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Eine Tonne gebrochener Naturstein kostet am Werkstor 22,97 Dollar. Achtzig Kilometer weiter kommen zehn bis zwölf Dollar Fracht obendrauf — fast so viel wie der Stein selbst. Aus dieser einen Rechnung entsteht der härteste Burggraben des amerikanischen Aktienmarktes: Wer den Steinbruch am Stadtrand besitzt, hat im Umkreis von fünfzig Meilen schlicht keinen Wettbewerber. Der Markt zahlt dafür das Doppelte dessen, was er europäischen Baustoffkonzernen zugesteht. Und trotzdem stehen beide Aktien, denen dieser Burggraben gehört, rund dreißig Prozent unter ihrem Hoch.
Das ist kein Widerspruch, den man mit einem Satz auflöst. Es ist die interessanteste Bewertungsfrage im Materialsektor: Wenn der Burggraben so unbestreitbar ist, warum funktioniert er im Kurs gerade nicht? Und wenn er nicht funktioniert — war er dann je so viel wert, wie das Vielfache unterstellt?
Der Rohstoff, der sich selbst verteidigt
Gesteinskörnungen — im amerikanischen Sprachgebrauch aggregates, also gebrochener Naturstein, Kies und Sand — sind das langweiligste Produkt, das an einer Börse notiert ist. Es ist chemisch trivial, technisch austauschbar, überall auf der Welt vorhanden und kostet pro Tonne weniger als ein Mittagessen. Nach jeder Lehrbuchlogik müsste es ein Geschäft mit null Marge sein. Es ist das Gegenteil.
Der Grund steckt nicht im Stein, sondern im Diesel. Der amerikanische Branchenverband NSSGA beziffert den Transportanteil am gelieferten Preis einer Tonne auf 50 bis 70 Prozent. Ein Lkw-Transport kostet je nach Markt und Dieselpreis zwischen 10 und 25 Cent pro Tonnenmeile. Bahn ist mit 2 bis 5 Cent pro Tonnenmeile deutlich günstiger, aber sie braucht Gleisanschluss an beiden Enden und ein Umschlagterminal — eine Investition, die sich nur für die größten Ströme rechnet.
Setzt man diese Zahlen zusammen, ergibt sich die Faustregel, die die gesamte Branchenstruktur erklärt: Jenseits von etwa fünfzig Meilen, also rund achtzig Kilometern, ist ein Steinbruch für einen Kunden wirtschaftlich nicht mehr erreichbar. Bei einem Werkstorpreis von 22,97 Dollar — so viel erlöste Vulcan Materials im zweiten Quartal 2026 im Schnitt je Tonne, frachtbereinigt — addiert ein Transport über fünfzig Meilen zehn bis zwölfeinhalb Dollar. Der Kunde zahlt also 45 bis 55 Prozent Aufschlag, bevor überhaupt jemand am Preis gedreht hat.
Das ist die entscheidende Asymmetrie. Ein Wettbewerber, der sechzig Meilen entfernt sitzt, kann den lokalen Anbieter nicht unterbieten, selbst wenn er zwanzig Prozent billiger produziert. Seine Fracht frisst den Vorteil auf, bevor er beim Kunden ankommt. Der Burggraben ist keine Marke, kein Patent und keine Netzwerkökonomie — es ist schlicht Physik multipliziert mit dem Dieselpreis.
Warum 3.500 Steinbrüche trotzdem ein Monopol ergeben
Hier liegt der Denkfehler, an dem die meisten Investoren beim ersten Blick auf die Branche scheitern. Die amerikanische Gesteinsindustrie ist auf nationaler Ebene extrem zersplittert. Der US Geological Survey zählt für 2025 rund 1.400 Unternehmen, die etwa 3.500 Steinbrüche betreiben und daraus rund 1,5 Milliarden Tonnen gebrochenen Naturstein im Wert von etwa 27 Milliarden Dollar fördern. Dazu kommen etwa 3.400 Unternehmen mit 6.500 Kies- und Sandgruben, gut 870 Millionen Tonnen, rund 12,6 Milliarden Dollar. Fast 5.000 Firmen in einem 40-Milliarden-Markt — nach jedem Konzentrationsmaß ist das ein Wettbewerbsmarkt.
