samt Verlust, gemildert nur um die kassierte Prämie.
Ein Zahlenbeispiel mit dem Standardrezept des ältesten Index dieser Art, des Cboe S&P 500 BuyWrite Index (BXM): Der Index steht bei 100, verkauft wird ein Call mit einem Monat Laufzeit direkt am Geld, also mit Ausübungspreis 100. Die Prämie liege bei 2 Prozent. Steigt der Markt im Monat um 8 Prozent, verdient das Stillhalter-Depot genau 2 Prozent – die restlichen 6 Prozentpunkte gehören dem Käufer des Calls. Bleibt der Markt stehen, verdient es 2 Prozent statt null. Fällt der Markt um 8 Prozent, verliert es 6 Prozent statt 8.
Aus dieser Tabelle folgt alles Weitere. Der Stillhalter tauscht die rechte Seite der Renditeverteilung – die großen Aufwärtsmonate – gegen einen festen Betrag, den er sofort bekommt. Die linke Seite, die großen Abwärtsmonate, behält er fast vollständig. Wer das „Einkommen“ nennt, beschreibt die Buchung auf dem Konto, nicht die Ökonomie. Ökonomisch ist die Prämie der Kaufpreis für einen Teil der künftigen Kursgewinne, und dieser Kaufpreis wird monatlich ausgeschüttet, als wäre er eine Dividende.
Der entscheidende Punkt: Aktien werfen auf lange Sicht deshalb mehr ab als Anleihen, weil sie gelegentlich sehr stark steigen. Ein großer Teil der Aktienrendite konzentriert sich auf wenige, außergewöhnlich gute Monate. Genau diese Monate verkauft der Covered Call. Er verkauft nicht irgendein Stück Rendite, sondern das Stück, das die Aktie von der Anleihe unterscheidet.
Die Maschine hinter der Ausschüttung: JEPI, JEPQ, QYLD
Die Kategorie ist in wenigen Jahren von einer Nische zu einer eigenen Anlageklasse geworden. Ende 2025 zählte der Datenanbieter ETF.com in den USA 151 Options-Income-ETFs mit zusammen 112 Milliarden Dollar Vermögen und 39 Milliarden Dollar Zuflüssen in einem einzigen Jahr. Allein JEPI verwaltete Ende August 2026 laut Factsheet von J.P. Morgan 46,16 Milliarden Dollar, der Schwesterfonds JEPQ auf den Nasdaq-100 rund 44 Milliarden. Beide haben 2026 bisher jeweils zwischen vier und fünf Milliarden Dollar neu eingesammelt.
Hinter dem Etikett „Covered Call“ stecken allerdings sehr unterschiedliche Konstruktionen, und der Unterschied erklärt einen großen Teil der Ergebnisse:
| Fonds | Basis | Optionsverkauf | Kosten p. a. | Ausschüttung letzte 12 Monate |
|---|---|---|---|---|
| QYLD (Global X) | Nasdaq-100, voll | Index-Calls am Geld, 1 Monat, auf 100 % des Depots | 0,60 % | 11,5 % |
| XYLD (Global X) | S&P 500, voll | Index-Calls am oder knapp über dem Geld, 1 Monat, auf 100 % | 0,60 % | 10,4 % |
| JEPI (J.P. Morgan) | aktiv ausgewählte, schwankungsarme S&P-500-Werte | Calls aus dem Geld über Equity-Linked Notes, rund 15 % des Vermögens | 0,35 % | 8,1 % |
| JEPQ (J.P. Morgan) | aktiv, Nasdaq-100-nah | Calls aus dem Geld über Equity-Linked Notes | 0,35 % | 11,1 % |
QYLD und XYLD sind die reine Lehre: Sie halten den ganzen Index und verkaufen auf den ganzen Index einen Call am oder knapp über dem Geld. Damit geben sie praktisch jeden Kursgewinn eines Monats ab. JEPI ist anders gebaut. Das Fondsmanagement wählt aus dem S&P 500 rund 100 Aktien mit niedriger Schwankung und stabilen Gewinnen aus und steckt einen Teil des Vermögens – laut Prospekt bis zu 20 Prozent, in der Praxis um die 15 – in sogenannte Equity-Linked Notes. Das sind Schuldverschreibungen von Banken, deren Auszahlung einem verkauften S&P-500-Call aus dem Geld nachgebildet ist. Die Calls haben einen Monat Laufzeit und sind über fünf Wochentranchen gestaffelt.