Nur ist die nationale Statistik hier ohne jede Aussagekraft. Ein Steinbruch in Alabama konkurriert nicht mit einem in Oregon; er konkurriert mit den zwei oder drei Gruben, die im selben Umkreis von fünfzig Meilen liegen. Der relevante Markt ist nicht das Land, sondern der Kreis. Und auf dieser Ebene sieht das Bild völlig anders aus: In vielen der wachstumsstarken Metropolregionen des Südens und Südwestens teilen sich zwei bis vier Anbieter die Versorgung, und einer davon hält häufig den Steinbruch mit der besten Lage.
| Kennzahl (USA, 2025) | Gebrochener Naturstein | Kies und Sand |
|---|---|---|
| Menge | rund 1,5 Mrd. Tonnen | rund 870 Mio. Tonnen |
| Wert | rund 27 Mrd. Dollar | rund 12,6 Mrd. Dollar |
| Unternehmen | rund 1.400 | rund 3.400 |
| Betriebsstätten | rund 3.500 Steinbrüche | rund 6.500 Gruben |
| Durchschnittserlös je Tonne (2024) | 15,88 Dollar | 12,61 Dollar |
Die Differenz zwischen dem nationalen Durchschnittserlös von 15,88 Dollar und Vulcans 22,97 Dollar ist selbst schon eine Aussage. Sie misst, was Lage wert ist: Die großen börsennotierten Anbieter sitzen überproportional in Ballungsräumen mit knapper Genehmigungslage und hoher Bautätigkeit, der Landesdurchschnitt enthält jede abgelegene Grube in dünn besiedelten Bundesstaaten. Rund zwei Drittel Aufschlag auf den Landesschnitt — das ist der monetarisierte Standortvorteil.
Die zweite Mauer: das Genehmigungsverfahren
Ein Burggraben aus Frachtkosten allein wäre angreifbar. Wer genug Geld hat, eröffnet einen neuen Steinbruch näher am Kunden und dreht den Vorteil um. Genau das passiert praktisch nicht mehr — und zwar nicht aus ökonomischen, sondern aus regulatorischen Gründen.
Vulcan Materials formuliert es im eigenen Geschäftsbericht bemerkenswert offen: Auflagen zu Flächennutzung und Genehmigung hätten es der Branche zunehmend erschwert, bestehende Steinbrüche zu erweitern oder neue zu erschließen; in vielen Metropolmärkten bestünden erhebliche Marktzutrittsschranken. Und dann der Satz, der das Geschäftsmodell zusammenfasst: Diese Beschränkungen bremsen zwar die eigene Expansion — sie erhöhen aber den Wert der Vorräte an bestehenden Standorten.
Das ist eine ungewöhnlich ehrliche Beschreibung einer Regulierungsrente. Ein Steinbruch ist laut, staubig, erzeugt Schwerlastverkehr und gelegentlich Sprengerschütterungen. Kein Stadtrat einer wachsenden Vorstadt genehmigt gern einen neuen. Der USGS schreibt dazu, Engpässe in städtischen und industrialisierten Regionen dürften durch kommunale Flächennutzungsvorschriften und konkurrierende Nutzungen weiter zunehmen, sodass neue Kies- und Sandgruben zwangsläufig weiter weg von den Ballungszentren entstehen. Weiter weg heißt: teurer in der Fracht. Der Zutritt wird also nicht verboten, er wird unwirtschaftlich gemacht.
Vulcan hält vor diesem Hintergrund 16,6 Milliarden Tonnen nachgewiesene und wahrscheinliche Vorräte. Bei rund 230 Millionen Tonnen Jahresabsatz entspricht das über siebzig Jahren Reichweite — und diese Vorräte liegen zum guten Teil dort, wo heute niemand mehr eine Neugenehmigung bekäme.
Wer das für ein rein amerikanisches Phänomen hält, sollte nach Deutschland schauen. Der Bundesverband Mineralische Rohstoffe beziffert den heimischen Bedarf an Gesteinskörnungen auf über 500 Millionen Tonnen im Jahr — nach Trinkwasser der zweitgrößte Stoffstrom des Landes. Gefördert wird er von rund 1.600 überwiegend mittelständischen Unternehmen an etwa 2.700 Standorten. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe bezifferte die gewinnbare Produktion gebrochener Natursteine für 2024 auf rund 168 Millionen Tonnen, während der Verband den Bedarf bei etwa 190 Millionen Tonnen sieht. Recyclingbaustoffe decken derzeit rund 17 Prozent der Gesamtnachfrage. Die Lücke ist real, und der Verband macht daraus eine politische Forderung: schnellere Genehmigungsverfahren. Dieselbe Mauer, andere Rechtsordnung.
Wie sich die Mauer in Geld übersetzt: Vulcans Rechnung je Tonne
Der Burggraben ist erst dann ein Investmentargument, wenn er sich in der Gewinn- und Verlustrechnung zeigt. Bei Vulcan Materials tut er das in einer einzigen Kennzahl, die das Management selbst in den Mittelpunkt stellt: dem Cash-Bruttoertrag je Tonne.
Im zweiten Quartal 2026 lieferte Vulcan 59,9 Millionen Tonnen aus, ein Prozent mehr als im Vorjahr, trotz Regenfällen in Texas und im Südosten. Der frachtbereinigte Preis lag bei 22,97 Dollar je Tonne, mixbereinigt fünf Prozent über Vorjahr und laut Unternehmen breit über alle Regionen hinweg. Der Cash-Bruttoertrag je Tonne stieg auf 12,02 Dollar, ein Plus von 14 Cent. Das bereinigte EBITDA lag mit 654 Millionen Dollar etwa auf Vorjahresniveau — und zwar gegen einen Energiegegenwind von 40 Millionen Dollar.
Dieser letzte Punkt ist wichtiger, als er klingt. Der Burggraben aus Frachtkosten hat eine unangenehme Nebenwirkung: Diesel ist zugleich der größte variable Kostenblock des Produzenten. Steigt der Dieselpreis, wird die Mauer höher — aber der eigene Betrieb teurer. Vulcan hat 2026 genau diesen Effekt erlebt und den Preis schneller erhöht, als die Energie teurer wurde. Dass der Bruttoertrag je Tonne trotz 40 Millionen Dollar Gegenwind gestiegen ist, ist der eigentliche Beleg für Preissetzungsmacht.
Die längere Reihe ist beeindruckender als das Quartal. 2025 erreichte Vulcan 11,33 Dollar Cash-Bruttoertrag je Tonne — 45 Prozent mehr als 2022, und das bei nur 227 Millionen ausgelieferten Tonnen statt der ursprünglich unterstellten 260 bis 270 Millionen. Der freie Cashflow überstieg 1,1 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie drei Jahre zuvor. Das Management hat daraufhin ein neues Ziel ausgerufen: 20 Dollar je Tonne auf jenen 260 bis 270 Millionen Tonnen, was einem bereinigten EBITDA von 4,5 bis 5 Milliarden Dollar entspräche — grob dem Doppelten des heutigen Niveaus. Der Vorstand betont ausdrücklich, dass dafür kein zweistelliges Mengenwachstum nötig sei.