Das hat zwei Folgen, die man kennen muss. Erstens verkauft JEPI deutlich weniger Aufwärtspotenzial als QYLD, weil die Calls weiter vom aktuellen Kurs entfernt sind und nicht das ganze Depot abdecken. Zweitens ist JEPI nicht nur eine Stillhalter-Strategie, sondern zugleich eine Wette auf den Low-Volatility-Faktor. Welcher der beiden Bausteine 2022 geholfen hat, klärt ein späterer Abschnitt.
40 Jahre BXM: die Rechnung, die niemand druckt
Der BXM ist der ideale Prüfstand, weil er rückwirkend bis Juni 1986 berechnet wird und damit Crash 1987, Dotcom-Blase, Finanzkrise, Pandemie und Zinswende enthält. Das offizielle Factsheet von Cboe, Stand 31. August 2026, nennt diese Kennzahlen:
| Seit Juni 1986 | BXM (Covered Call) | S&P 500 inkl. Dividenden |
|---|---|---|
| Rendite pro Jahr | 8,6 % | 11,2 % |
| Schwankung pro Jahr | 10,7 % | 15,2 % |
| Maximaler Rückgang | −35,8 % | −50,9 % |
| Sharpe-Quote (seit 1989) | 0,56 | 0,57 |
| Aus 1 Dollar wurden | rund 28 Dollar | rund 71 Dollar |
Die Anbieter lesen daraus: weniger Schwankung, flachere Abstürze. Das stimmt. Aber es fehlt der Vergleich, auf den es ankommt. Wer keine Optionen verkauft, sondern einfach 70 Prozent in den S&P 500 steckt und 30 Prozent in kurzlaufende Staatsanleihen oder Tagesgeld, kommt auf folgende Überschlagsrechnung: 0,7 mal 11,2 Prozent plus 0,3 mal rund 3 Prozent Geldmarktzins im Schnitt seit 1986 ergibt etwa 8,8 Prozent Rendite. Die Schwankung liegt bei 0,7 mal 15,2, also 10,6 Prozent. Der schlimmste Rückgang bei 0,7 mal 50,9, also rund 35,6 Prozent.
| Kennzahl | BXM | 70 % Aktien / 30 % Cash (eigene Überschlagsrechnung) |
|---|---|---|
| Rendite p. a. | 8,6 % | ≈ 8,8 % |
| Schwankung p. a. | 10,7 % | ≈ 10,6 % |
| Maximaler Rückgang | −35,8 % | ≈ −35,6 % |
Das ist der Kernbefund dieser Analyse. Vierzig Jahre systematischer Optionsverkauf auf den breitesten Aktienindex der Welt haben ein Ergebnis produziert, das sich von einer simplen Mischung aus Aktien und Bargeld nicht unterscheiden lässt – nicht in der Rendite, nicht im Risiko, nicht im schlimmsten Absturz. Die Sharpe-Quote, also die Rendite pro Einheit Risiko, ist mit 0,56 gegenüber 0,57 praktisch identisch mit dem Index selbst.
Das war nicht immer so. Eine vielzitierte Studie von Ibbotson Associates aus dem Jahr 2004 fand für die ersten knapp 16 Jahre des BXM sogar eine leicht höhere Rendite als für den S&P 500 – 12,39 gegenüber 12,20 Prozent pro Jahr – bei rund zwei Dritteln der Schwankung. Auf dieser Studie beruht bis heute ein großer Teil des Marketings. Seitdem hat sich der Vorsprung aufgelöst. Die Prämie war also nie ein Geschenk, das dauerhaft auf dem Tisch lag – sie war über lange Zeiträume ziemlich genau der faire Preis für das, was man abgibt.
Für Anleger heißt das: Ein Covered-Call-Fonds ist keine Methode, mehr aus Aktien herauszuholen. Er ist eine teurere, steuerlich ungünstigere und weniger flexible Methode, weniger Aktien zu besitzen.
Drei von fünfzehn: die Kalenderjahre
Wie sich das im Alltag anfühlt, zeigen die Kalenderjahre seit 2011, ebenfalls aus dem Cboe-Factsheet:
| Jahr | BXM | S&P 500 TR | Differenz |
|---|---|---|---|
| 2011 | 5,7 % | 2,1 % | +3,6 |
| 2013 | 13,3 % | 32,4 % | −19,1 |
| 2015 | 5,2 % | 1,4 % | +3,8 |
| 2018 | −4,8 % | −4,4 % | −0,4 |
| 2019 | 15,7 % | 31,5 % | −15,8 |
| 2020 | −2,8 % | 18,4 % | −21,2 |
| 2022 | −11,4 % | −18,1 % | +6,7 |
| 2023 | 11,8 % | 26,3 % | −14,5 |
| 2024 | 20,1 % | 25,0 % | −4,9 |
| 2025 | 8,9 % | 17,9 % | −9,0 |
| 2011–2025 gesamt | × 2,83 | × 7,20 | 7,2 % gegen 14,1 % p. a. |
In der Tabelle fehlen fünf unspektakuläre Jahre, am Gesamtbild ändern sie nichts. Von fünfzehn Kalenderjahren war der BXM in genau dreien besser als der Index: 2011 und 2015, zwei Seitwärtsjahren, sowie 2022, dem Jahr der Zinswende. In den übrigen zwölf lag er zurück, teilweise um fast 20 Prozentpunkte. Aus einem Dollar wurden im Stillhalter-Index 2,83 Dollar, im Index selbst 7,20 Dollar.
Bemerkenswert ist das Jahr 2018. Der Markt fiel im vierten Quartal um fast 20 Prozent, ein klassisches Szenario, in dem der Stillhalter schützen soll. Er schützte nicht: Mit minus 4,8 Prozent schnitt der BXM schlechter ab als der Index. Der Grund liegt im Verlauf. Bis September stieg der Markt kräftig, und diese Gewinne hatte der Stillhalter Monat für Monat abgegeben. Als der Absturz kam, fing er ihn mit den Prämien nur teilweise ab. Er hatte die guten Monate verkauft und die schlechten behalten.
Die Asymmetrie des Weges: warum V-Erholungen der Albtraum sind
Das Jahr 2020 zeigt die gefährlichste Eigenschaft der Strategie noch deutlicher. Der S&P 500 fiel im Februar und März um ein Drittel und schloss das Jahr trotzdem mit plus 18,4 Prozent. Der BXM schloss mit minus 2,8 Prozent. Der Stillhalter nimmt den Absturz fast voll mit, weil eine einzelne Monatsprämie von zwei oder drei Prozent gegen einen Rückgang von 30 Prozent nichts ausrichtet. Die anschließende Erholung dagegen verkauft er Monat für Monat an den Käufer der Calls – ausgerechnet in der Phase, in der die Prämien wegen der hohen Schwankung besonders fett aussehen, aber die Kurssprünge noch fetter sind.