| Vulcan Materials | 2022 | 2025 | Q2 2026 | Ziel |
|---|---|---|---|---|
| Cash-Bruttoertrag je Tonne | rund 7,80 Dollar | 11,33 Dollar | 12,02 Dollar | 20 Dollar |
| Absatz | — | 227 Mio. t | 59,9 Mio. t (Quartal) | 260–270 Mio. t |
| Bereinigtes EBITDA | — | rund 2,4 Mrd. Dollar | 654 Mio. Dollar (Quartal) | 4,5–5,0 Mrd. Dollar |
| Freier Cashflow | rund 0,5 Mrd. Dollar | über 1,1 Mrd. Dollar | — | — |
Ein Teil dieses Fortschritts ist nicht Burggraben, sondern Handwerk. Vulcan hat ein Prozessleitsystem auf inzwischen 75 Prozent der Produktion ausgerollt; an diesen Standorten stiegen die Produktionskosten 2025 um weniger als ein Prozent gegenüber 2,6 Prozent an den nicht ausgerüsteten Werken. Auf der Vertriebsseite wurden über 14.000 Bauvorhaben nachverfolgt, 38.000 Angebote in Aufträge überführt und zwei Milliarden Dollar Kundenzahlungen über das eigene Portal abgewickelt. Das ist unspektakulär und genau deshalb glaubwürdig: Es sind Kostenpunkte und Abschlussquoten, keine Erzählung.
Martin Marietta: dieselbe Mauer, ein anderer Kapitaleinsatz
Der zweite amerikanische Reinwert im Sektor liefert im selben Quartal eine Zahl, die auf den ersten Blick blendend und auf den zweiten unangenehm aussieht. Martin Marietta steigerte den Umsatz im zweiten Quartal 2026 um 21 Prozent auf 1,947 Milliarden Dollar, das bereinigte EBITDA aus fortgeführter Geschäftstätigkeit um 13 Prozent auf 638 Millionen Dollar, und meldete für das erste Halbjahr erstmals über eine Milliarde Dollar.
Die Aufschlüsselung relativiert das erheblich. Die Auslieferungen stiegen um 17 Prozent auf 61,6 Millionen Tonnen — organisch aber nur um 2,3 Prozent. Der ausgewiesene Durchschnittspreis fiel um zwei Prozent auf 22,74 Dollar je Tonne; organisch stieg er um 2,1 Prozent, mixbereinigt um 3,7 Prozent. Der Bruttoertrag je Tonne sackte um 17 Prozent auf 6,78 Dollar ab, belastet von 84 Cent je Tonne aus der Neubewertung übernommener Vorräte (52 Millionen Dollar) und 42 Millionen Dollar höheren Abschreibungen.
Anders gesagt: Ein großer Teil des Wachstums war gekauft, nicht verdient, und der Zukauf verwässerte kurzfristig genau die Kennzahl, auf die es in diesem Geschäft ankommt. Das ist buchhalterisch normal und geht vorüber. Die strategische Frage dahinter geht nicht vorüber.
Im Juni 2026 kündigte Martin Marietta den Zusammenschluss mit Lhoist North America an, 13,5 Milliarden Dollar, davon 7 Milliarden in bar und 6,5 Milliarden in eigenen Aktien; vollzogen am 21. August 2026. Das Unternehmen wird damit zum größten Kalk- und Kalksteinproduzenten der USA, mit 20 Steinbrüchen und 45 Distributionsterminals. Die Aktie fiel am Ankündigungstag um 5,7 Prozent.
Die Einwände der Analysten waren präzise und treffen den Kern der Investmentthese. Erstens die Verwässerung: 6,5 Milliarden Dollar in Aktien bei einer Marktkapitalisierung von gut 35 Milliarden sind kein Rundungsfehler. Zweitens die Verschuldung — die Nettoverschuldung wurde zum Vollzug bei rund dem 3,7-Fachen des EBITDA erwartet, deutlich über dem, was Anleger von diesem Unternehmen gewohnt sind. Drittens, und am wichtigsten: Gebrannter Kalk ist kein Gesteinsgeschäft. Er ist energieintensiv, zyklischer, von Stahl-, Papier- und Umweltschutzkunden abhängig, und er hat nicht denselben Frachtburggraben. Bezahlt wurden dafür rund 15,5-mal EBITDA.
Man kann den Deal verteidigen — Kalk und Kalkstein teilen die Rohstoffbasis, und die Endmärkte korrelieren nicht perfekt mit dem Hochbau. Aber wer ein Unternehmen wegen eines physikalisch geschützten Regionalmonopols kauft und dafür einen Aufpreis zahlt, bekommt ab jetzt zu einem wachsenden Teil etwas anderes geliefert. Das ist die exakte Definition einer Burggrabenverwässerung.