Dasselbe Muster wiederholte sich 2025. Vom Hoch am 19. Februar bis zum Tief rund um den 8. April, dem Höhepunkt der Zollpanik, verloren die Fonds (Gesamtrendite, eigene Berechnung auf Basis der Kursdaten):
| Fonds | Hoch 19.2.2025 bis Tief April | Tief April bis 29.9.2026 | 19.2.2025 bis 29.9.2026 gesamt |
|---|---|---|---|
| SPY (S&P 500) | −18,8 % | +56,5 % | +27,1 % |
| JEPI | −13,3 % | +24,3 % | +7,9 % |
| QQQ (Nasdaq-100) | −22,8 % | +78,6 % | +37,9 % |
| JEPQ | −20,1 % | +57,1 % | +25,6 % |
| QYLD | −18,9 % | +48,4 % | +20,4 % |
JEPI hat im Absturz 5,5 Prozentpunkte weniger verloren als der S&P 500 – und in der Erholung 32 Prozentpunkte weniger gewonnen. Über die gesamte Strecke steht ein Rückstand von 19 Prozentpunkten. Bei QYLD ist der Befund noch drastischer: Der „Schutz“ im Absturz betrug knapp vier Punkte, der Rückstand in der Erholung 30.
Man kann es als Faustregel formulieren. Ein Covered Call schützt vor langsamen, zähen Abwärtsphasen, in denen der Markt Monat für Monat ein wenig verliert und sich nicht erholt – 2022 war ein solches Jahr. Vor schnellen Crashs schützt er kaum, und nach schnellen Crashs kostet er am meisten. Weil die großen Kurseinbrüche der letzten Jahrzehnte fast alle schnell kamen und schnell gingen, ist das keine Randnotiz, sondern der Normalfall.
Die Ausschüttung ist eine Volatilitätsrente, keine Dividende
Viele Anleger behandeln die monatliche Zahlung eines Covered-Call-ETFs wie die Dividende eines Konsumgüterkonzerns: eine verlässliche Größe, die aus Gewinnen stammt. Das ist sie nicht. Die Höhe der Optionsprämie hängt fast vollständig davon ab, wie stark der Markt schwankt oder zu schwanken erwartet wird. Ist der VIX hoch, sind Calls teuer, und die Ausschüttung steigt. Ist der Markt ruhig, schrumpft sie.
Die Zahlen von JEPI zeigen das deutlich. Pro Anteil schüttete der Fonds 2021 rund 4,16 Dollar aus, im Krisenjahr 2022 dann 6,36 Dollar, 2023 nur noch 4,62 und 2024 4,22 Dollar. Die höchste Ausschüttung kam also in dem Jahr, in dem der Anteilswert fiel. Das klingt nach Stabilität, ist aber ein Warnsignal: Die „Rendite“ war 2022 hoch, weil der Markt Angst hatte, und sie wurde bezahlt, indem der Fonds die Erholung des Folgejahres billig verkaufte.
Noch deutlicher wird es bei den Fonds, die den ganzen Index überschreiben. QYLD startete im Dezember 2013 bei 25,04 Dollar je Anteil. Heute notiert er bei 18,55 Dollar, 26 Prozent tiefer, obwohl der Nasdaq-100 im selben Zeitraum um fast das Neunfache gestiegen ist. Ausgeschüttet hat QYLD in dieser Zeit 28,36 Dollar je Anteil. Die Ausschüttungen waren also größer als der ursprüngliche Anteilswert – und trotzdem ist die Gesamtrendite mit 190 Prozent ein Bruchteil der 864 Prozent des Index. Beim Schwesterfonds RYLD auf den Russell 2000 ist der Anteilswert seit 2019 von 25 auf 15,48 Dollar gefallen, minus 38 Prozent, bei einer Gesamtrendite von 47 Prozent gegenüber 97 Prozent für den Index.
Dieser Substanzverzehr ist kein Unfall, sondern Mechanik. Ein Fonds, der auf 100 Prozent des Depots Calls am Geld verkauft, kann im Aufwärtstrend kaum Kurswert aufbauen, weil er jeden Gewinn über dem Ausübungspreis abgibt. Im Abwärtstrend verliert er Kurswert fast vollständig. Über viele Zyklen driftet der Anteilswert deshalb nach unten, während eine hohe Ausschüttung den Eindruck erweckt, das Geld arbeite. Wer die Ausschüttungen konsumiert, verzehrt einen Teil seines Kapitals, ohne es auf dem Kontoauszug zu sehen.
Ist die Prämie fair? Die Volatilitätsrisikoprämie und ihre Grenzen
Die Anbieter argumentieren mit einer echten, gut belegten Anomalie: der Volatilitätsrisikoprämie. Optionen sind im Schnitt teurer, als es die später tatsächlich eingetretene Schwankung rechtfertigt, weil Käufer für Absicherung und für Lotterie-Chancen einen Aufschlag zahlen. Cboe beziffert diese Prämie für einmonatige S&P-500-Optionen auf 1,5 Prozentpunkte im Jahr 2022 und 3,6 Punkte im Jahr 2023. Wer systematisch Optionen verkauft, kassiert diese Differenz.
Das Problem liegt darin, wo die Prämie sitzt. Der größte Teil der Volatilitätsrisikoprämie steckt in Put-Optionen, also in der Absicherung gegen Kursstürze – dort zahlen institutionelle Anleger regelmäßig zu viel. Covered Calls verkaufen aber Calls, also das Recht auf Kursgewinne. Diese Seite der Verteilung ist am Aktienmarkt nicht systematisch überteuert. Im Gegenteil: Cboe-Strategin Mandy Xu wies 2024 darauf hin, dass die Nachfrage nach Calls auf den S&P 500 zeitweise so hoch war, dass die Call-Schiefe ein Zehnjahreshoch erreichte. Die Käufer wussten, was sie taten.
Dazu kommt ein zweiter Effekt. Eine Call-Option am Geld ist nicht nur eine Wette auf Schwankung, sie verkauft auch einen erheblichen Teil der Aktienmarktrisikoprämie – des Aufschlags, den Aktien langfristig gegenüber Geldmarkt bringen. Der Stillhalter bekommt also eine kleine Prämie für überteuerte Volatilität und gibt dafür einen großen Teil der Aktienrendite ab. Die 40 Jahre BXM zeigen, wie diese Rechnung ausgeht: Die beiden Effekte heben sich fast exakt auf.
Häufig wird auch die Sorge geäußert, die Flut von Stillhalter-Fonds drücke selbst die Prämien, weil immer mehr Verkäufer auf dieselben Calls treffen. Cboe fand dafür 2024 keine überzeugenden Belege: Das Vermögen der Optionsprämien-Fonds hatte sich seit 2019 auf rund 120 Milliarden Dollar versechsfacht, die Volatilitätsrisikoprämie war dennoch gestiegen. Das ist für Anleger eher eine gute Nachricht – ändert aber nichts daran, dass die Prämie schon vor dem Boom nur der faire Preis war.
Warum JEPI 2022 glänzte – und was das wirklich zeigt
JEPI ist der Fonds, auf den Befürworter verweisen. 2022, als der S&P 500 inklusive Dividenden 18,1 Prozent verlor, lag JEPI nur mit 3,5 Prozent im Minus. Das ist ein Vorsprung von fast 15 Prozentpunkten und deutlich mehr, als der BXM im selben Jahr schaffte (plus 6,7 Punkte). Woher kam der Rest?
Die Antwort liegt in der Aktienauswahl. JEPI hält keine Indexkopie, sondern ausgesuchte, schwankungsarme Werte mit stabilen Gewinnen: Versorger, Gesundheitswerte, Basiskonsum, Industrie. 2022 war das Jahr, in dem genau diese Sektoren glänzten und die hoch bewerteten Technologiewerte einbrachen. Der Optionsteil von JEPI – rund 15 Prozent des Vermögens in den Equity-Linked Notes – kann rechnerisch nur einen kleineren Teil des Vorsprungs erklären. Der größere Teil stammt aus der Faktorwette auf niedrige Schwankung und Qualität.