Das doppelte Vielfache
Jetzt zur eigentlichen Frage. Wenn Gesteinskörnungen dieses Geschäft sind — warum zahlt der Markt dann in Europa für dieselbe physikalische Logik die Hälfte?
| Unternehmen | Kurs (22.9.2026) | Börsenwert | EV/EBITDA | KGV (erwartet) | Abstand zum 52-Wochen-Hoch |
|---|---|---|---|---|---|
| Vulcan Materials (VMC) | 247,87 Dollar | 32,1 Mrd. Dollar | 15,8 | 23,3 | −25 % |
| Martin Marietta (MLM) | 499,34 Dollar | 35,5 Mrd. Dollar | 17,0 | 23,4 | −30 % |
| CRH plc | 88,04 Dollar | 58,6 Mrd. Dollar | 9,9 | 13,6 | −33 % |
| Heidelberg Materials | 148,25 Euro | 26,1 Mrd. Euro | 8,5 | 10,3 | −39 % |
| Holcim | 68,56 Franken | 37,9 Mrd. Franken | 15,4 | 15,9 | −17 % |
| Cemex | 10,24 Dollar | 14,8 Mrd. Dollar | 6,6 | 11,3 | −25 % |
| Eagle Materials (EXP) | 183,16 Dollar | 5,6 Mrd. Dollar | 10,2 | 13,0 | −25 % |
Die Spanne ist enorm: 15,8 und 17,0 für die amerikanischen Reinwerte, 8,5 für Heidelberg Materials, 9,9 für CRH, 6,6 für Cemex. Beim erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis öffnet sich die Schere noch weiter — 23 gegenüber 10 bis 14.
Der bequeme Erklärungsversuch lautet „amerikanische Aktien sind eben teurer“. Das ist zu billig. Der Unterschied ist überwiegend ein Unterschied im Geschäftsmodell, und er lässt sich benennen.
Was die Europäer tatsächlich anders machen
Heidelberg Materials, Holcim, CRH und Cemex sind keine Gesteinsunternehmen, die zufällig in Europa notieren. Sie sind integrierte Baustoffkonzerne, deren Gewinnschwerpunkt im Zement liegt — und Zement ist ein völlig anderes Geschäft.
Erstens ist Zement kapitalintensiv in einer Größenordnung, die mit einem Steinbruch nichts gemein hat. Ein Drehrohrofen kostet dreistellige Millionenbeträge und läuft dreißig Jahre; die Anlage muss hoch ausgelastet werden, und genau das zwingt in Abschwüngen zu Preiszugeständnissen, die ein Steinbruch nicht machen muss. Ein Steinbruch kann eine Schicht streichen und hat kaum Fixkostenremanenz — ein Zementwerk nicht.
Zweitens ist Zement handelbar. Eine Tonne Klinker verträgt Seefracht über Tausende Kilometer, weil sie pro Tonne ein Vielfaches des Kieses wert ist. Damit fällt genau der Schutz weg, der Gesteinskörnungen definiert: Importe aus der Türkei, Nordafrika oder Asien können regionale Preisspitzen kappen. Die Mauer der Physik gilt nur für das billige Produkt.
Drittens, und für europäische Anleger am wichtigsten: Zement trägt eine CO₂-Last, die Gesteinskörnungen nicht haben. Die Kalzinierung setzt prozessbedingt Kohlendioxid frei — unvermeidbar, chemisch, unabhängig vom Brennstoff. Im europäischen Emissionshandel ist das eine laufende, politisch gesetzte Kostenposition mit unsicherem Pfad. Brechen und Sieben von Gestein verbraucht Diesel und Strom, sonst nichts. Kein Investor muss bei Vulcan modellieren, was eine Tonne CO₂ 2035 kostet.