Dieselbe Wette kostete in den folgenden Jahren, als die großen Technologiewerte den Markt allein nach oben zogen. Laut Factsheet brachte JEPI in den drei Jahren bis 30. Juni 2026 im Schnitt 8,99 Prozent pro Jahr, der S&P 500 20,61 Prozent. Seit dem Start im Mai 2020 steht JEPI bei 11,25 Prozent jährlich gegenüber 18,05 Prozent für den Index. Aus 10.000 Dollar wurden bei JEPI 19.543 Dollar; im Index wären es gut 28.000 gewesen.
JEPQ schneidet relativ besser ab: seit Mai 2022 rund 16,3 Prozent pro Jahr gegenüber 20,8 Prozent für den Nasdaq-100. Weil der Nasdaq-100 stärker schwankt, fallen die Prämien höher aus, und weil die Calls aus dem Geld liegen, bleibt mehr Aufwärtspotenzial übrig. Trotzdem gilt: Auch der bestgemachte Fonds der Kategorie hat in einem der besten Aktienjahrzehnte der Geschichte ein Viertel bis ein Drittel der Rendite gekostet.
Steuern in Deutschland und Österreich: was von zehn Prozent übrig bleibt
Für Privatanleger in Deutschland sind die US-Originale JEPI, JEPQ und QYLD über die meisten Broker nicht kaufbar, weil für sie kein Basisinformationsblatt nach der EU-PRIIPs-Verordnung existiert. Es gibt aber europäische UCITS-Versionen, etwa den Global X Nasdaq 100 Covered Call UCITS ETF (ISIN IE00BM8R0J59, laufende Kosten 0,45 Prozent, synthetisch über einen Swap, monatliche Ausschüttung, rund 740 Millionen Euro Fondsvermögen) und den JPMorgan Global Equity Premium Income Active UCITS ETF (IE0003UVYC20, 0,35 Prozent), der eine JEPI-ähnliche Strategie verfolgt.
Steuerlich gelten diese Fonds als Aktienfonds, solange sie dauerhaft mindestens 51 Prozent in Aktien halten, und profitieren damit von der Teilfreistellung von 30 Prozent. Die Optionsprämien werden dabei nicht gesondert behandelt; sie fließen in die Ausschüttung ein. Auf jede Ausschüttung fallen damit effektiv rund 18,5 Prozent Steuer an (26,375 Prozent Abgeltungsteuer samt Solidaritätszuschlag auf 70 Prozent der Ausschüttung, ohne Kirchensteuer). Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro für Alleinstehende ist bei zehn Prozent Ausschüttung schon mit gut 14.000 Euro Anlagevolumen ausgeschöpft.
Der eigentliche Nachteil ist der verlorene Steuerstundungseffekt. Ein thesaurierender Indexfonds versteuert Gewinne im Wesentlichen erst beim Verkauf (von der geringen Vorabpauschale abgesehen). Ein Fonds, der acht bis zehn Prozent im Jahr ausschüttet, zieht die Steuer jedes Jahr vor. Selbst bei identischer Bruttorendite von 8 Prozent pro Jahr ergibt sich über 20 Jahre ein deutlicher Unterschied:
| 100.000 € über 20 Jahre, 8 % brutto p. a. | Endvermögen nach Steuern |
|---|---|
| Thesaurierend, Steuer erst beim Verkauf (18,5 % effektiv) | rund 398.500 € |
| Voll ausschüttend, jährlich versteuert und wieder angelegt | rund 353.900 € |
| Unterschied allein durch den Steuerzeitpunkt | −11 % |
Und dieser Vergleich unterstellt noch dieselbe Bruttorendite. Tatsächlich liegt sie beim Covered Call, wie gezeigt, über lange Zeiträume deutlich darunter. Wer außerdem mehr ausgeschüttet bekommt, als der Fonds insgesamt verdient, zahlt Steuern auf Geld, das bei genauer Betrachtung sein eigenes Kapital ist; der Kursverlust des Anteils wird erst beim Verkauf verrechnet, und dann ebenfalls nur zu 70 Prozent.