Dass dieser Abschlag nicht operatives Versagen ist, zeigen die aktuellen Zahlen. Heidelberg Materials steigerte den Umsatz im ersten Halbjahr 2026 um sechs Prozent auf 6,044 Milliarden Euro und das Ergebnis des laufenden Geschäftsbetriebs um vier Prozent auf 1,086 Milliarden Euro. Die EBITDA-Marge im Zement verbesserte sich auf Zwölfmonatssicht um 110 Basispunkte auf 27,5 Prozent, die im Zuschlagstoffgeschäft um 108 Basispunkte auf 25,7 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie legte auf 4,47 Euro zu, der Ausblick für das operative Ergebnis liegt bei 3,40 bis 3,65 Milliarden Euro.
Bemerkenswert daran: Die Marge im europäischen Zuschlagstoffgeschäft liegt mit 25,7 Prozent nicht dramatisch unter dem, was die Amerikaner erzielen. Der Bewertungsabschlag betrifft also nicht das Gesteinsgeschäft selbst — er betrifft den Konzern, in dem es steckt. Wer Heidelberg Materials mit 8,5-fachem EBITDA kauft, kauft ein gutes Gesteinsgeschäft in einem regulatorisch belasteten Zementmantel. Wer Vulcan mit 15,8-fachem kauft, kauft das Gesteinsgeschäft pur — und zahlt für die Reinheit.
Die Schwachstelle, die der Burggraben nicht deckt
Jetzt der Teil, den Burggraben-Erzählungen gern auslassen. Die Mauer schützt den Preis. Sie schützt die Menge nicht — kein Stück.
Die amerikanische Gesteinsproduktion erreichte 2006 auf dem Höhepunkt der Immobilienblase etwa 3,1 Milliarden Tonnen. Bis 2011 fiel allein die Produktion gebrochenen Natursteins auf 1,16 Milliarden Tonnen — 35 Prozent unter dem Rekord von 1,78 Milliarden Tonnen aus 2006. Der Verbrauch lag 2025 bei rund 2,6 Milliarden Tonnen und damit immer noch 23 Prozent unter dem Niveau von 2006.
Man lese diesen Satz zweimal. Zwanzig Jahre nach dem Hoch hat der Sektor mit dem angeblich stärksten Burggraben Amerikas sein altes Mengenniveau nicht wieder erreicht. Zwischen 2015 und 2025 wuchs der Verbrauch gebrochenen Natursteins im Mittel um 0,6 Prozent pro Jahr, der von Kies und Sand um 0,1 Prozent. Das ist Stagnation.
Und auch die Preisseite ist nicht ganz so unantastbar, wie die Branchenpräsentationen nahelegen. Nach 2008 folgte eine mehrjährige Schwächephase, in der die Preise für Gesteinskörnungen bis etwa 2016 real nachgaben, bevor der heutige Aufwärtstrend begann. Der Burggraben verhindert, dass ein Wettbewerber in den Markt einbricht. Er verhindert nicht, dass in einem tiefen Bauabschwung alle Anbieter im Kreis gleichzeitig um weniger Tonnen konkurrieren.
| Zyklusmarke | Menge (gebrochener Naturstein) | Abstand zum Rekord |
|---|---|---|
| 2006 (Rekord) | 1,78 Mrd. t | — |
| 2011 (Tief) | 1,16 Mrd. t | −35 % |
| 2025 | rund 1,5 Mrd. t | rund −16 % |
| Gesamtverbrauch 2025 (alle Körnungen) | rund 2,6 Mrd. t | −23 % gegenüber 2006 |
Genau diese Mengenfrage erklärt die Kursentwicklung 2026. Der Wohnungsbau bleibt durch hohe Hypothekenzinsen gebremst; Vulcan verfehlte im vierten Quartal 2025 die Erwartungen, weil die Wohnbaunachfrage nach Beton, Asphalt und Gestein ausblieb. J.P. Morgan stufte die Aktie ab und wies darauf hin, dass das Nachfragewachstum bis 2027 gedämpft bleiben könnte. Die Mengenprognose für 2026 lautet plus ein bis drei Prozent. Das ist kein Einbruch — aber es ist auch nichts, was ein 23-faches erwartetes Ergebnis trägt, wenn der Markt die Geduld verliert.