In Österreich fallen auf Ausschüttungen 27,5 Prozent KESt an. Entscheidend ist dort der Status als Meldefonds: Nur wenn der Anbieter die steuerlichen Daten an die Oesterreichische Kontrollbank meldet, wird korrekt und ohne pauschale Strafbesteuerung abgerechnet. Das sollte vor dem Kauf auf der OeKB-Seite geprüft werden. Eine Teilfreistellung wie in Deutschland gibt es nicht. Der Stundungsnachteil ist etwas kleiner als in Deutschland, weil auch thesaurierende Meldefonds ihre laufenden Erträge jährlich als ausschüttungsgleiche Erträge versteuern. Unrealisierte Kursgewinne bleiben dort aber bis zum Verkauf steuerfrei – und genau diese Kursgewinne wandelt der Covered Call über die Optionsprämie in sofort steuerpflichtige Ausschüttungen um.
Die ehrliche Alternative: die selbstgebaute Ausschüttung
Wer monatlich Geld aus seinem Depot braucht, etwa im Ruhestand, hat einen einfacheren Weg. Er hält einen breiten, kostengünstigen Aktien-ETF und einen Anteil Tagesgeld oder kurzlaufende Anleihen und verkauft regelmäßig so viele Anteile, wie er braucht. Das ist eine selbstgebaute Ausschüttung. Sie hat drei Vorteile.
Erstens behält der Anleger die großen Aufwärtsmonate, die der Covered Call verkauft. Zweitens bestimmt er den Steuerzeitpunkt: Bei einem Entnahmeplan wird nur der Gewinnanteil der verkauften Anteile besteuert, nicht die gesamte Entnahme. In den ersten Jahren ist das oft nur ein kleiner Teil. Drittens zahlt er für einen Weltaktien-ETF 0,1 bis 0,2 Prozent statt 0,35 bis 0,60 Prozent.
Der oft gehörte Einwand lautet, man müsse bei einem Entnahmeplan in schlechten Jahren Anteile zu tiefen Kursen verkaufen. Das stimmt – aber der Covered Call tut genau dasselbe, nur unsichtbar. Seine Ausschüttung in einem schlechten Jahr ist zum Teil der Erlös aus Optionen, die die Erholung des nächsten Jahres billig abgeben. Die Kosten sind nicht weg, sie stehen nur nicht auf dem Kontoauszug. Und die Mischung aus 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Cash liefert, wie die BXM-Rechnung zeigt, ohnehin das gleiche Risikoprofil.
Es gibt dennoch Anleger, für die Covered-Call-Fonds eine vertretbare Wahl sind. Wer sich selbst kennt und weiß, dass er in einem Crash verkaufen würde, bekommt mit der gleichmäßigen Ausschüttung eine Verhaltensbremse, die etwas wert sein kann. Wer in einem US-Altersvorsorgekonto investiert, in dem Steuern keine Rolle spielen, hat den größten Nachteil nicht. Und in ausgeprägten Seitwärtsmärkten mit hoher Schwankung, wie 2011 oder 2015, spielt die Strategie ihre Stärke aus. Nur sollte man wissen, dass man mit dem Kauf eine Wette auf genau dieses Szenario eingeht.
Szenarien für die nächsten fünf Jahre
Aus den Kalenderjahren des BXM seit 2011 lassen sich grobe Faustwerte ableiten, wie ein klassischer Covered-Call-Fonds in verschiedenen Marktphasen abschneidet. Die folgende Tabelle ist stilisiert und keine Prognose, zeigt aber die Größenordnungen:
| Szenario (5 Jahre) | S&P 500 gesamt | Covered Call gesamt (Faustwert) | Gewinner |
|---|---|---|---|
| Boom: +15 % pro Jahr | ≈ +100 % | ≈ +40 bis +50 % | Index, deutlich |
| Normaljahre: +8 % pro Jahr | ≈ +47 % | ≈ +30 bis +38 % | Index |
| Seitwärts: 0 bis +2 % pro Jahr | ≈ 0 bis +10 % | ≈ +20 bis +28 % | Covered Call |
| Zäher Bärenmarkt ohne Erholung: −30 % | ≈ −30 % | ≈ −15 bis −20 % | Covered Call |
| Crash −30 % und schnelle Erholung auf +25 % | ≈ +25 % | ≈ 0 bis +10 % | Index, deutlich |
Wer einen Covered-Call-Fonds kauft, setzt also darauf, dass die nächsten Jahre eher seitwärts laufen oder langsam fallen. Das kann man tun, etwa mit Blick auf hohe Bewertungen am US-Markt. Aber dann ist es eine bewusste Marktmeinung, keine Einkommensstrategie – und dieselbe Meinung lässt sich billiger und steuerlich günstiger umsetzen, indem man einfach die Aktienquote senkt.