Bemerkenswert ist der Kontrast zur Branchenstatistik: Der USGS meldet für das erste Quartal 2026 rund 301 Millionen Tonnen gebrochenen Naturstein (plus sechs Prozent) und für das zweite Quartal 413 Millionen Tonnen (plus 6,8 Prozent). Die Branche wächst also schneller als die beiden Marktführer, was auf Marktanteilsverschiebungen und regionale Unterschiede hindeutet — und den Eindruck relativiert, hier bräche gerade ein Zyklus zusammen.
Der 30. September
Über allem hängt ein Datum, das in einer Woche erreicht ist. Die Programmermächtigungen des Infrastructure Investment and Jobs Act laufen am 30. September 2026 aus. Ohne neues Gesetz oder Übergangsregelung fallen die Formelmittel für Straßen, Brücken und Nahverkehr auf das Niveau vor dem IIJA zurück, und die Vergabe neuer Fördermittel aus den Ermessensprogrammen endet.
Ein Nachfolgegesetz liegt vor: Der BUILD America 250 Act wurde am 19. Mai 2026 im Verkehrsausschuss des Repräsentantenhauses eingebracht, sieht 580 Milliarden Dollar für Straßen, Brücken, Schiene und Nahverkehr vor und passierte den Ausschuss mit 62 zu 2 Stimmen. Die maßgeblichen Ausschüsse in beiden Kammern haben signalisiert, dass eine kurze Verlängerung nötig werden könnte, während die Arbeit am großen Paket weiterläuft.
Für die Bewertung ist weniger die Summe entscheidend als der Zeitpunkt der Mittelabflüsse. Rund die Hälfte der IIJA-Mittel war zuletzt noch nicht ausgegeben und fließt in den Jahren 2027 und 2028 ab. Anders gesagt: Selbst ein monatelanges politisches Gezerre ändert die Auftragslage der nächsten zwei Jahre kaum. Vulcan berichtet, die Vergaben für den Straßenbau in den eigenen Märkten lägen auf Zwölfmonatssicht zweistellig im Plus, in einzelnen Märkten um 20 Prozent.
Die zweite Nachfragesäule ist neu und wird an der Börse unterschätzt: Rechenzentren. Vulcan verweist ausdrücklich auf private Großprojekte, angetrieben von Rechenzentren und dem dafür nötigen Ausbau der Stromversorgung — und darauf, dass diese Projekte heute in zwei bis drei Monaten in Aufträge umschlagen statt in den historischen sechs. Ein Rechenzentrum braucht Unterbau, Zufahrten, Fundamente und Umspannwerke; das sind Hunderttausende Tonnen Gestein, und sie müssen aus dem Steinbruch nebenan kommen. Die These lässt sich prüfen: Vulcan liegt in 35 der 50 am schnellsten wachsenden Metropolregionen der USA.
Drei Szenarien bis 2028
Für eine Bewertung muss man sich auf Annahmen festlegen. Ausgangspunkt ist Vulcan mit rund 129,6 Millionen Aktien, einer Nettoverschuldung von etwa 4,7 Milliarden Dollar und einer Prognose für das bereinigte EBITDA 2026 von 2,4 bis 2,6 Milliarden Dollar.
| Szenario 2028 (Vulcan) | Annahme | EBITDA | Vielfaches | Rechnerischer Kurs | Gegenüber heute |
|---|---|---|---|---|---|
| Bär | Bauabschwung, Menge kumuliert −8 %, Preis nur +3 % p. a. | 2,35 Mrd. Dollar | 11 | rund 162 Dollar | −35 % |
| Basis | Menge +2 % p. a., Preis +5 % p. a., Kosten +2,5 % | 2,90 Mrd. Dollar | 14 | rund 279 Dollar | +13 % |
| Bulle | Infrastruktur plus Rechenzentren, Pfad Richtung 20 Dollar je Tonne sichtbar | 3,30 Mrd. Dollar | 16 | rund 374 Dollar | +51 % |
Bemerkenswert ist, dass diese Verteilung grob symmetrisch ist. Der Bärfall kostet 35 Prozent, der Bullenfall bringt 51 — bei einer Aktie, die bereits ein Viertel unter ihrem Hoch notiert. Zum Vergleich: Bei 330 Dollar im Frühjahr war dieselbe Rechnung deutlich ungünstiger. Genau das ist der nüchterne Grund, warum ein Rückgang bei einem Qualitätsgeschäft interessant wird — nicht weil der Burggraben plötzlich besser geworden wäre, sondern weil man weniger dafür bezahlt.
Der entscheidende Hebel im Modell ist nicht die Menge, sondern das Vielfache. Vom heutigen 15,8-Fachen auf 11 zu fallen, kostet allein rund 30 Prozent — unabhängig vom operativen Verlauf. Wer diese Aktien kauft, wettet zu einem erheblichen Teil darauf, dass der Markt bereit bleibt, für Reinheit einen Aufpreis zu zahlen. Diese Bereitschaft ist keine Naturkonstante; sie war 2011 nicht da.
Was ein Anleger daraus mitnimmt
Die These dieser Analyse lautet nicht, dass Vulcan Materials oder Martin Marietta billig wären. Sie sind es nicht. Sie lautet, dass hier ein seltener Fall vorliegt, in dem ein Burggraben nachprüfbar ist, statt behauptet zu werden. Man kann die Frachtkosten nachrechnen, man kann die Genehmigungslage in kommunalen Unterlagen lesen, man kann den Bruttoertrag je Tonne quartalsweise verfolgen. Das ist mehr Prüfbarkeit, als die meisten sogenannten Qualitätsaktien bieten.
Ebenso wenig ist die These, dass der Burggraben ein Ertragsversprechen wäre. Er ist ein Preisversprechen. Die Menge hängt an Hypothekenzinsen, Landeshaushalten und einem Gesetz, das am 30. September ausläuft — an nichts davon hat ein Steinbruch Einfluss. Wer sich das nicht klarmacht, verwechselt eine Mauer mit einem Dach.
Für Anleger im deutschsprachigen Raum kommen zwei praktische Punkte hinzu. Erstens die Besteuerung: Auf Dividenden amerikanischer Aktien behalten die USA bei korrekt hinterlegtem Formular W-8BEN 15 Prozent Quellensteuer ein; diese sind in Deutschland auf die Abgeltungsteuer von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag, also 26,375 Prozent, und in Österreich auf die Kapitalertragsteuer von 27,5 Prozent anrechenbar. Bei Dividendenrenditen von 0,84 Prozent (Vulcan) und 0,67 Prozent (Martin Marietta) ist das allerdings ein Nebenschauplatz — diese Aktien sind Wachstums- und Rückkaufgeschichten, keine Einkommenspositionen. Bei Heidelberg Materials mit 2,49 Prozent Rendite entfällt die Quellensteuerfrage für deutsche Anleger ohnehin, österreichische Anleger rechnen die deutsche Quellensteuer regulär an.
Zweitens die Währung. Wer Vulcan oder Martin Marietta in Euro kauft, hält neben dem Gesteinsgeschäft eine unbesicherte Dollarposition. Bei einem Investment, dessen erwartete reale Rendite im hohen einstelligen Bereich liegt, kann eine Währungsbewegung von zehn Prozent zwei Jahre Arbeit des Burggrabens auslöschen. Das ist kein Argument gegen die Aktie, aber eines für eine bewusste Positionsgröße.
Bleibt die unbequemste Zahl der ganzen Analyse: Der Verbrauch liegt zwanzig Jahre nach dem Hoch 23 Prozent darunter. Ein Burggraben, der über zwei Jahrzehnte keine Mengenerholung erzwingen konnte, ist immer noch ein Burggraben — aber er ist eine Verteidigungsanlage, keine Wachstumsmaschine. Wer für Verteidigung das 23-fache erwartete Ergebnis zahlt, sollte wissen, dass er genau das kauft.