Wer sich trotz allem für einen Covered-Call-ETF entscheidet, sollte drei Fragen prüfen. Erstens: Auf welchen Anteil des Depots werden Calls verkauft, und wie weit liegen sie vom Kurs entfernt? Je näher am Geld und je größer der überschriebene Anteil, desto höher die Ausschüttung und desto geringer das Wachstum. Fonds, die nur einen Teil überschreiben oder Calls aus dem Geld verkaufen, geben weniger ab und schneiden in starken Märkten besser ab.
Zweitens: Wie hat sich der Anteilswert über mehrere Jahre entwickelt? Ein dauerhaft fallender Kurs bei hoher Ausschüttung ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Kapital zurückgezahlt wird. Drittens: Wird die Gesamtrendite mit einem sinnvollen Vergleich gemessen – nicht mit dem Index allein, sondern mit einer Mischung aus Index und Cash mit ähnlichem Risiko?
Besonders kritisch sind die neuesten Ableger der Kategorie, die auf Einzelaktien wie Tesla oder Nvidia oder mit täglich verfallenden Optionen Ausschüttungen von 30, 50 oder mehr Prozent versprechen. Dort wird der Substanzverzehr nicht über Jahre, sondern über Monate sichtbar. Die hohe Zahl im Namen ist keine Rendite, sondern eine Rechengröße aus Optionsprämie und Anteilswert, und der Anteilswert ist genau das, was dabei schmilzt.
Fazit: eine teure Art, weniger Aktien zu besitzen
Covered-Call-ETFs verkaufen etwas Echtes, aber nicht das, was auf dem Etikett steht. Sie verkaufen nicht zusätzliches Einkommen, sondern die großen Kursgewinne der Zukunft gegen eine sofortige Zahlung. Vierzig Jahre Daten des ältesten Stillhalter-Index zeigen, dass dieser Tausch im Schnitt fair war: Die Strategie lieferte Rendite, Schwankung und Maximalverlust einer Mischung aus 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Cash, mit derselben Rendite pro Risikoeinheit wie der Index selbst.
Der Unterschied zur Mischung liegt in dem, was der Covered Call zusätzlich kostet: höhere Gebühren, eine vorgezogene Steuerlast, die in Deutschland über 20 Jahre leicht zehn Prozent des Endvermögens ausmacht, und eine gefährliche Eigenschaft in schnellen Erholungen, in denen er den Absturz voll mitnimmt und die Erholung verkauft. Die hohe Ausschüttung ist dabei keine Leistung des Fonds, sondern eine Folge der Marktschwankung, und bei den Fonds, die das ganze Depot überschreiben, zum Teil schlicht das eigene Kapital des Anlegers.
Wer monatliches Einkommen aus einem Aktiendepot will, erreicht das mit einem breiten, günstigen ETF, einem Cash-Puffer und einem Entnahmeplan zuverlässiger, günstiger und steuerlich klüger. Covered Calls sind ein Werkzeug für eine konkrete Marktmeinung, nicht für einen Ruhestandsplan. Wer sie kauft, sollte wissen, dass er nicht auf acht oder elf Prozent Rendite setzt – sondern darauf, dass die nächsten Jahre an der Börse langweilig werden.

